Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 43 (12.12.1882)
- Date
- 1882-12-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 archen Abraham verfehmt, verleumdet und verlästert worden wäre? Alles, was. ihm heilig ist, was es hochstellt und verehrt, was einen hervorragenden Platz in seiner Geschichte einnimmt, seine Mänuer aus dem Alterthum, seine Lehrer im Mittelalter, seine Führer in der modernen Zeit, seine Dichter, Denker, Forscher und Schriftsteller der Gegenwart wurden und werden verkleinert, verhöhnt und in's Lächerliche gezogen. Der gerechteste, edelste und vollkommenste Jude findet fast zu jeder Zeit wie Hiob einen Satan, einen Ankläger, der sich wider ihn erhebt, ihm seinen irdischen Segen zum Vorwurfe macht und seine Persönlichkeit heftig angreift. Nichts aber ist seit Jahrhunderten in solchem Maße der Verachtung, Verspottung und Verlästerung preisgegeben, als das Werk mehr denn eines halben Jahrtausends, das Werk großer Lehrer, weiser, opferfreudiger Männer, vieler Märtyrer, die ihre Seele unter grausamer Henkershand ausgehaucht haben, als der Talmud. Was Bosheit und Böswilligkeit, Haß und Feindseligkeit, Verlogenheit und Verkommenheit je ersinnen konnten, das wurde und wird ihm aufgebürdet, in ihn hineingetragen, von ihm erzählt und verbreitet. Unwissenheit, Verleumdung und Schlechtigkeit haben sich gegen dieses umfangreiche Werk, dessen Studium Jahrzehnte erfordert, verbunden und verschworen und werden nicht müde, es als eine Schmach, als eine Schande und als ein Scheusal zu verschreien. Dazu kommt in unserer Zeit, daß viele Söhne Israels in ihrer Unwissenheit irre geleitet werden und nur zu leicht dem Glauben zugänglich sind, der Talmud enthalte wirklich, wie das Tagesgeschrei, es verbreitet, die schauerlichsten Lieblosigkeiten gegen die Völker, mit denen wir bürgerlich zusammenleben, und sei eine Sammlung von Lehrmeinungen und Aussprächen, deren jeder moderne, gebildete Jude sich schämen müsse, so daß sie nur zu leichtfertig bereit wären, die Geistesarbeit eines halben Jahrtausends und Millionen ihrer Glaubensgenossen preiszugeben. Darum habe ich mich entschlossen, unseren Gegnern zur Beschämung und unseren Brüdern zur Belehrung, im Laufe dieses Synagogenjahres zumeist über ein einziges Thema zu reden und zwar: über den Talrrntdjuden! Ich werde einen Talmudjuden wahrheitgetreu schildern,, einen Juden, der den Talmud nicht aus entstellten Uebersetzungen und falschen Citaten kennt, sondern ihn zum Gegenstände seiner ernsten Studien macht, mit dessen Sprache, Geist und geschichtlichen Zeitverhältnissen vertraut wird, dessen Lehren und Lebensregetn befolgt, und dann diesen wahren und echten Talmudjuden der öffentlichen Meinung zur unparteiischen Würdignng überlassen. Jedermann soll in den Stand gesetzt werden, sich selbst die Frage zu beantworten, ob ein treuer und vollkommener Talmudjude ein schädliches oder ein nützliches, ein verwerfliches oder ein wohlthätiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft sei? So wollen wir den wieder die gute alte Zeit neu beleben, die modernen Tempel in talmudische Lehrhäuser verwandeln, die großen Folianten, zwölf an der Zahl, wieder aufschlagen, die früheren Klänge wieder vernehmen, die Verstandesschärfe, den Geistesreichthum, die Schlagfertigkeit, den. Witz und die Weisheit, die Seelengüte, das weiche Gemüth, das milde, Mitleid- und erbarmungsvolle Herz unserer alten Weisen kennen lernen und wieder einmal so recht traulich Talmud studiren. Für heute schlagen wir das erste und das letzte Blatt des Talmud auf, um zu erfahren, womit er beginne und womit er schließe? Womit also beginnt das erste Blatt des Talmud? Mit der Frage von welchem Zeitmomente an kann man das Scb’ma — oder Gottesbekenntniß am Abend ablegen, laut, innig und andächtig, mit den Glaubensbrüdern auf der ganzen Erde ausrufen: Scb’ma, Höre Israel, der Ewige unser Gott ist der einig-einzige Gott! Welch' ein Anfang, welch' eine Einleitung zudem großen, bündereichen Werke! Adoni Ecbad, das ist die erhabenste Idee, nicht bloß des Judenthums, sondern des menschlichen Geistes überhaupt; denn zu nichts Höheren kann er sich emporschwingen, als zu dem Ursprung und Urgrund aller Wesen und alles Werdens, zu dem Urquell, aus dem Alles hervorstcömt, was wir wahrnehmen. Adonai Ecbad, Gott ist einig, einzig, alleinig, die Kraft, die Alles trägt, die Weisheit, die Alles ordnet, die Macht, die Alles regiert, das Feuer, das Alles erwärmt, das Licht, das Alles erleuchtet, die Liebe, die Alles hegt, die Harmonie, die Millionen Atome verbindet und gestaltet, das ewige Leben alles wechselvollen Lebens, der ewige Geist aller unsterblichen Geister, er allein und Keiner außer ihm. Adonai Ecbad, Gott ist Einer, im Süden wie im Norden, im Osten wie int Westen, ein Gott aller Racen und Nationen, aller Länder und Reiche, ein Gott des Höchsten wie des Niedrigsten, der Ceder des Libanon und des Mop an der Wand. Was der Winterpsalm der Synagoge, der 104. Psalm nämlich, mit den lebendigsten Farben und mit der anschaulichsten dichterischen Kraft malt und schildert, die ganze Natur, sie ist der verkörperte Wille, die sichtbare Weisheit und das greifbare Werk dieses Adonai Ecbad. Ihn, ruft der Israelit sofort aus, soll man lieben mit der Gluth des Herzens, mit dem Odem des Lebens, mit dem erworbenen Vermögen, lieben wie Abraham, dessen Herz einem Heiligthum glich, lieben wie Isaak, der bereit war, sein Leben zu opfern, lieben wie Jacob, der Gott als den Urheber seines Besitzthums bekannte. Scb’ma Israel, das erinnert an das höchste Martyrium eines ganzen Volkes, das von einem Geschlechte auf das andere überging, zur Zeit der Makkabäer begann und bis auf den heutigen Tag fortdauert. Für dieses Bekenntniß, das mit den lauten Rufe Scb’ma beginnt und mit der kräftigen Bejahung Ecbad endigt, sind Hunderttausende in den Tod gegangen, haben sie körperliche Leiden und Seelenqualen ertragen, hat ein ganzes Volk über sich ergehen lassen, was das Herz verwundet, die Seele erschüttert, Hohn und Spott, Erniedrigung, Bedrückung, Verfolgung. Wenn die Völker wie die Raubvögel über dasselbe herfielen, so erhob es mit lauter Stimme den Scb'ma-Ruf am Morgen wie die Lerche, welche den Hellen Tag begrüßt, am Abend wie die Nachtigall, welche in süßen Klängen den Schöpfer preist. — Scb’ma Israel, das ist ein lauter und feierlicher Protest gegen Vielgötterei und Bilderdienst, gegen die Theilung und ’ Trennung, gegen die Versinnlichung und Vermenschlichung des einigen, alleinigen, ewigen, unwandelbaren, lebendigen Gottes oder des Adonai Ecbad! Und wie wird diese Frage im Talmud beantwortet? Welche Zeitbestimmung wird für das Lesen des Scb’ma-Bekcnntnisses am Abend festgestellt? :