Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 43 (12.12.1882)
- Date
- 1882-12-12
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Budapest, 6. Dec. 1882. Löbl. Vorstand des österr.-ungar. Cantorenvereines. Mit besonderer Ergebenheit zeige hiermit an, daß ich die a! meinen Bruder Dr. Relhi für mich gesandten zweihundert Gulden erhalten habe. Zugleich fühle ich mich veranlaßt, den löbl. Vorstand sowie der geehrten Reduction der ״Oesterr.- nngar. CantoremZeitung" für ihre eifrigen Bemühungen und für ihre väterliche Fürsorge zur Linderung meiner Noth den herzlichsten Dank auszusprcchcn. Ihr segensreiches Wirken fe vom Allmächtigen stets von Erfolg gekrönt und das schöne Beispiel, das Sie an mir geliefert, möge alle Canroren zum Beitritt in diesen Verein bewegen, auf daß derselbe blühe und gedeihe und für ewige Zeit Bestand habe. Indem ich noch die Bitte stelle, es möge der löbl. Vorstand diesen meinen innigsten Dank an alle verehrten Vereins- Mitglieder in dem geschätzten Vereinsorganc veröffentlichen, zeichne ich hochachtungsvoll Ernestine verwitwete Luria. Kteine GHronik. Wien. Die ^Extrapost vom 10. Decembcr bringt solgenden sensationellen Bericht über die Tisza-Eßtar-Affaire: Das Verschwinden des Mädchens von Tisza-Eßlar, hat die civilisirte Welt in größte Aufregung versetzt. Die halb und die scheinbar civilisirte Welt nahm das Märchen vom rituellen Mord gläubig auf und gerieth in eine Aufregung, wie eine solche beim Auftreten einer verheerenden Epidemie Jeden erfaßt, der um die Seinen besorgt ist und den unheimlichen Gast gleichsam an seiner Thüre pochen hört Die gebildete Welt dagegen erblickte in dem sensationellem Falle einen gewaltigen Rückschritt der CivMsation, und was von Hexen- Processen und Folterkammern der Phantasie der lebenden Generation kaum mehr wie als Bilder aus ״Tausend und eine Nacht" vorschwebte — die entsetzlich ungeheuerliche Anklage, zu welcher sich der Rcichstagsabgeordnete O n o d y verstieg, die Art der Einleitung des Processes durch den Gerichtshof in Nyiregyhaza, die Anfüllung der Kerker mit Inden, die Jnhafthaltung des jugendlichen angeblichen Hauptzeugen, die Fälschung von Protocollen, die Anwendung von Torturen und alle die in den Journalen der ganzen gebildeten Welt veröffentlichten Mißbräuche der Amtsgewalt von Seiten des'amtirenden Richters, sie sind geeignet, der jetzigen Generation das Bild aus vergangenen Jahrhunderten vorzuführen und die Schrecknisse gleichsam mitfühlen zu lassen, welche Rad und Scheiterhaufen einstens hervorgerufen haben. Diese Aufregung der öffent lichen Meinung und gerade die Entrüstung, welche die Procedur in Nyiregyhaza in der rechtlieb enden, in der gebildeten, in der wahrhaft civilisirten Welt verursacht, spielt für die Art der Beendigung der traurigen Affaire eine verhängnißvolle Rolle und wir stehen hier vor dem Nonsens, daß gleichsam im Namen und angeblich im Interesse der rechtliebenden, der nusgeklärten Menschheitdie Wahrheit, d i e reine, nnversälschte Wahrheit zu unterdrücken, zur Sache der Opportunität geworden ist! Jawohl, die Opportunität hält in diesem Falle die Waage der Themis in ihrer Gewalt; denn würde der Gerechtigkeit freier Laus gelassen, säßen die wirklichen Mörder Etzter Solymotzy's seit Langem schon hinter Schloß nn- Riegel. Man ist in Kreisen der ungarischen Regierung darüber vollkommen im Klaren, daß unter all d en Häftlingen und gerichtlich Beschuldigten auch nicht ein Einziger an der Ermordung des Mädchens theilgenommen hat. ja, daß die Jnhaftirten, weil von der Außenwelt abgeschlossen, nicht einmal eine Ahnung davon haben können, was mit dem verschwundenen Mädchen geschehen ist. Man weiß es, daß der Gerichtshof in Nyiregyhaza parteiisch ist; trotzdem soll dieser Gerichtshof die Schlußver- Handlung führen; in der Schlußverhandlung sollen s ü m m l l i ch e A n g e s ch u l d i g t e f r e i g e s p r o ch e n werden; es werden für ihre Schuld keine Beweise erbracht werden und — die Sache wird abgeschlossen sein und soll in Vergessenheit gerathen. D a s ist das Programm, d a s der N0äu8 xrooeäsnäi und diesem Programme entsprechend war auch die Antwort, welche Minister Pauler dem Abgeordneten Mezai auf dessen Interpellation im Reichstage gab. Diese merkwürdige Antwort lautet ungefähr folgendemaßen: Der Gerichtshof in Nyiregyhaza ist ein Mustergericht, der Untersuchungsrichter ein vortrefflicher Mensch; die Commissäre in Tisza-Eßlar sind wahre Lammsnaturen, die sich eher selbst die Nase abschneiden, ehe sie an. Anderen Torturen anwenden sollten; der Knabe Scharf ist frei, wie der Fisch im Wasser; die Protocolle sind alle echt und—Pauler ist das Muster eines Justizministers! —Das Haus nahm diese Jnterpellationsbeantwortung zur Kenntniß. Das war natürlich. Das Abgeordnetenhaus konnte und durfte in diesem Stadium der Affaire in dieselbe nicht weiter eingreifen, es mußte also vor der Hand die Antwort des Mimsters gelten lassen. In Wahrheit liegt die Sache folgendermaßen: Die antisemitischen Generale sind in eine Sackgasse gerathen und der Gerichtshof in Nyiregyhaza, der Sachwalter der ungarischen Antisemiten, ist das einzige Forum, vor welchem die Anstifterder sensationellen AffaireRettung für sich finden können. Ja wohl: f ü r s i ch; denn heute ist für den Gerichtshof die Frage gar nicht mehr vor- Händen, ob die Juden das Mädchen gemordet haben. Die Frage ist längst erledigt: Der Gerichtshof weiß es und ist überzeugt, daß Die Juden unschuldig sind. Die Aufgabe des Gerichtshofes wird sich also darauf beschränken, zu verhüten, daß die wirklichen Mörder von der Hand der Gerechtigkeit ereilt werden! Das ist die Wahrheit, die unverfälschte Wahrheit und weil jeder delegirte Gerichtshof es für seine Pflicht erachten würde, nicht nur die Juden freizusprechen und damit die Sache zu beenden, sondern Alles daran zu setzen, uni die wirklich Schuldigen zu eruiren und der gerechten Strafezuzuführen, deshalb unterbleibt die Delegirung eines unparteiischen Gerichtshofes, deshalb verbleibt die. Affaire in Nyiregyhaza! Weshalb diese Vertuschungssucht? Wer sind die Mörder?׳ Wir wollen in diesemAugenblrcke noch mit Nennung von Namen zurückhalten und beschränken uns heute darauf,, es als apodiktisch und entschieden verläßlich zu bezeichnen, -atz Eszter Solyrnotzh durch Christenhand -en Tosau-, daß die aus der Theiß geschwemmte Leiche thatsächlich die des ermordeten Mädchenswar; Die vorgestern vorgenommene neuerliche- Untersuchung der Leichenüberreste wird zweifellos zum minde-