Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 44 (10.12.1882)
- Date
- 1882-12-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Was ist auf dem letzten Blatte dieses großen Werkes zu lesen und womit schließt der Talmud? Mit. dem Satze: es gibt kein Gefäß, das reicheren Segen für Israel faßt als den Frieden; denn also heißt es in den Psalmen: Stärke verleiht Gott seinem Volke, darum segnet er es mit Frieden. Mit einem Friedensgruße an die Menscheit also schließt der Talmud. Beherzige es-wohl, ruft er demjenigen zu, der ihn studiert und zum Gegenstände seines Forschens macht. Wenn Du Alles, Alles verstanden und begriffen hast: die Theile, welche von den Gebeten und Festtagen handeln, die Tractate, welche das Familienleben betreffen, die Abschnitte, welche das bürgerliche und sociale Leben ordnen, die Blätter, welche den Opfervorschriften und den Reinheitsgesetzen gewidmet sind: dann wirst du überzeugt sein, daß es kein höheres Gut auf Erden gibt als den Frieden: Frieden mit Gott durch ein reines, lauteres Gewissen, Frieden in der Familie durch Nachgiebigkeit und Versöhnlichkeit, Frieden mit allen Menschen durch Gerechtigkeit, Treue, Wohlwollen und Liebe. Dazu wurde Israel die Thora übergeben, dazu erzieht sie ihre Bekenner, das ist ihr höchstes und letztes Ziel. Sie ist kein Kriegsmanifest an die Völker, sondern ein Buch des Friedens: Der Gott, den sie verkündet, ist ein Gott des Friedens, seine heilige Stadt heißt Jerusalem oder Friedensstätte, die Pfade, die sie Israel führt, sind Pfade des Friedens. Ein echter, treuer und vollkommener Talmudjude ist daher ein Mann des Friedens. Er reizt nicht, hetzt nicht, schürt nicht; er facht keinen Zank und Streit an; er erregt keinen Haß und keine Feindschaft unter seinen Mitmenschen; er ist kein Lügner, Lästerer und Verleumder; er verabscheut es, Stamm gegen Stamm, Sprache gegen Sprache, Confession gegen Cvnfession auszustachelu. Wie die Biene aus den Blumen Honig saugt, so nährt der TalmudjUde aus den Blättern des Talmud seinen Geist mit friedfertigen und menschenfreundlichen Der Stern blinkt, Die Pforte schließt, Das Herz zerfließt. In felsiger Kluft, In düsterer Gruft, Bei Tag und bei Nacht, Du hältst die Wacht. Du hebst die Schimmer, Die sinkenden Trümmer, Aus Gräbern heraus Ein Gotteshaus. Hör' doch das Sehnen, Sieh' doch die Thräuen, Gib doch der Brust Die himmlische Lust. Es falle die Schranke, Die Brüder noch trennt, Wenn Herz und Gedanke Zu dir sich bekennt. Und auf dem Erdenrund Tön' es durch Herz und Mund: Der Ewige ist der wahre Gott! Lehren, die er dann im praktischen Leben, in seinem Hause, in seiner Gemeinde, im Staate und im Verkehr mit allen Völkern und allen Religionsbekenntnissen zu befolgen und zu beobachten sich bemüht. Der Talmudjude schließt sich nicht der streitsüchtigen Rotte Korah's an, sondern ist ein treuer Jünger des ersten Hohenpriesters in Israel: er liebt den Frieden und fördert den Frieden, wo er kann. Heil unserem theuern Vaterlande, daß durch Sprachstreitigkeiten und Nationalitätenkämpfe zerrissen und zerwühlt ist, Heil Oesterreich, wenn alle Stämme und Völker in seiner Mitte echte und vollkommene Talmudjuden zu ihren Führern hätten: dann würden alle Sprachen und Zungen aus Vaterländischem Boden zu einer Friedenshymne sich vereinigen, würden alle Stämme des Reiches für die Größe und den Ruhm des Vaterlandes einträchtig Zusammenwirken, würde an Oesterreich das Wort des Propheten sich bewähren: ״Groß ist der Friede deiner Söhne", alle, alle schaaren sie sich um die ruhmvolle Fahne des einen, großen und mächtigen Reiches einmüthig und friedfertig? Ein Älien-gottesdienft am Zabbath Ehanuka. Erhöhtes religiöses Bedürsniß führte mich am Makkabäerfeste in's Gotteshaus. Daß jenes Fest mit dem heiligen Sabbath zusammenfiel, vermochte noch meine Andachtsstimmung zu erhöhen. Ich habe die hohen Herbstfesttage d. I. im Leopoldstädter Tempel und den 25jährigen Jubelerinnerungstag des dort angestellten Obercantors I. Gold stein beim Vernehmen seiner wie Posaunenschall tönenden Stimme im Voraus still und andachtsvoll gefeiert. Der Güte unseres Dr. Ludwig August v. F rankel, bei dessen silbernem Hochzeitsjubiläum ich theiluehmender Zeuge war, verdankte ich den letzten Acr seines Gemeindesecretäramtes, die freundliche Ueberweisung eines angemessenen Tempelsitzes in der Nähe von Rabbiner und Cantor. Dr. Güdemann ist mein älterer Breslauer Studiengenoffe aus der Blüthezeit des Rabbinerseminars. Ich habe die Hüttensest- und Sabbathtage im Tempel der inneren Stadt zugebracht. Der mir durch drei Generationen hindurch befreundete, sehr achtens- und beachtenswerte Cantor Fischer hat es ermöglicht, daß ich Dr. Jellinek's 25jährige oratorische Jubelfeier mit gebührender Theilnahme von einem anständigen Platz aus gehört und mit dem wackeren, berufstüchtigen Obercantor I. Singer nach Anhörung seines Vortrages, langjährige persönliche Beziehungen auf's Neue anknüpsen konnte- Wo nun das Chanukasest feiern? und da sagte ich mir, ich will doch einmal den verdienten Begründer dieser Blätter, die Gemeinde desselben und das portugiesische Ritual kennen lernen. Ueberdies ist es eine pietätsvolle Erinnerung meiner Kindheit, in welcher ich vom Vater (Oberrabbiner von Baja) und Groß- Vater (Rabbiner von Bielitz) in die Synagoge der türkischen Gemeinde begleitet ward, und wo mir das ehrwürdige, patriarchalische, milde Antlitz und Wesen des greisen Rabbi (Chachcnn) s. A. unvergessen geblieben. Nachdem ich nun die allernothwendigsten Berwandtenbesuche am universellen Feiertage erledigt hatte, begab ich mich in die Synagoge der türkischen Gemeinde in der Circusgasse. Der Name Gottes erglänzte unter der goldenen Krone der himmlischen Majestät, welche auf den herabwallenden Purpurvorhang des Sanctuariums im Schimmer der ewigen Lampe herrlich reflectirte. Ein gestirnter Himmel Lhut sich architektonisch über der Bimah (Anhöhe) auf, W^MWLNNM