Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 42 (4.12.1882)
- Date
- 1882-12-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
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und hat das schwierige Problem, in solch' einfacher Weise: gelöst, daß wir unwillkürlich an das Ei jenes Ländetentdeckers erinnert werden. '7 Es ist. wie bereits oben erwähnt, eine Unmöglichkeit, ohne Notenbeispiele die den vorliegenden Compositionen innewohnenden musikalischen Schönheiten erschöpfend und.erfolgreich vorzusührcn; denn jeder Tact gewährt uns neues Labsal, jeder Accord hat seinen Zweck und nichts, was zur Aesthetik der Tonmalerei gehört, ist außer Acht gelassen; — mag die Piece Lec:I10 dodi, Tow Tliodos oder Adon oiom etc. heißen, überall tönt die Stimmung des betreffenden Inhaltes Heraus, überall begegnen wir zarter Empfindung, kräftigem Ausdrucke, majestätischer Würde und gewaltigem oder auch sanftem harmonischcn Wohlklange. — Eines Umstandes jedoch müssen wir noch Erwähnung thün u. z. die Berücksichtigung der traditionellen Melodie (הלבות), die Löwenstamm gewissen Stellen angedeihen läßt — nicht blos in der leitenden Stimme, sondern auch in der Harmonie und namentlich im Orgelsatze: .12:12 השכיבבב ,לכו mtb‘ ויבלו sind ganz herrliche Musterbilder, wie die traditionelle Melodie in der modernen Synagoge und für später zu behandeln sei. — Erquickend und wohlthuend wirkt die streng grammatikalische Behandlung des Textes und das Auseinanderhalten der nicht zusammengehörigen Textesphrasen. Ueber das Musikalisch-Bedeutsame, den wirkungsvollen Chorsatz, die Ausdrucksschürfe, und Originalität re. haben sich Männer wie Generalmusikdirector Dr. Franz Lachner, Hofcapellmeistcr Josef Rheinberger und der hochbedeutende Musikreferent der ״N. Fr. Presse", Regierungsrath, Professor Dr. Eduard Hanslik in einem dem Werke vorangeschickten Begleitschreiben auf's Glänzendste geäußert. Das Heft ist, was Typen- und Textdruck betrifft, geradezu luxuriös ausgcstattet und die Anordnung der Piecen — eine kleine Reihenfolgeverwechslung zwischen Haselikivrenu und Waj ׳'chulu abgerechnet — höchst befriedigend. Wir fühlen uns veranlaßt, dem Herausgeber des Werkes, Herrn Gesangs- Professor F. I. Löwen stamm, für die umsichtige Redigirung desselben öffentlich herzlichen Dank auszusprechen. Somit übergeben wir das Heft seinem heiligen Zwecke — betrachten und beurtheilen wir dasselbe rückhaltslos, aber vorurtheilsfrei — wir können und werden ihm unsere Sympathie nicht vorenthalten — weil wir zum Bewußtsein gelangen, daß hier die Kräfte eines ganzen Lebens im Dienste unserer heiligen Kunst ,,vollbewußt und zweckentsprechend" ve rwendet wurden. — Indem wir unsere bedeutenden Männer werthschätzen, beweisen wir, daß wir auch ihrer würdig seien. Wien, im November 1882. Josef Singer, Obercantor der i-srael. Cultusgemeinde. Der Mische Gottesdienst. IV. ״Wo wir," sagt Max Müller (Einleitung in die vergleichende Religionswissenschaft) ״ohne Weiteres von einer Versuchung sprechen, sowohl von einer inneren als einer äußeren, war es den Alten natürlicher, von einem Versucher Zu reden, der unwillkürlich entweder eine menschliche oder eine thierische Gestalt annahm. (1. Mos. 3.) Wo wir von der allgegenwärtigen Macht Gottes sprechen, da nannten sie ihren Gott ihren Fels, ihre Zuflucht, ihren Schild und ihre feste Burg.׳getrost »8« ״dem Fels, der dich gezeugt hat" (Mos. Vr, 32, 18A und ,Zwar in einem-ganz anderen Sinn, as.s wenn Homer auf. die alte. Sage anspielt, daß die Menschen vom Felsen oder von Bäumen stammen. ' Was wir eine göttliche Hingebung nennen^ das nannten sie einen beslügelten Boten : was wir einen göttlichen Wandel nennen, das war ihnen ״des Tages eine Wolkensäule, daß er sie den rechten Weg führte und des Nachts eine Feuersäule, daß er ihnen leuchtete Tag und Nacht." Beide Ausdrücke.sollen wohl dasselbe sagen, sie. sagen es aber jeder in seiner eigenen Weise, und das Unglück ist nur, wenn wir blindlings die Sprachen der alten Propheten in unsere eigene umsetzen, wenn wir noch immer ihre Worte nur nach ihrer äußeren starren Schale, beurtheilen und vergessen, daß. bevor die scharfe, Scheidung zwischen Konkretem und Abstractcm. zwischen dem rein Geistigerl in seinem Gegensatz zum roh Materiellen cingetreten ivar, das Konkrete und Abstractc, das Geistige und das Materielle in einem genleinsamen Begriff und Ausdruck verbunden liegen. Dies, was uns voll unserem jetzigen Stand- und Denkpunkt aus unnatürlich und unlogisch erscheinen mag, ist für einen Dichter auch jetzt noch vollkommen verständlich. Wenn wir dieser geistigen Parallaxe keine Rechnung tragen, so werden alle unsere Beobachtungen und Messungen am Himmel des Alterthums nothwendig unrichtig ausfallen. Ja. ich bin überzeugt, daß mehr als die Hälfte aller Kämpfe in der Geschichte der Religionen nur darin ihren Grund haben, daß die Menschheit nie lernen will, alte Worte in Neue Worte, alte Gedanken in neue Gedanken zu übersetzen, weil ihr das W 0 v t. heiliger ist als der Geist.״ Aber auch mir dem Anshöreu der Prophetie war der fortschrittliche Geist durchaus nicht geschwunden, die Weisen und Gelehrten, die Soferim, Tannaim, Amoraim. Gaonim und Rabbiner traten als Erbe der Propheten an, entwickelten das Judenthum fort und fort. Es waren dies Männer, die aus der Mitte des Volkes hervorgingen, im Volke lebten, für dasselbe wirkten, gegen jede Bevormundung und Hierarchie in Wort und Schrift eiferten, Männer, die ihre Zeit begriffen, ihr Rechnung trugen, nicht am todteu Buchstaben klebten, sondern das Leben fragten; was es heische. Ja, die Mischna- und Talmudlehrer waren es, welche das Jnde.nthum in Fluß gebracht, und 0011 ihnen wurde die kühne und weise Grundregel festgesetzt, daß jedes biblische Gebot, das den Vollbesitz Palästinas voraussetzt, mit der Zerstreuung alle Geltung verloren hat. Welch überraschende jrai'iimtgc Aussprüche finden wir im Talmud! Rabbi Jose sagte: Niemals sind Moses oder Elias in den Himmel gestiegen: denn es steht geschrieben: ״der Himmel gehört Gott und die Erde nur gab er den Menschenkindern." Rabi Jose läugnet also zwei von der hl. Schrift erzählten wunderbaren Begebenheiten, welche noch heute von Vielen buchstäblich geglaubt werden. Als einst von einem armen Mann, dessen Frau als Wöchnerin gestorben war, erzählt wurde, seine Brust sei wunderbarer Weise mit Milch angefüllt worden, um sein verwaistes Kind stillen zu können, äußerte ein Rabbi: Wie groß muß dieser Mann sein, daß der natürliche'Gang der Schöpfung seinetwegen verändert wurde. ״Wie groß!" fiel ihm ein anderer Rabbi ins Wort, ״im Gegentheil wie klein, wie gering muß er sein, daß um seinetwillen die Naturgesetze sich änderten!