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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-11-18 · Heft 40 (18.11.1882) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 40 (18.11.1882)
Date
1882-11-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 « Schutt und Kehricht, an den Rost und das Spinngewebe der Vergangenheit nicht wagen und ihn die Gegenwart fort und fort verunstalten lassen. Abraham ist ein großer Geist, ein Mann des Fortschritts, der schon in damaliger Zeit, wo Menschenopfer allgemein waren, Thieropfer einführte, an Stelle seines Sohnes opferte er einen Widder, einsehend, daß Gott kein Wohlgefallen habe, wenn man ihm die Leibesfrucht opfert. Er fragte weniger darnach, ob ihn seine abergläubischen denkfaulen und stabilen Zeitgenossen deshalb als Ketzer verdämmen würden. Mit M o s e beginnt ein weiterer Fortschritt. Die heilige Schrift läßt Gott zu Moses sagen: ״Ich erschien dem Abraham, Jsak und Jakob nur als El-Schaddai, aber mit meinem Namen Jehovah ward ich ihnen nicht kund". Was heißt dies anders als: Moses hatte sich zu einem höheren, geläuterteren Gottesbewußtsein emporgcschwungen als die Erzväter (vergl. die 10 Gebote, die vielen humanen Gesetze.) Noch deutlicher und consequenter tritt der reformatorische Geist bei den Profeten hervor, in deren Schriften der jüdische Religionsgedanke, frei von allen Schlacken, in strahlender Reinheit sich manifestirt. Jawol, das prophetische Judenthum bildet mit seinem Kampfe gegen Werkheiligkeit und Ceremonienballast und namentlich, weil es den Schwerpunkt auf die Ethik legt, einen bedeutenden Fortschritt gegenüber dem mosaischen Judenthum, welches dem Opfer- und Priestercultus eine so hohe Stellung einräumt. Wo die Pro feten das Volk dem Opferwesen ergeben sahen — welches das Observanzenthum jener Zeit repräsentirte — da kämpfen sie mit der ganzen Schärfe ihres gewaltigen Wortes gegen diesen Mißbrauch, da suchen sie ihn in seiner ganzen Niedrigkeit zu bezeichnen. ״Wozu mir", ruft der Profet Jesajas, ״die Fülle eurer Opfer, spricht der Herr, ich bin übersatt der Brandopfer von Widdern, des Fettes der Gemästeten, begehre nicht Blut der Stiere. Lämmer und Böcke. Bringet nicht mehr heuchlerische Speiseopfer, Räucherwerk ist mir ein Gräuel; Neumond und Feiertag, nicht mag ich Frevel und Fest. Eure Monde und Feste hasset meine Seele, sie wurden mir zur Last, ich bin müde, es zu tragen. Und so ihr ausbreitet eure Hände, wende ich meine Augen weg von euch, auch so ihr Gebet mehret, höre ich nicht: eure Hände sind voll Blutes, waschet euch, reiniget euch, schaffet das Böse eurer Werke aus meinen Augen hinweg, höret auf zu freveln. Lernet gut thun, suchet Recht, beglücket den Unterdrückten, schaffet der Waise Recht, führt der Wittwe Streit." Und Jeremias spricht: ״Ich habe nicht geredet; spricht der Ewige, der Gott Israels, und nicht befohlen euren Vorfahren, da ich sie herauszog aus dem Lande Aegypten, in Betteff des Brand- und Schlachtopfers." ״Womit soll ich vor Gott treten", fragt der Profet Micha, ״mich beugen vor dem Gotte der Höhe? Hat der Herr denn Wohlgefallen an Tausenden von Widdern, an Myriaden von Oelströmen? Er hat dir verkündet, O Mensch, was gut ist und was Gott von dir verlangt: Gerechtigkeit üben, Milde und Wohlthun lieben und bescheiden wandeln vor und mit deinem Gotte." ״Mit ihren Schafen und Rindern kommen sie an, den Ewigen aufzusuchen," ruft Hosea seinen Zeitgenossen zu, ״sie werden Ihn aber nicht finden, Er ist von ihnen gewichen. Ich verlange nur Rechtschaffenheit und nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntniß ist besser als Ganzopfer." Und der Psalmist spricht: ״denn du, o Herr, verlangst nicht Opfer, daß ich es gebe, Ganzopfer begehrst du nicht. Die Opfer Gottes sind ein gebrochenes Gemüth, ein gebeugtes, zerknirschtes Herz, Gott, verschmähst du nicht." So zeigt sich überall die Profette als ausgesprochene Feindin des Observanzenthums. (Fortsetzung folgt.) Die Macht -es Gesanges. Von Zimon Diamant, Oberlehrer in Austerlitz. Wie heiliger, duftender Weihrauch, gestreut von hohenpriesterlicher Hand, stieg der Jubelton eines ans drohendster Gefahr erretteten Volkes zu dem Throne des Allerhöchsten empor. ״Singen will ich dem Ewigen," so klingt es aus dem Munde von Hunderttausenden, die einem plötzlichen Tode entrönnen; ja, sie wollen und müssen ihr freudedurchrauschtes Herz erleichtern, ihre sturmbewegten Gefühle entladen und lobpreisen, lobsingen dem allmächtigen Gotte! Wie gewaltig und großartig! « Eine ganze Volksschaar sinkt jubelnd zur Erde nieder, sich beugend vor dem Allerhöchsten! Alle Herzen durchzuckt ein Gedanke, durchbebt eine Idee, belebt ein Gefühl! Alle Seelen sind durchtränkt von heiliger Flut einer und derselben Begeisterung! Kein Atom fremden Sinnes, kein Fünkchen unedler, fremdartiger Gedanken entweiht die heilige Stimmung, in welcher die Bedeutung des Momentes die Gemüther versetzt. Darum sagen unsere Alten *): ״Seit dem Tage der Schöpfung bis zum Durchzuge Israels durch das rothe Meer wurde die Allmacht Gottes nie durch Gesang gefeiert. Gott erschuf Adam, den ersten Menschen, das Meisterstück des Universums, alle Geschöpfe waren ihm unterthan; in prachtvoller Schöne strahlte ihm das Paradies entgegen, die Himmelsgestirne erglänzten in funkelnder Pracht, alles grünte und blühte, die Erde prangte in jungfräulichem Schmucke — alles war nur geschaffen zum Besten und Nutzen des Menschen, als des Königs der Schöpfung; tausende befiederter Sänger schmetterten jubelnd ihre Hymnen zum blauen Aether empor׳ Alles freute sich des Lebens, des Daseins-jedoch der Menschenbrust, der Menschenkehle entrang sich kein Ton, erklang keine Melodie, ertönte kein Gesang. Gott rettete Abraham aus dem Feuerofen Nimrod's, Jsak vom Opfertode, Jacob aus der Hand Esau's, befreite unsere Patriarchen aus mannigfachen Gefahren; — jedoch Niemand dankte dem Allgütigen durch Sang und Klang; es schien, als wäre diese Gottesgabe noch nicht in die Menschenbrust gelegt, als könne der Mensch seinen Gefühlen durch dieses Himmelsgeschenk keinen Ausdruck verleihen — bis Israel, in mächttgen Chören am Ufer des rothen Meeres die Wunderthaten**) des Herrn pries. Ja, nach dem Ausspruche unserer Weisen, fand der Gesang unserer befreiten Väter in höhere Sphären ein Echo wieder. Uschiroh laadonai ״Singen will ich dem Ewigen" so ruft das *) Babba. **) Jalkut.

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