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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-12-28 · Heft 45 (28.12.1882) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 45 (28.12.1882)
Date
1882-12-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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theilnimmt an einem Baue, in dessen Hallen er selbst einmal ein schützendes Asyl zu finden vermag? Ist es möglich in der Zeit, wo der Handwerker, der Arbeiter, der Dienstbote einem Unterstützungs -, Kranken- und Leichenvereine angehört, daß es in dieser Zeit Männer gibt, denen das Wohl ihres Weibes, ihres Kindes nicht zu Herzen ginge? Ist es möglich, daß unser Sinn durch jahrelange Knechtschaft derart abgestumpft ist, daß wir uns für das Große und Schöne gar nicht zu erwärmen, zu begeistern vermögen? Nein, es ist nicht möglich, es kann und darf nicht möglich sein! Vielleicht Zufälligkeiten, kleine Ursachen mögen es jein, welche die Säumigen bis heute zurückgehalten haben dem Bünde der Cantoren Oesterreich-Ungarns beizutreten. Auf denn, Ihr Zögernden! Laßt Euch rathen von einem Collegen, der für Euch ein warmes Herz in der Brust trägt, und, Gott sei Dank, ich darf es sagen, der frei ist von jedem egoistischen Motive. Aber ich kenne aus eigener Erfahrung das Leid, das uns so oft und so ungerecht zugefügt wird; ich kenne das Erbübel, daß an uns zehrt und nagt und unsere Selbstbestimmung täglich und stündlich untergräbt. Hier reichen die Kräfte von Wenigen nicht aus. Alle müssen es sein! Leget ab diese Bescheidenheit, die diesmal wahrlich nicht am rechten Platze ist, rathet, thatet mit an dem herrlichen Baue, der einst Zeugniß ablegen soll, daß wir unserer Zeit Werth und würdig waren. Wenn es Euch Ernst ist, vorzuforgen für jene Zeit, wo Euer Können mit dem Wollen nicht mehr gleichen Schritt halten wird; wenn es Euch Ernst ist vorzusorgen für Weib und Kind, ja für Euch selbst in der Noth und Gefahr: So kommt, tretet unserem Vereine bei! Zeigt Euch würdig jener Männer, die den Kampf für Euch nicht scheuten. Durch Euren Beitritt werdet Ihr sie aufmuntern, auch weiter und mit mehr Erfolg Eure Interessen zu wahren und zu fördern. Laßt sie nicht an Euch verzweifeln! Denket an Eure Zukunft und erfüllet Eure Pflicht! Wenn nicht, nicht! Dann aber dürft Ihr Euch nicht beklagen, wenn die Zeitgeschichte über Euch zur Tagesordnung übergeht, dann haben Euere Seufzer keine Berechtigung, denn Ihr seid gezählt, gewogen und gerichtet worden. Turn au, 24. December 1882. Adolf Rotter. Der jüdische Gottesdienst. Y. Als allgemeine Grundsätze gibt der Talmud (Aboda Sarah) an, daß eine Verfügung, bei welcher ein großer Theil der Gemeinde nicht bestehen könne, d. h. demselben zu beschwerlich werde, nicht statt haben könne; ferner, daß Verfügungen, von denen man sich überzeugt, daß ein großer Theil Israels sie nicht befolge, ganz aufgehoben werden sollten. So wurde selbst eine von den 18 Verfügungen, über die sich die beiden Schulen Hillels und Schammai's (im 1. Jahrhundert der jetzigen Zeitrechnung) geeinigt haben, von R. Juda (4. Jahrhundert) aufgehoben. Es war nämlich nach jenen der Gebrauch des Nichtjuden an gehörigen Oeles untersagt gewesen; R. Juda gewahrte, daß man sich zu seiner Zeit meist nach diesem Verbote nicht richte, und er hob es daher gänzlich auf. — Hillel hat sogar ein biblisches׳ Gesetz aufgehoben, indem er entgegen dem Gesetze der Thora, nach welchem im siebenten Jahre als dem Erlaßjahre keine Schulden eingetrieben werden dürfen, dieses Gesetz als unzeitgemäß beseitigte. Neugierig sind wir in der That, wie unsere ״strenggläubigen Brüder" sich verhalten würden, wenn Jemand, der ihnen einige tausend Gulden schuldig ist, nach Ablauf von sechs Jahren sagen würde, er sei nach biblischem Gesetze der Zahlung überhoben, worin er ja ganz im Rechte wäre? — Biblisch muß der überlebende Bruder die Frau des Verstorbenen heiraten, wenn keine Kinder da find,, nur wenn er sich weigerte, trat Chaliza (Schuhausziehen als Zeichen der Beschimpfung) ein. Da sich aber herausstellte, daß die betreffenden Herren Brüder nur ihre reichen undschönen Schwägerinnen heiraten wollten — so wupde, um diesem Mißstande, der das sittliche Gefühl verletzte, abzuhelfen, das biblische Gesetz der Leviratsehe ein für allemal abgeschafft, d. h. durch Chaliza ersetzt. Alle diese tief eingreifenden Reformen haben vor vielen Jahrhunderten die Rabbinen ohne viel Federlesens eingeführt, ohne daß unwissende Scribler die Arroganz besaßen, sie zu verketzern und öffentlich zu beschimpfen. Wie schön und beherzigenswert^ ist daher das, was der sel. G eiger jenen sogenannten ״Rettern des Judenthums" zuruft: ״Es ist ungemein bequem, sich hinter die Unveränderlichkeit des todten Buchstaben zu verschanzen, das Leben zu ignoriren, und etwa hie und da einmal ein Klagegeschrei zu erheben, in der Gegenwart tiefster Schachte und Werkstätten nicht einzudringen, die Thatsachen der Geschichte nicht zu kennen, zu verleugnen und zu verdrehen — und dann auf sich als eine Säule des Glaubens hinzuweisen. Andere aber, die unverdrossen die Geschichte und das Leben studiren und das Heil für dieses suchen, an den Sch an dp fahl zu stellen. Es ist ungemein bequem, die Unwissenheit mit dem Nimbus heiliger Unantastbarkeit zu umhüllen, und die sauere Arbeit des Denkens und Forschens, des Wirkens und zeitgemäßen Belehrens von sich zu weisen." — Während die meisten ״nicht frommen" Rabbiner viel mehr predigen, unterrichten, Vorträge halten, als sie von Amtswegen nöthig haben, wissen die ״frommen" Rabbis bei all' ihren Lamentos und Klagen über Verfall des Judenthums nichts Wichtigeres zu thun, als darauf zu beharren, daß sie jährlich nur zwei verasebotb zu halten verpflichtet seien; sie finden es angemeffener, die übrige Zeit mit der Abfassung von Pasquillen und von unsinnigen Statuten, welche unserer Zeit Hohn sprechen, auszufüllen. Auch ״Retter des Judenthums!" Gott schütze es vor solchen ״Freunden!" — Biblisch ist es verboten, selbst durch unfern ״Knecht" ödere unsere ״Magd" am Sabbath irgend eine Arbeit verrichten zu lassen, wir müßten also consequenter Weise im größten Winter am Sabbath in der ungeheizten Stube zubringen, auch an Feiertagabenden in der Finsterniß sitzen — wie es in der That die Karäer noch jetzt machen — der Talmud hat aber darin ganz einfach reformirt, trotz Bibel, trotz Buchstaben des Gesetzes. Das Leben ist eben stärker als die todte Satzung. Auf der einen Seite deducirt der Talmud, daß die geringste Kleinigkeit, die man am Sabbath in der Tasche trägt, ein ״Lasttragen" sei, folglich dürfte der ״fromme" Jude nicht einmal ein Taschentuch am Sabbath in der Tasche haben — hingegen ist es erlaubt,

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