Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 44 (10.12.1882)
- Date
- 1882-12-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 4 — um Wort und Lied, welche dort auf den Lippen der Lehrer und Vorbeter erklingen, in sich aufzunehmen. Ich hatte neben den hochverdienten Vorstehern Herren Heim und Rüsso meinen Platz gefunden und wurde mir das erste Mal, seitdem ich von Berlin zeitweiligen Abschied genommen, bewußt, ein geistlicher Würdenträger des Judenthums zu sein. Ich habe bis jetzt meine rechtsgiltige ״Hochwürdigkeit" in Wien wenig oder gar nicht gefühlt. Das einzige Mal, wo das Gefühl von. Achtung vor der heiligsten Wissenschaft, כבוד התורח, die allererste Pflicht der Glaubensgemeinschaft, sich mir gegenüber angenehm in hiesiger Stadt zur Geltung brachte, war in dieser schönen Synagoge. Es ist erstaunlich, wie Großes diese Gemeinde in Cultus und Humanität leistet, bewunderungswürdig der Zusammenhang und Zusammenklang deutscher und portugiesischer Melodie, morgen- und abendländischer Tonsprache, welche indem vortrefflich geleiteten Chor — innerhalb einer andachtsvollen, sehr zahlreich versammelten Gemeinde — zum Ausdruck gelangt, dessen Träger der in Kirche und Haus würdige, in hervorragendem Maße begabte Obercantor I. Bauer ist. Erhebend im portugiesischem Ritual ist der Empfang der Sabbathbraut mit dem Strahlendiadem des hohen Liedes der Liebe (Sehir- Hasehirim) die begeisternde messianische Hoffnung, welche im Kadischgebet liegt und der Abschluß der Gebetordnung mit dem Jigdalgebet, für dessen Verfasser ich Spinoza halten möchte, der die maimonidische Glaubensanschauung mit selbstthätiger Reflexion in wundersam anheimelnden Rhythmen in diesem Gebet erklingen ließ. מציאות ist die Sübstanzgröße der Ausdehnung und Majestät des Gedankens. מיבבות und גדולח sind die Attribute des Herrn der Welt, "PIT אחד ואין כיחודו des "L-- xain&r, der harmonisirenden Einheit des Alls, der als beseelende Kraft (natura naturan8) wie der beseelten (natura naturata) sein Gesetz veräußerte (לעולמיב לזולתו). Die Initialen des Schlußsatzes בר. ך עדי עד שם חד,לתו schließen, nach spanischem Vorbilde auch in innerlicher Assonanz den Namen Baruch (Benedikt) Spinoza ein. Eine ganze Fülle von poetisch-philosophischen Reflexionen regte der Gottesdienst in mir an. Ich werde, will's Gott, mich eingehend in diesen Blättern noch mit ihm beschäftigen. Dr. S. Nascher. Wien, im December 1882. Das Mädchen von TiM-Cßlar. Die ״Extrapost" vom 16. d. M. bringt weiters folgenden Bericht: ״Ich gratulire Ihnen, daß Sie den Muth hatten, die Wahrheit zu schreiben" — mit diesen Worten wurde der Autor unseres Artikels vom 10. d. M. bei seiner letzten Anwesenheit in der ungarischen Hauptstadt von einem ersten Budapester Bürger katholischer Confeffion begrüßt. Diese Apostrophe gewinnt umsomehr an Werth, als die betreffende Persönlichkeit einem Gesellschaftskreise angehört, welcher seine Informationen aus sicherer Quelle schöpft. Diese Worte stärken aber auch unser Bewußtsein, daß wir uns in dem Rahmen der freisinnigen Tendenz unseres Blattes bewegen, wenn wir rückhaltslos, frei und offen mit der beschränkten Kraft, die der periodischen Presse innewohnt, uns einer Bewegung entgegenstellen, welche die Aufhebung der Menschenrechte sich zum Ziele gesetzt hat. Und daß nur diese Tendenz in der Bewegung liegt, deren Mittelpunkt der Gerichtssprengel von Nyiregyhaza ist, beweist auch die Theilnähme, welche sich für unsere letzte Publication kundgab. Unser Redactionsbureau war außer Stande, all die Anfragen, welche uns aus allen Schichten der Gesellschaft zukamen, die brieflichen und telegraphischen Zuschriften aus Ungarn, aus Deutschland wie aus den österreichischen Provinzen zu beantworten — wir registriren dies, um die Aufregung zu kennzeichnen, mit welcher der endliche Abschluß der Affaire von Tisza-Eßlar aller Orten erwartet wird- Wohl können wir auch Stimmen verzeichnen, welche uns beschuldigen, daß wir es sind, die mit den Ent- Hüllungen׳ in der letzten Ausgabe unseres Blattes eine Aufregung hervorgerufen haben. Diese Beschuldigung weisen wir zurück. Wir reproduciren die wichtigste Stelle aus unserem letzten Artikel: ״Die antisemitischen Generale sind in eine Sackgasse gerathen und der Gerichtshof in Nyiregyhaza, der Sachwalter der ungarischen Antisemiten, ist das einzige Forum, vor welchem die Anstifter der sensationellen Affaire Rettungfür sich finden können. Ja wohl: für sich; denn heute ist für den Gerichtshof die Frage gar nicht mehr vorhanden, ob die Juden das Mädchen gemordet haben. Die Frage ist längst erledigt: Der Gerichtshof weitz es und ist nber»engt, das; die Juden unschuldig sind. Die Aufgabe des Gerichtshofes wird sich also darauf beschränken, zu verhüten, daß die wirklichen Mörder von der Gerechtigkeit der Hand ereilt werden! Das ist die Wahrheit, die unverfälschte Wahrheit und weil jeder delegirte Gerichtshof cs für seine Pflicht erachten würde, nicht nur die Juden freizusprechen, um damit die Sache zu beenden, sondern Alles daran zu setzen, um die wirklich Schuldigen zu eruiren und der gerechten Strafe zuzuführen, deshalb unterbleibt die Delegirung eines unparteiischen Gerichtshofes, deshalb verbleibt die Affaire in Nyiregyhaza!" Ist nun diese Mittheilnng an sich geeignet, ein allgemeines Interesse, geschweige denn eine Aufregung hervorzurufen? Gerichtspersonen mißbrauchen ihre Amtsgewalt! Abgeordnete — so ungefähr sagten wir im weiteren Verlaufe des Artikels — mißbrauchten ihre durch die Immunität geschützte Stellung! Ja, ist Solches denn noch nicht dagewesen? Sind nicht Fälle genug zu verzeichnen, wo Unschuldige verurtheilt wurden, wo Männer, denen das Vertrauen ihrer Mitbürger Stellung verliehen, diese mißbraucht haben? Und haben solche Fälle die Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten Welt auf sich gelenkt? Weshalb also hier die Ausnähme? Weil die Bedeutung der Affaire von Tisza-Eßlar nicht in der Art der gerichtlichen Procedur liegt, weil die'Mißbräuche, deren sich Gerichtspersonen schuldig machten, weil die Jnhaftirung unschuldiger Menschen von untergeordneter Bedeutung sind gegenüber der Tragweite der Anklage, daß ein culturell vorgeschrittener, aus der ganzen Erde zerstreuter und viele Millionen Seelenu'mfassender Volksstamm auf Grund seiner religiösen Satzungeneine ewigeGefahr bildetsürdas Leben seiner Mitbürger Darin liegt das Wesen der Sache, diese Anklage soll fortan der Schlachtruf der Antisemiten sein und das negative Resultat der gerichtlichen Procedur in Nyiregyhaza soll diese Parole möglich machenIDie angeklagten Juden werden freigesprochen sein und ihre Freiheit wieder erlangen; aber dieser Freispruch ״weil keine genügenden Beweise erbracht werden konnten" wird von den Jüngern des Berliner Hofpredigers als ein wirksames Mittel benütztwerden, umsich'Vorurth ei lundDummheit dienstbar zu machen. Der Proceß, welcher sich eben jetzt vor demRz esz o w er Strafgerichte abspielt, beweist dies zur Genüge. Auch da ist ein Christenmädchen verschwunden. Dermuthmaßliche Mörder versucht es,sich nach dem Tisza-Eßlarer Recepte aus der Schlinge zu ziehen. Wohl paßte das Märchen vom Christenblut nicht zur kritischen Zeit, es waren eben die jüdischen Ostern vorüber, als das Mädchen verschwand; es mußte also irgend ein anderes ״religiöses Motiv" herhalten. So werden die Herren Mörder, sicher nicht zum Nutzen der öffentlichen Sicherheit, die Vorsicht zur Geschäftsmaxime machen, fortan sich nicht allein mit Mordinstrumenten, sondern von Fall zu Fall auch mit einem ״-religiösen Motiv" zu versehen. (Wir wollen da, um unsere Unparteilichkeit darzuthun, die ehrenwerthe Gilde der Spitzbuben auf den ״Motiven"- Schatz aufmerksam machen, der für sie bereits fix und fertig vorbereitet ist: wer ein ״Motiv" benöthigt, der greife nur in die Mistgrube, in welcher der ״Gelehrte" Rohling f₪B₪münü