Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 44 (10.12.1882)
- Date
- 1882-12-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Ein Jahr ist seitdem verflossen, ein Jahr, das den Cantoren in ewigem Andenken bleiben wird, ein Jahr, in welchem, wenn auch nicht Unvergängliches geschaffen, so doch zur Schöpfung vorbereitet wurde. Und hat die ״Oesterreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung" ihre Aufgabe erfüllt, hat sie auch darnach gestrebt, dasjenige Ziel, das sie sich vorgesteckt, zu erreichen? Wir glauben diese Fragen mit ruhigem Gewissen bejahen zu können und Niemand wird es bestreiten, daß wir trotz der großen Hindernisse, die sich uns entgegenstellten, mit unermüdlichcm Eifer an dem Aufbaue unseres Werkes thätig waren. Wir könnten viele einzelne Erfolge, die die ״Cantoren-Zeitung" in diesem Jahre errungen, aufzählen, doch wir beschränken uns nur auf die wichtigste Frage, auf den Cantorenverein. Wenn wir mit diesem auch nicht ganz am Ziele sind, so sind wir dennoch sehr nahe daran und wir können mit Bestimmtheit erklären, daß die Constituirung des österreichischungarischen Cantvrenvereines sich im Laufe des nächsten Monates vollziehen wird. Der Talnmdjude. R ed en von D r. Ad. I e l l i n e k- II. Eine zweite Zeitbestimmung wurde mit den Worten angegeben: Man kann das Sch’ma am Abend lesen, sobald der Arme heimkehrt, um sein Brod mit Salz zu essen. Denn so lange noch ein matter Lichtstrahl am Himmel schimmerte und der jüdische Arme, fleißig, rührig, arbeitsam, noch hoffen konnte, etwas zu verdienen, verweilte er außerhalb seiner Wohnung in den belebten Straßen; erst nachdem es dunkel geworden war, begab er sich nach Hause. Und was harrte dort seiner? Brod und Salz, ein kärgliches Mahl, um seinen Hunger zu stillen. Denn er war mäßig, enthaltsam und sparsam, vertrank und verschwendete nicht das Geringe, das er erwarb, sondern legte einen Theil desselben hin für seine Kinder, für ihre sorgsame Pflege, ihre anständige Kleidung und ihren bildenden Unterricht. Das dritte Zeitmaß endlich für das Lesen des Scli'ma am Abend war -das Aufleuchten der Sterne. Hoch oben flimmernde und funkelnde Sterne, tief unten Schatten und Dunkelheit: ist das nicht das Bild des Pro- Pheten: Finsterniß bedeckt die Erde, tiefes Dunkel die Nationen, über dir aber, o Israel, strahlt Adonai der?Höchste und der Glanz seiner Majestät wird über dir sichtbar? Und hat dieses Bild nicht heute noch, in dieser trüben und traurigen Gegenwart, seine volle Geltung? Bedeckt nicht Finsterniß so viele Länder der Erde, hüllt nicht Wolkendunkel so viele Nationen ein und steht nicht da Israel allein umflossen vom milden göttlichen Schimmer des Erbarmens und der Nächstenliebe? Wahrlich, es gibt keine Liebe und keine Treue und keine Gotteserkenntniß auf vielen Punkten der Erde, eine Gesellschaftsclasse wüthet gegen die andere, die Treue der Völker wankt, Gott und dessen Weltregierung werden geleugnet; Bomben, Dynamit und Antisemitismus, das sind die mächtigen Götter unserer Zeit, in deren Dienst die Menschen sich selbst herabwürdigen und schänden! Das ist der Anfang des Talmud, das auf den ersten beiden Seiten desselben zu lesen: von dem einen, ewigen, unwandelbaren Gotte, von dem Gotte aller Stämme, R.acen und Religionen, von dem allgemeinen Priesterthum Israels, von dem Fleiße und der Arbeitsamkeit, der Enthaltsamkeit und Sparsamkeit des Armen in Israel und von dem Gottesbekenntnisse des Judenthums, das wie die Sterne am Himmel auf Erden leuchtet, wenn auch Alles ringsumher in Finsterniß sich hüllt, kurz von Sch’ma Israel und Adonai Echad. Wort und Lied. Predigt-Finalen von Dr. S. Nascher. I. Text: ״Du bist heilig, du thronst auf den Lobgesängen Israels." Ps. 22, 4. Durch Herz und Schmerz soll dringen. Zu dir empor soll klingen Das Lied, das dir geweiht In Lieb' sich stets erneut. Und wenn ein Mißton in der Brust Dämpft und trübt die Himmelslust, Dann hebt der Geist die Schwingen, Um dir ein Lied zu singen.. Und fließt das Leben hin wie Rauch, Stirbt zitternd hin der letzte Hauch, In dir nur tönt der wahre Friede, Unsterblichkeit klingt aus im Liede. II. Text: Die lieb und treu im Leben waren, bleiben unzertrennlich auch im Tode*). _ Sam. H. 1, 23. *) Der Erinnerung seines unvergeßlichen, theuren Bruders Adolf Nascher, Oberlehrers aus Waitzen, und der ihm mit dem Tode vorausgegangenen herzigen, herrlichen Gattin Julie, geb. Arnheim, schmerzlichst gewidmet. 1. Wahrheitsdurchdrungene, Geistesverbundene, Erdenentwundene, Himmelumschlungene. 2. Euch regten nicht Sorgen, Euch strahlet der Morgen, Ihr lebet in Weihe. In heiliger Reihe. 3. Ihr kennet nicht Schmerzen, Nicht wunde Herzen. Kennet nicht Leiden, Mögt Euch nur weiden Am göttlichen Licht, Vergesset uns nicht! 4. Wir beten für Euch in dieser Stund' Mit pochendem Herzen und bebendem Mund: >Vater im Himmel, spende dein Licht, Die selig Verklärten vergissest du nicht! III. Text: Der Ewige ist der wahre Gott. Könige I. 18, 39. (Der Ausgang des Versöhnungsfestes.) Die Sonne sinkt,