Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 38 (2.11.1882)
- Date
- 1882-11-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Anders verhält es sich mit dem Gesänge. Eine alte * Melodie gleicht einem alten Freunde. Wenn wir beispielsweise in vorgerücktem Alter eine Melodie, die uns von Jugend auf bekannt ist, hören, welche liebliche Erinnerungen werden da nicht in uns erweckt! Bringen sie doch die Bilder froher Tage und alle Begebenheiten der Jugend werden von ihr erzählt, wie von einen! alten Jugendfreunde, den wir in spätem Alter einmal Wiedersehen. Ja, in gewisser Beziehung würde uns eine neue, noch so schöne Melodie.׳ die alte nicht׳ ersetzen. Angenommen, man würde statt der ehrwürdigen, althergebrachten Melodie des Lol LLdre eine andere setzen. Würde diese die Gemeinde zur Andacht stimmen? Entschieden nicht! Erst die alte, die wir von Fügend auf gewohnt, zum Eingang des Jom Kipur zu hören, ruft uns zu: Der Versöhnungstag tritt ein; bereitet Euch zur Buße vor. Denn der Gesang erinnert uns an die Vergangenheit. Wort und Gesang — was ist aber ihr Hauptzweck? Uns im Glauben zu stärken, auf Gott zu vertrauen und hoffnungsvoll zu blicken in die Zukunft. Soll aber das geschilderte Ideal des Gesanges nicht gestört werden, so muß auch auf die Vortragenden Sänger Rücksicht genommen werden. In mancher Gemeinde glaubt man dem Fortschritte zu huldigen, wenn man anstatt des Knabenchores einen Damenchor einführt. Ich glaube entschieden, daß dies ein Rückschritt ist. Denn was klingt wohl schöner als die Hellen, frischen und jugendlichen Stimmen der Knaben? Wer ist wohl würdiger, bei dem Gottesdienste mitzuwirken als der Knabe, der seine meiste Zeit in Schule und Gottes- Haus, den schönsten und würdigsten Heiligthümern dieser Welt zubringt? Die Andacht der Knaben erregt sicherlich auch die unserige, dem! ein Knabe kann keine Gefühle heucheln. Und gewiß ist die Verbindung der Andacht mit der. unschuldigen Jugend mehr angezeigt, als mit dem s ch w a ch e n G e s ch l e ch 1 e. "״ "מפי עוללים ויונקים יסדת עזAus dem Munde der Kinder befestigst Du das Reich." Sollten meine Herren Collegen mit dieser meiner Meinung in Bezug aus den Damenchor nicht einverstanden sein, so soll wenigstens mit diesen Zeilen die Anregung erfolgen, sich hierüber in den Spalten dieser Zeitung auszusprechen. (Schluß folgt.) Die Mische Cantorenfamilie Fränkel. (Grünstädter Kinder). In Grünstadt, einem Städtchen in der baierischen Rhein- Pfalz, lebte der Chasan und Rabbi Josef Fränkel, ein wackerer, frommer Mann, der von seiner Gemeinde wie von der großen Christenstadtgemeinde sowohl, wie überhaupt in der ganzen Pfalz hoch gehalten und ׳geachtet wurde. Dieser ehrwürdige Priester hatte eine sehr zahlreiche Familie und Meister Schmal- Hans war bei ihm Küchenmeister. Die Söhne desselben hatten ein bedeutendes Gesangstalent vom Vater geerbt, lernten frühzeitig Musik und wurden tüchtige Chorsänger. Als die Bedürfniste und Lebensansprüche größer wurden, nahm diese Söhne ein Onkel zu sich, der eine sonore Baßstimme hatte und bildete mit ihnen ein Quartett. Bald war in Deutschland der Ruf der Grünstädter Sänger, ״Grünstädter Kinder" genannt, immmer verbreiteter und mancher Greis, der diese Zeilen liest, wird es bestätigen; den ganzen Rhein hinunter und aufwärts, in Mainz, Speier, Manhernt rc-^rc., in Frankreich, Nancy, Verdun, Straßburg-, Paris, in München, Laufsheim, Buchau, Hürden, Jchenhausen, Hohenems,'in der Schweiz, überall wurden die Grünstädter Kinder zu Tempeleinweihungen, Thoraweihen, Festgottesdiensien rc. berufen. Ehre und materieller Erfolg den sie ernteten, waren bedeutend und der alte Zadik Rabbi Josef konnte mit weniger Sorgen über seine Folianten sitzen; die Söhne bildeten sich in der Musik immer mehr aus, verstanden die meisten Streichwie Blasinstrumente zu executiren, waren streng fromme Leute, stattliche Mannesgestalten und so finden wir Grünstädter Kinder, in hochansehnlichen Gemeinden. Isidor, früher Obercantor in Mainz, fungirt seit 40 Jahren als Obercantor in Philadelphia; Carl, Solobassist und Regenschori, war durch 38 Jahre am Wiener Städttempel und starb erst vor einigen Jahren; Jtzig war Cantor in Grünstadt, in der Pfalz und ist ebenfalls seit einigen Jahren verstorben. Wir wollen nunmehr einige Notizen über diese Sänger des Herrn bringen. Isidor Fränkel, ein vorzüglicher Tenor mit seltener Coleratur, war in Mainz so verehrt, daß ihn die Mainzer Gemeinde, nachdem er gekündigt hatte, nicht ziehen ließ, sich mit ihm nochmals einigte ihn und erst einige Jahre später ihn mit tiefem Bedauern nach Philadelphia ziehen sah. Isidor Fränkel ist nun 40 Jahre in Philadelphia, ein 80jähriger Greis, geliebt wegen seiner Musterleistung und seines biederem Charakters, der Vater der Deutschen, aller Armen und Dürftigen. Ihm wurde die hohe Ehre zu Theil, die Leiche des Präsidenten Lin ko ln zu begleiten; seine Gemeinde trägt ihn aus Händen und der Tempel der ״Lodet 8611016m" ist immer voll Andächtiger, wenn der ehrwürdige Greis seine Stimme erklingen läßt. Jsid. Fränkel wurde während des Unionkrieges jüdischer Feldcaplan. Zu Nestor Sulzer's 70. Geburtstage componirte Isidor Fränkel eine Ode, die er S ulz er gewidmet, und die vom Wiener Stadtchor bei der Serenade aufgeführt wurde. Der Text der Ode lautet: ״Sei mir gegrüßt Du Sänger des Herrn, Heiligem Dienste gleich mir geweiht! ' Nimm den Gruß, den aus weiter Ferne, Freundschaft, Freundschaft, Dir sendet im Sangeskleid. Trägst nun sieben Jahrzehnte, trägst sie in Ehren. Leichter werd' Dir die Last, weil die Jahre, die Jahre sich mehren! Bist ein ergrauter Gottessoldat, ׳^׳ Oft ist Dein Schlachtgesang erklungen; Auf Deinem Schlachtfeld wer Dir genaht, Tief in sein Herz, tief in sein Herz ist--Dein Schwert ihm gedrungen.!Doch Dein Schwert schlägt keine blutenden Wunden, Kranke Herzen öffnen sich ihm und gesunden. Frisch denn noch lange bleib' Dir die Seele, Frisch auch vom Klange die singende Kehle. Mögst Deine Waffe lange noch schwingen, Vielen noch Trost ׳in das Herze singen! Du! Des verjüngten Israels Sangesmeister, Singe noch lange dem Gott aller Geister, ' '!Singe noch lange dem Gott aller Geister." Die Sohne Isidor Fränk el's sind tüchtige Kaufleute in Philadelphia und Chicago; seine Tochter Rosa, eine bedeutende