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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-12-12 · Heft 43 (12.12.1882) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 43 (12.12.1882)
Date
1882-12-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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In jenen Tagen gab cs noch keine Taschenuhren, welche 'die Zeit messen, Stunden und Minuten genau anzeigen, was allerdings die Folge hatte, daß die Besucher der Synagogen nicht während der allgemeinen Andacht die Uhr herausnehmen konnten, um nachzusehen, ob der Gottesdienst nicht zu lang dauere. Der Talmud mußte daher nach Zeichen suchen, um den Israeliten zu erinnern, wann der passende Moment für die Ablegung des Glaubensbekenntnisses eintrete. Als noch der Tempel auf Zion sich erhob, lautete das Gedenkzeichen: Wann die gereinigten Priester heimkehren, um ihre Hebe oder priesterliche Gabe zu verzehren, kann man das 8ed'mn-Bekenntniß recitiren — und die Priester, was waren sie in Israel? Etwa die Gebieter der Geister und der Gewissen, die Herren und Hüter des Glaubens, die alleinigen Inhaber und Lehrer der Thora? Nein! Ganz Israel wirdein Priesterreich und ein heiliges Volk genannt und dieses allge- 'meine Priesterthum eines ganzen Volkes, diese Würde, Hoheit und Auserwähltheit, fand seinen feierlichen Ausdruck jeden Morgen und jeden Abend in dem Rufe: Sch’ma, höre es, Israel, ganz Israel, ohne Unterschied der Stände und Classen, der Ewige ist unser Gott, hat uns alle gleich berufen zu seinem Dienste, . zu seiner Heiligung, zu seinem Eigenthum, zu dem festen und unerschütterlichen Glauben an ihn, den Ewigen, Einigen und Alleinigen! (Fortsetzung folgt.) Der 30. Psalm. ' (Zum Kanuka-Feste.) Alle Commentatoren stellen Fragen an über den völligen Mangel der Uebereinstimmung der Ueberschrift mit dem Inhalt des Psalms. Die Antwort lautet von Seiten der Biuristen und in diesem Sinne homilitisirenden Interpreten: es bezieht sich dieser Psalm auf die Wiedergenesung des Dichters, mithin Wiedererstehung seines durch Krankheit geschädigten organischen Gerüstes. Daß David der Verfasser ist, wird natürlich behauptet. Das Schwierige und Gesuchte dieser wohlgemeinten, metaphorischen Erklärung leuchtet wohl ein. Nach unserem Dafürhalten aber ist dieser Psalm nur im Davidischen Geiste gedichtet und ein Gebet nach der Schlacht der Makkabäer, als sie sich rüsteten vom Heiligthnm der Nation zum religiösen Heiligthum (חנכת הבית) zu schreiten und dieses wie jenes durch das Licht der Freiheit religiöserGesinnung und Gesittung zu weihen. Nur in dieser Weise erklärt sich der Satz: ״Was hätte es genützt, mein Blut für die große Sache des Vaterlandes zu weihen, wenn ich statt der Heils- Wahrheit dem Abgrunde zugesteuert wäre" (Vers 9 und 10). Der ganze Psalm aber ist eine poetische Umschreibung des von Kaiser Wilhelm nach der Schlacht bei Sedan seinem Hause und Volke zugerufenen Wortes (V. 12): ״Welche Wendung durch Gottes Fügung". Den Makkabäern wird übrigens von den singenden Zeitgenossen im Tempel der historisch-didaktische ׳Stufensang Ps.' 132 gewidmet. Die Makkabäer, Sprossen des hohen Priesters Matathias, sind Priester, die sich mit Gerechtigkeit und Heil bekleiden, so daß die Frommen, vom Gewissensdruck befreit, aufjauchzen (Vers 9 und 17). Ihrem Geschlechte (Vers 18 und 19) erblüht daher die gottgeheiligte Königskrone Davids! Dr. S. Nasche r. Ist der Fortschritt im Äudenthnme nöthig? Zeigt sich auch der Staat über die gegen Juden verbreiteten Borurtheile erhaben, die Gesellschaft und nicht immer die der untersten Schichten, sieht den Bekenner des alten Bundes noch immer nicht ganz für ebenbürtig an, sie läßt ihn in ungezählten Fällen immer wieder fühlen, daß er nur geduldet sei und eigentlich gar nicht jene gesellschaftliche Rücksicht verdiene, wie sie ja unter den Gebildeten gang und gäbe ist. Sind diese Beobachtungen schon in regulären Zeiten höchst bedeutenswerth, so gewinnen sie um so mehr an Bedeutung, als gerade in neuester Zeit im Stillen sowohl wie öffentlich der Kreuzzug gegen Israel wieder gepredigt wird. Es ist nicht Zweck dieses Artikels, die Grundlosigkeit jener Unbill auseinander zu setzen, sondern unser Augenmerk dahin zu lenken, wo es Bedürfniß ist thatkräftig einzugreifen, damit das gebildete, humane Christenthum nicht mit getheilten Gefühlen seiner Religionsmutter entgegen komme. Um diese Borurtheile aus der Welt zu bannen muß der Fortschritt in unserem Gottesdienste beginnen. Nur ein geregelter, zeümgeäßer Gottesdienst fördert die Andacht. Das Minjan einer orthodoxen Gemeinde mit all' ihrem Toben, Hüpfen und sonstigen Eigenthümlichkeiten kann dem wahrhaft religiösen, gebildeten Israeliten nur einen abstoßenden Eindruck gewähren. Wenn nun ein Christ Gelegenheit findet, einem solchen nach altem Ritus abgehaltenen Gottesdienst beizuwohnen, dürfen wir uns dann wundern, wenn es von irgend einer aufgeregten Versammlung, in der Einer den Andern zu übertönen sucht, heißt: ״Es geht zu wie in einer Judenschule?" Muß der Nicht-Israelit nicht Mißtrauen gegen eine Religion und ihre Anhänger gewinnen, deren Cultus ein so wenig würdevoller ist deren Gotteshaus ein Sammelplatz der Conversation und der Geschäftspolitik ist, ja, das gleich einem Wirthshause ohne Andacht betreten wird! Wer soll dann beim Eintritt die erhebenden Worte: Äla tovu oliolecho Jaakow Ma noro hamokom hase sprechen? Beherzigen wir doch diese schönen würdigen Ausrufe! Nur ein würdiges Gotteshaus; ein würdiger Gottesdienst und ein würdevolles Verhalten während desselben wird dem Judenthume diejenige Achtung von Seiten der anderen Bekenner zu Theil werden lassen, wie es die heilige Religion unserer Ahnen die Thoras Moscheh verdient. Einen entschiedenen Ausdruck gegen all' diese Unziemlichkeiten hat der. Talmud und Acharonim vielfach ausgesprochen und der in der jüd. Literatur bewanderte Israelit wird bekennend seine Brust schlagen ob all' der Vergehen, die er an der Gesammtheit begangen. Für den Nichthebräer seien hier die Schriften über den jüd. Gottesdienst vonDr.M.H. Friedländer Rabbiner in Kanitz (Mähren) empfohlen. Vieles ist in dieser Beziehung schon geschehen, Vieles bleibt noch zu wünschen übrig, und wenn wir offen sprechen, so müssen wir uns gestehen, daß die fortschrittlich gesinnten Gemeinden sich stets eine hochangesehene Stellung zu verschaffen wußten. Cantor Tintner, Bunzlau. Gtngefendet- Von der Witwe des verstorbenen Collegen Luria langte folgendes Schreiben an den Vorstand unseres Vereines:

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