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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-12-12 · Heft 43 (12.12.1882) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 43 (12.12.1882)
Date
1882-12-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 Haupterforderniß der an ihn gestellten Anforderung am besten zu entsprechen vermag, weil ״Worte die vom Herzen klingen, Werden stets zum Herzen dringen." Keszthely, den 1. December 1882. Josef L ö w i n g e r, Cantor. Srr jüdische Gottesdienst. IV. Aus diesem freisinnigen Talmud-Ausspruche geht also klar hervor, daß unter den Talmudisten gar viele Männer waren, denen das Bewußtsein aufdämmerte, daß dem übermäßigen rabbinischen Ausbau des Mosaismus ein Jrrthum zu Grunde liege. Ohne Zweifel ist dies auch der versteckte Gedanke der im Talmud mitgetheilten Parabel, daß einst ein Heide zu Hillel (dem Stifter der nach ihm benannten Schule) gekommen sei, mit dem Wunsche, er möge ihn in das Judenthum aufnehmen, aber unter der Bedingung, daß er ihm das ganze Gesetz mittheilen, so lange er auf einem Fuße stehen, was offenbar eine Ironie auf die vielen rabbinischen Observanzen enthält. Hillel erwiederte: ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", das ist das ganze Judenthum, alles Uebrige ist Erläuterung und Bei werk. Würden unsere heißspornigen ״Pächter aller Frömmigkeit" den Talmud nicht blos mit Worten, sondern in der That respectiren — dann, ja dann wäre auch eine Einigung, Verständigung und Ausgleichung zwischen der älteren und der neueren Richtung möglich, dann würde man nicht die freundlich dargebotene Bruderhand kalt zurückstoßen und in der Trennung von der Gesammtgemeindc, in der Errichtung von Sondergemeinden und Gemeindchen das Heil Israels erblicken. Unsere Brüder von der alten Religionsweise haben eine schwere Verantwortung auf sich geladen, daß sie, und namentlich ihre pharisäisch eifernden Führer, jenes Wort: Trenne dich nicht von der Gemeinde — so ganz und gar ignorirt haben. Während das Judenthum von jeher auf seine Einheit stolz sein durfte, während sein Losungswort stets war: ״Echad, Einzig!" Wie wir in den Gebeten sagen: ״Du o Gott, bist einzig, dein Name ist einzig und auch dein Volk Israel ist einig auf dem ganzen Erdenrund" — folgen diese Separa- Listen dem unheilvollen Geiste der Zwietracht und zerstören wie Korah und sein Anhang, die schöne Einheit der jüdischen Religionsgemeinschaft. Möchten doch alle, welchen das Judenthum theuer ist, ihnen nicht Nachfolgen, sondern dem einheits gefestigten Israel treu bleiben. — Doch kommen wir nach dieser unseres Dafürhaltens sehr zeitgemäßen und höchst beherzigenswerthen Abschweifung aä. rom. ״Das Staatsgesetz hat bindende Kraft, selbst wenn es der Thora widerspricht." (Gittie). Dieser große Grundsatz, welchen der gelehrte babylonische Talmudist Samuel, Schuloberhaupt zu Nehardea aufstellt, bezweckt eine durchgreifende Umgestaltung der Rechtsanschauung und Gesetzes- Übung. Denn nach seinem Ausspruche hat das Gesetz der nichtisraelitischen Regierung auch für die in den betreffenden Ländern wohnenden Juden bindende Kraft, religiöse Verpflichtung. Spätere, minder bedeutende Talmudisten suchten wohl von diesem großen Rechtssatze wieder Manches abzumindern, seine hohe Bedeutung aber, als der Ausfluß eines über die beengenden Schranken des Herkommens erhabenen und über die Bedeutung der Zeit aufgeklärten Geistes, bleibt dennoch stehen für immer. Ein solch' freisinniger Ausspruch aus solchem Munde erscheint um so bedeutender, als die Gelehrten des Talmuds bestimmt haben, in Rechtsangetegenheiten überall Samuel die entscheidende Stimme zu sichern. ״Ceremonien, die für Palästina und den Jerusalemischen Tempel berechnet waren, haben außerhalb Palästinas jede Bedeutung verloren. Welch' große, weitgreifende Reform! Dies erhellt übrigens auch aus Jeremias, welcher da, wo er die Verwüstung der Stadt bald Hereinbrechen sieht und weissagt, spricht: ״Gott liebe nur diejenigen, welche wissen und erkennen, daß er Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit in der Welt übe; und daß nur die in Zukunft für ruhmwürdig zu halten wären, die solches erkennten." (9,23) Er wollte damit gleichsam sagen, daß Gott von den Juden nach der Zerstörung ihrer Stadt nichts Besonderes verlange, und von ihnen in der Zerstörung weiter nichts als die Beobachtung des natürlichen Gesetzes, das alle Menschen verbinde, begehre. Die Prophetenbücher bekräftigen dieses ebenfalls deutlich. In denselben werden, wie ich schon gesagt habe, nur moralische Grundsätze gelehrt. Die Ceremonien aber wurden von den Propheten auf's heftigste bekämpft. Dieses Volk tritt einher, mit ׳Mund und Lippen ehrt es mich, sein Herz ist fern von mir, so ist ihre Ehrfurcht vor mir ein eingeübtes Menschengebot." (Jes. 29, 13). ״Daß aber die Pharisäer," sagt Spinoza im Tractat, ״nach Verlust des Reiches, diese Ceremonien noch beibehalten haben, thaten sie mehr, um sich den Christen zu widcrsetzen, als um Gott zu gefallen. Denn als sie nach der ersten Verwüstung ihrer Stadt nach Babylon geführt wurden, vernachlässigten sie alsbald die Ceremonien, gaben sogar das ganze mosaische Gesetz auf, überlieferten ihre vaterländischen Rechte, als durchaus überflüssig der Vergessenheit, und fingen an sich mit anderen Nationen zu vermischen, wie aus Esra und Nehemia sattsam erhellt." Es ist also kein Zweifel, daß die Juden, nach der Trennung ihres Reiches an das Gesetz Mosis ebenso wenig gebunden waren, als vor der Stiftung ihrer Gesellschaft und ihres Staates. Dr. G. Fortsetzung folgt. Der Talmudjude. Reden von D r. A d. I e l l i n e k. Wer ist wie Lein Volk, wie Israel, ein einziges Volk auf Erden! 2 Sam. 7, 23. Zerstreut in allen Ländern der Erde, getrennt unter verschiedenen Nationen lebend, deren Sprachen und Mundarten redend, ist Israel dennoch ein Volk, ein innig zusammenhängendes Volk, ein einziges Volk und daher eine einzige, merkwürdige Erscheinung in der Völkergeschichte. Diese Thatfache, diese Einheit trotz der Zerstreuung, dieser Zusammen- Hang trotz der Trennung, dieses Ganze trotz der Theilung, hat am vorletzten Sabbat unsere Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Allein auch Israels Ringen und Kämpfen, worauf sein Name schon hinweist, sein Dulden und Leiden macht es zu einem einzigen Volke in der Völkerfamilie. Denn wo gibt es ein zweites Volk auf Erden, muß Jedermann ausrufen, das so wie die Nachkommen des Patri-

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