Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 40 (18.11.1882)
- Date
- 1882-11-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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ausübender Musiker, ihm stand der königliche Musikdirector (מנצח) für Solisten, Chöre und Orchester ebenso zur Seite, wie die ganze Schule der Propheten und Weisen, deren Lehren im Liede wiederklangen. So sind Text und Melodie entstanden und niedergelegt in einen Doppelt-Codex des Wortes und des Liedes. Doch ehe man Neues schuf, sah man naturgemäß sich nach dem 861m- Zion des Alterthumes um und verwob so die volksthümlichste und beste mit dem Kernsatze des Liedes, welches den Mittel- Punkt des Ganzen bildet. Neben der Sammlung eigener Com- Positionen lag daher noch eine ältere von Tempelgesängen vor, an die jedesmal mit סלה d. h. ספר לויי המקדש erinnert wird. Mit diesem Hinweis wird daher angedeutet: Man schlage hier das Notenbuch der Sänger des alten Heiligthumes nach, für diesen Text findet sich dort die entsprechende Melodie, oder die hier angewandte oder anzuwendende Weise ist aus jenem alten Compendium entlehnt. Kein Wunder daher, daß in späteren Tagen, als dieses verloren gegangen war, in allen Psalmen dieser Art die Bezeichnung ״Selah" fehlt und wiederum aus dem Umstande, daß die alten Tempellieder längst verklungen waren, an die erinnert werden könnte, auf die Jugend der betreffenden Psalmen gefolgert werden kann. Die Texte aber, welche mit den alten Melodien umsponnen wurden, er- . klingen äußerlich in solch' lieblicher Assonanz (Ps. 77, 2 und 46, 4), in so edlem Rhythmus und Parallelismus der Silben und Worte (Psalm 60, 6 und 68, 33), daß wie an Blumenstengel die Blüthe — die Musik sich an diese schmiegte. Der Wellengang der Silben klingt mit dem Wogenfall der Melodie wirksam zusammen. Der innerlichen Natur nach wiederum sind die Texte, welche mit ״Selah" abschließen, demgemäß den Schlüssel bieten, den Liederborn der alten Glanzepoche zu erschließen, sechsfacher Natur: Erstens geben sie der subjectiven Stimmung des Sangers Ausdruck, welche im Strome des Volkssanges lauten Wiederhall findet (Ps. 3, 3. 7, 6. 32, 4. 57, 7. 77. 4). Zweitens setzen sie der hymnologischen Dichtung die Krone auf, erschließen sie die edelste Blüthe der Poesie (Psalm 3, 9. 32, 7. 44, 9. 75, 4). Drittens sind sie der Inbegriff der religiös-sittlichen Weisheit und Wahrheit, welche wie im griechischen Chor zum Kernspruche sich ausprägt (Ps. 4, 5. 39, 6. 47, 5. 85, 5. 89, 49). Viertens sind sie als Begleiter gottesdienstlicher Handlungen liturgischen Charakters (Ps. 20, 4, 77, 2). Fünftens bieten sie die hauptsächlichsten Farben, die Naturscenerie wirksam darzustellen. (Ps. 46, 4). Sechstens wurzelt und gipfelt in ihnen der gesammte rhetorisch-poetische Gehalt, weshalb sie Ton und Fassung des Ausrufes vor Gott und der Anrede an die Andächtigen (Apostrophe) annehmen. (Ps. 9, 21. 24, 7 u. 9. 50, 6. 55, 20. 66, 6. 62, 9. 67, 5. 68, 35. 77, 10. 85, 9.) Ich bemerke zum Schluß, daß ein alter Commentator unter den Biuristen bereits das Wort סלה״“ als aus Initialen componirt betrachtet und ״ סס להחילה השירUmkehr zum Anfang des Liedes" als Refrain übersetzt. Ist auch diese Erklärung sprachlich nicht glücklich und sachlich durchaus nicht motivirt, so war sie doch hinsichtlich der Methode belehrend für mich. So läßt zum Oefteren die alte Schule das Neue und Zeitgemäße finden. Oft müssen wir zurück gehen um erst recht vorwärts zu kommen! Der jüdische Gottesdienst. II. Fortschritt, Entwickelung, Bewegung ist die Idee des Judenthums, das Princip unserer Religion. ״Ziehe hinweg aus deinem Lande, aus deinem Geburtsorte und Vaterhause in ein neues Land", lautet der Ruf Gottes an Abraham. ״Rede zu Israel, sie sollen fortschreiten!" ergeht das Wort des Herrn an Mose. ״Bleibe nicht stille stehen in deinem engen Kreise, blicke nicht immer ängstlich zurück, rette dich ins Gebirge, schwinge dich empor zu einem höhern, geläuterteren Standpunkte, sonst kommst du um, bist lebendig todt", so wird dem Stillstandmenschen Loth zugerufen, von dessen Weibe uns erzählt wird, ״sie blickte nach rückwärts und wurde eine — Salzsäule; denn wer nur für die Vergangenheit Auge hat, nur für die Ruinen längst entschwundener Zeiten schwärmt, von den herrlichen Bauten der Gegenwart aber sich abgestoßen fühlt, der gleicht einer Mumie, einer versteinerten Säule, einer lebendigen Leiche. Die Idee des Fortschritts ist so alt wie die Welt. Diese Idee leugnen, hieße die ganze Welt- und Culturgeschichte der Völker ignoriren. Wohin wir auch blicken mögen, gewahren wir Wechsel, Veränderung; alles Gewordene muß stets dem neuen Werden weichen. Eine ewige Einrichtung ist ein Widerspruch in sich selbst; denn eine Einrichtung kann doch nur für gewisse Verhältnisse, für eine bestimmte Zeit geschaffen sein. Die Verhältnisse sind aber einem beständigen Wechsel unterworfen, sowie die gesammte Natur ein ewiges Werden und Verwandeln ist, ein ewiger Wechsel, ein ewiges Sein. ״Geschlecht geht, Geschlecht kommt", sagt schon Kohelet. Eine ewige Einrichtung ist eine ewige Krankheit! Da aber das Wort Gottes gesund, kräftig und lebendig ist, so muß es nothwendig dem Wechsel unterworfen sein, denn Leben zeichnet sich characteristisch durch fortwährendes Wechseln, Wandeln und Verändern der Form aus. Die Stabilität der Form steht demnach im Widerspruche mit diesem unwandelbaren Naturgesetze. Die gesammte Natur ändert fortwährend die Form, sie reformirt; den reformiren heißt eben nichts Anderes, als die Form umändern. Der Stillstand, auf welchem Gebiete immer, ist mithin eine Mumie, welche Leben heuchelt, während Jahrtausende alter Moder sie bedeckt. Das lebendige Wasser erneuert sich fortwährend durch die Quelle, aus der es entspringt; es bleibt frisch uud erfrischt; das stehende Wasser versumpft und geht in Fäulniß über. Wenn also reformiren ein allgemeines, unwandelbares Naturgesetz ist, so muß es auch auf religiöse Einrichtungen sich beziehen; denn auch sie werden niemals fix und fertig geboren, noch können sie je einmal an einen Haltepunkt anlangen, wo es heißt; Bis hierher und nicht weiter! Alles menschliche Wissen ist vielmehr einem Entwickelungs- und Vervollkommnungsprocesse unterworfen, und daß es also ist, beweist unwiderleglich die Bibel, beweist die Geschichte des Judenthums. Da steht zuerst Abraham als Vorbild des Fortschritts, des rüstigen Vorwürtsschreitens. Er verläßt willig die Stätte seiner Geburt, er haftet nicht an der Scholle, rüstig schreitet er vorwärts in ein besseres Land, ״vorwärts, immer vorwärts!" Er zertrümmert die Götzen seines Vaters mit kecker Hand, und läßt sich nicht von einem romantischen Pietätsgefühl davon abhalten, wie sicherlich Jene, welche aus sogenannten Pietätsrücksichten gegen Eltern rc. sich an den Dr. S. Nascher.