Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 45 (28.12.1882)
- Date
- 1882-12-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Von dem Cantorentage angefangen besteht auch der Berein, trotzdem er noch nicht constituirt ist. Ein erfreulicher Beweis wurde durch den Tod unseres Collegen Luria א״ה geliefert. Jeder trug, wenn auch noch nicht verpflichtet, sein Schärflein bei, um das traurige Los der Hinterbliebenen Familie zu lindern. Und ist in diesem Falle nicht auch ein Theil des Erfolges der ״österreichisch-ungarischen Cantorenzeitung" zuzuschreiben? Doch auch bei freudigen Anlässen fanden wir die Collegen aus Nah und Fern vereint. Dreimal im Laufe dieses Jahres waren wir in der angenehmen Lage, die Verdienste solcher Männer zu feiern, die durch eine lange Reihe von Jahren in ihrem Amte gewirkt hatten. Eine solche Feier ist eine mächtige Triebfeder und die Lust und Liebe zum Amte wird gewiß in jedem Collegen nur gehoben und gefördert, wenn er von dem Bewußtsein erfüllt ist, daß seinem Wirken die wohlverdiente öffentliche Anerkennung nicht ausbleibt. Eine höchst wichtige Frage, die wir uns jetzt zum Ende des Jahres zur Beantwortung vorlegen müssen, ist auch die, ob die ״Cantorenzeitung" durch ihren Inhalt den Anforderungen. die von Seite der geehrten Herren Collegen an sie gestellt wurden, gerecht geworden ist. Diese Frage bedarf umsomehr einer Erörterung, als uns in letzter Zeit von einigen Collegen der Vorwurf gemacht wurde, daß wir rabbinische Artikel ausgenommen hätten, die nicht in den Rahmen unseres Fachblattes passen.׳ Ja, einer dieser Herren Collegen meinte sogar, eine ״Cant orenz eitun g" dürfe überhaupt gar keinen Artikel, welcher von einem Rabbiner versaßt ist, in ihre Spalten aufnehmen.' Dieser Ansicht sind wir wohl nicht und wir glauben, mit gutem Grunde, denn so weit ist es doch noch nicht zwischen Rabbiner und Cantor gekommen, daß der Letztere von dem Ersteren sich nicht belehren lassen dürfte, ohne der.Ehre seines Standes etwas vorgeben zu müssen. Die ״Cantorenzeitung" ist gewiß nicht dazu da, um die Kluft, die in manchen Gemeinden zwischen Rabbiner und Cantor ist, noch zu vergrößere, ja ihr Streben muß es immer sein, Beide als Beamte der Gemeinde einander näher zu bringen und darum sind uns die Herren Rabbiner als Mitarbeiter unseres Blattes gerne willkommen, solche insoferne sie natürlich in ihren Artikeln Fragen berühren, die für den Cantor von Wichtigkeit sind und ihm nützlich werden können. Und daß Artikel, wie ״der jüd. Gottesdienst", ״Wort und Lied" oder ״das Machsor" und ähnliche, die wir von Rabbinen veröffentlichten, für jeden Cantor von großem Interesse sind, wird gewiß Niemand bestreiten. , Wenn man nun auf diese Weise einen Rückblick auf unser bisheriges Wirken und Streben wirft, so wird man uns gewiß nicht die gerechte Anerkennung versagen und wir theilen diese gerne mit unseren geehrten Mitarbeitern, denen wir für ihre eifrige Unterstützung unseren besten Dank abstatten. Besonders dankend müssen wir eines bedeutenden Collegen in Wien erwähnen, der sich theils durch seine gediegenen musikalischen Artikel, theils durch stete Theilnahme an der Redaction unseres Blattes besondere Verdienste um dasselbe erwarb. Und so hoffen wir, daß unsere geehrten Herren Collegen und Mitarbeiter auch im nächsten Jahre in Anbetracht des heiligen Zieles, das wir anstreben,uns ihre materielle und geistige Unterstützung in noch erhöhterem Maße angedeihen lassen werden. Mene Tekel Apharfin. Ein Jahr, ein langes, banges Jahr hat die ״ Cantor,enzeitung" bereits hinter sich und, honny soit qui mal y pe;use es sei mir heute gestattet zu untersuchen, ob sie gehalten, was sie versprochen, ob die Männer, die da mit schönen Worten uns vor Jahresfrist ein Gemälde vorgesührt, das wir bisher nur als eine Fata morgana, als verführerisches Traumgebilde schauen durften, auch ihr Bestes eingesetzt, um dieses geträumte. Ideal zu verkörpern, um ihm eine greifbare Form zu geben? Und haben sie es gethan, darf diesen Männern der Dank nicht vorenthalten, dann muß ihnen der Tribut der Anerkennung auch ganz undungeschmälert gezollt werden. Ist es doch der mächtige Trieb nach Anerkennung, der den Menschen drängt und treibt, das Gute zu suchen, zu schaffen und seinen Mit- Menschen glücklich zu machen! Aber auch aufmuntern soll unsere Anerkennung Euch, Ihr wackeren Kämpfer! Ihr habt das unbestreitbare Verdienst, uns aufgerüttelt zu haben aus der tödtlichen Lethargie, in der wir so lange, ach, gar so lange, gefesselt lagen. Cogito, ergo sum! Ihr habt uns gelehrt, daß wir sind, früher wußten wir es nicht. Man hat Euer Unternehmen im Anfänge, belächelt Wie denn nicht? Waren es doch C a n t o r e n, die es wagten in ihrer Toga das Forum der Oeffentlichkeit zu betreten! Ihr habt Euch nicht abschrecken lassen. Man hat später angefangen Euch zu kritisiren, und das war schon ein Fortschritt zum Bessern. Ihr habt der Kritik, wenn sie auch nicht immer in Glacehandschuhen auftrat, kräftig Stand gehalten. Man hat Euch endlich angegriffen und dies nicht immer in ritterlicher Weise; aber Ihr habt nicht feige die Flinte in's Korn geworfen; fest und treu hieltet Ihr zu Euerer Fahne. Darum werde Eurem ehrlichen Streben die wohlverdiente Anerkennung, und ohne hierzu irgend ein Mandat zu haben, glaube ich dennoch im Sinne vieler, ja vielleicht der meisten meiner Herren Collegen zu handeln, wenn ich Euch aus treuer Brust ein treues, kräftiges ״Wacker" zurufe! Kämpfet rüstig weiter, denn es ist eine gute Sache, für die Ihr Euch einsetzet. Harret aus und der Sieg wird nicht ausbleiben! Allein, wenn ich aufrichtig anerkenne, daß die Erfolge, welche die ״Cantorenzeitung" und mit ihr der Cantorenverein aufzuweisen in der Lage sind, nicht unbedeutend genannt werden dürfen, so kann ich andererseits nicht leugnen, daß diese Erfolge beiweitem größer und bedeutender sein konnten, wenn — Ja wenn! Es thut mir unendlich leid, meine Herren Collegen, eingestehen zu müssen, daß wir Cantoren und nur wir selbst Schuld tragen, wenn wir heute noch weit, noch gar sehr weit von unserem Ziele sind. Wie oft schon habe ich es Euch an dieser Stelle zugerufen, daß wir Alle wie ein Mann einstehen müssen für die Erreichung dieses Zieles. Auch hier bewährte es sich leider, wie so oft im Leben, daß uns Gott vor unseren Freunden bewahren möge, vor unseren Feinden wollen wir es schon selber. Es herrscht, Gott sei's geklagt, unter uns Cantoren eine, Gleichgiltigkeit, eine Indolenz, die uns nur mit Bangen in die Zukunft blicken läßt. Ist es denn möglich, frage ich mich, heute im Zeitalter der Association, wo der Gleiche den Gleichen, der Starke den Schwachen sucht, um vereint mit diesem dem Sturme im Kampfe um's Dasein zu trotzen; ist es möglich, daß der Schwächste unter den Schwachen kalt und gleichgiltig abseits steht und nicht