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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-11-10 · Heft 39 (10.11.1882) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 39 (10.11.1882)
Date
1882-11-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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gnügungen der Knabenjahre zurückkehren, selbst den Knaben scheidet rine weite Kluft von der unschuldigen Leichtgläubigkeit der Ammenjahre. Darum müssen wir auf religiösen Gebiete vorwärts schreiten, denn der religröse Fortschritt ist der Messias des Judenthums, wie der politische Fortschritt der Messias der Juden ist. Diejenige Richtung, welche dem berechtigten Fortschritt huldigt, will den Geist, den Kern erhallen und weiß, daß sie deshalb die äußere Form preisgeben muß. Nezabim und Wajelech gehen zusammen; Stillstand der Grundidee geht Hand in Hand mit Fortschritt der Formen. Hingegen liegt in der Stabilität, im Kleben am starren Buchstaben der Umsturz, die Destruction. 1)1׳. Gr. Wort und Gesang von Leopold Stern, Cantor und Religionslehrer. - (Schluß.) Der Chorgesang hat aber nicht nur ideale, sondern auch erziehliche Zwecke. Er ist nämlich ein unabsichtlicher Erzieher. Denn alle Regeln, die zur Leitung eines guten Chores nöthig sind, können auch auf das Gemeinde- und Vereinsleben angewendet werden. Bei einem gut geleiteten Chore müssen sowohl die leitende, als auch die begleitenden Stimmen nur den einen Zweck verfolgen — Harmonie. Die Dissonanz ist nur dann gestattet, wenn sie zur Harmonie führt. Sind das nicht goldene Regeln für das corporative Leben? Und in der That; der Erfahrung nach ist in jenen Gemeinden, in denen ein geregelter Gottesdienst besteht, mehr Harmonie, es herrscht ein feinerer Ton, ein besserer Tact als in jenen Gemeinden, wo diese Einrichtung nicht besteht, die Mitglieder einer solchen sind bessere, gefühlvollere Menschen, denn , böse Menschen lieben nicht den Gesang, ״sie haben keine Lieder". Wer aber den Gesang liebt, wird auch den Sänger lieben und gewiß werden jene Gemeinden den Cantorenverein in seinem Bestreben, das Los der Cantoren zu verbessern, freudig unterstützen. Wir haben in der Einleitung gesagt, daß Wort und Gesang zwei leuchtende Sterne am Himmel der Andacht sind. Ein schönes Ideal! Aber: ״Steigt Dein Ideal auch bis in den Himmel, irgendwo auf der Erde muß die Leiter stehen", sagt ein deutscher Spruch. Und wahrlich, diesen Punkt habe ich gefunden. Wer könnte von Wort und Gesang sprechen, ohne an Prediger und Cantor zu denken? Diese haften an der Erde und leben nicht vom Ideale. Die Frage, ob Prediger und Cantor auch auf Erden gleichberechtigt sind, ist daher ganz am Platze. In den größeren Städten, wo das Können der Gemeinden mit ihrem Wollen übereinstimmt, genießen sie wohl gleiche Rechte. Denn, genießt auch der Cantor nicht die staatliche Anerkennung, so achtet ihn doch der Vorstand als den Priester, und räumt ihm eine seinem heiligen Berufe entsprechende Stellung ein. Hier wird von ihm Viel, aber nicht Vieles verlangt. Nur als Cantor hat er Vorzügliches zu leisten und den Gottesdienst auf eine Stufe zu bringen, daß er den Anforderungen der Andacht, der Kunst und der Aesthetik entspricht. Es werden ihm aber nicht andere Thätigkeiten, die außerhalb der Sphäre seines Cantorberufes liegen, auferlegt. So ist auch die Stellung der Sänger in der Bibel vorgezeichnet. ״Die^ Sänger waren in ihren Gemächern von allen Diensten frei, denn Tag und Nacht lag ihnen die Uebung in der Kunst ob" (Chronik, Cap. 9, 53). In den kleineren Gemeinden hingegen, ist der Prediger entschieden im Vortheile. Erstens, weil er zur Aus führurrg seines Berufes keines Hilfspersonales bedarf und in derselben nur von seinem Fleiße, s einen Thätigkeiten abhängt und Zweitens kann er freier und ungehinderter wirken, weil er durch staatliche Anerkennung gesichert ist. Anders der Cantor. Dieser hat zu seinen Functionen ein Chorpersonale nothwendig, dessen Beschaffung für die Gemeinden mit nicht unbedeutenden Auslagen verbunden ist und der Cantor kann selbstverständlich oft bei bestem Willen und der besten Befähigung keine Leistung erzielen, die ihn selbst, wenn er kunstsinnig ist, zu befriedigen vermag. Und für's Zweite darf nicht übersehen werden, daß der Cantor im Gegensätze zum Rabbiner in Bezug auf feine Stellung nur von dem Wohl- oder Uebelwollen des jeweiligen Vorstandes abhängt. Wie ist aber nach dieser Richtung Abhilfe zu schaffen? In erster Richtung soll der Cantor ja nicht bestrebt sein, es den Cantoren der Großstadt gleichthun zu wollen und Compositionen zu executiren, zu deren Aufführung oft vorzügliche Kräfte nothwendig sind. Sein Hauptaugenmerk muß er darauf richten, die bescheidenen Mittel, die jede Gemeinde bietet, in zweckmäßiger und kunstgerechter Weise zu verwerthen. In jeder Gemeinde gibt es einige stimmbegabte Kinder, wenn er diese nun so. weit einübt, daß er mit ihnen zwei- oder dreistimmige Chöre aufführen kann, so wird dies gewiß eine durch Einfachheit würdige Verherrlichung des Gottesdienstes sein. Was endlich die staatliche Anerkennung betrifft, so kann nur der Cantorenverein allein das gewünschte Ziel erreichen. Der Einzelne allein kann in dieser Beziehung nichts thun. Der Verein hat in seiner Mitte Männer, die durch ihr Herz, ihr Ansehen, ihre Intelligenz und ihre: Stellung imponieren, und Viel nach dieser Richtung für ihre Unterdrückten Collegen wirken können. Der Verein ist gleichfalls ein Baum, unter dessen Schatten Alle Schutz finden, dessen Frucht Alle genießen können. Findet aber dieser Baum auch die gewünschte Pflege? Leider nein! Viele wollen noch seine Wohlthaten nicht gehörig würdigen. Der eine glaubt, die Idee der Gründung eines Cantorenvereines wäre überhaupt eine unglückliche, denn der Verein lege den besser gestellten Cantoren nur unnöthige Lasten auf, ohne daß den ״Kleineren" damit, geholfen wäre. Der Betreffende machte seine Angriffe auf unseren Verein in dem in Deutschland erscheinenden ״Jüd. Cantor". Hätte ich nicht in der vergangenen Woche in der ״Sidra" gelesen, daß Sodom und Gomorha durch Feuerbrand zerstört wurden, ich hätte wahrlich geglaubt, der betreffende Herr College sei wohlbestallter Cantor der Gemeinde Sodom, deren Wahlsprach ja bekanntlich war: ״Selbst nichts geben und Andere zum Nichtsgeben zu veranlassen." (Aboi. 5.13) לא ית? ולא מתות אחרים בו מדת סדום Andere wieder wollen jetzt schon die Früchte des Vereines, eines so jungen Baumes genießen, ohne zu bedenken, daß sich erst aus der Blüthe die Frucht entwickle. Das geflügelte Wort eines berühmten österreichischen Staatsmannes: ״Wir können warten", ist ihnen völlig fremd. Beide Parteien sind in der Absicht einig, den Baum zu fällen. Wird es ihnen aber auch gelingen? Entschieden, nein! — Als Gott das Eisen geschaffen, erzählt der Midrasch, erzitterten .die Bäume im Walde; ״Wehe!" riefen sie, ״jetzt ist das Metall da, womit man uns fällen wird."-״Zittert nicht!" rief eine

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