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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-11-02 · Heft 38 (2.11.1882) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 38 (2.11.1882)
Date
1882-11-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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״zeitgemäß" geworden, wie auch dort wo das Schechitaeinkommen allein unzulänglich ist, den Cantor zu versorgen, hat man zu einem fixen Honorar greifen müssen, welches, je nach localem Verhältniß, mit 50 Gulden jährlich beginnt und Höchstsellen 500 Gulden übersteigt. Immerhin aber bildet die Schechita, theilweise oder ganz die erste und ergibigste Einnahmsquelle des Cantors. Angesichts dieser männiglich bekannten Thalsachen und in Anbetracht der seltenen Ausnahmen, wo man sich mit Cantoren die nebenbei Notäre oder Cantoren, die Religionslehrer find, begnügt, ist es evident, daß 10ף *) unserer Amtseollegen die Schechita als einen integrirenden Theil ihrer sonstigen ״privilcgirten" Kenntnisse mit in die Praxis nehmen müssen. Alle noch so eminent gelehrten Abhandlungen, sowie auch alle Klagen, welche seitens einiger Collegen wegen regelloser Ueberbürdung laut geworden, können es nicht megleugnen, daß unsere gegenwärtige Stellung als Cantoren mit der Schechita- Ausübung Hand in Hand gehe. Verharren wird demnach in Geduld und überlassen es der reformmächtigen Zeitströmung, das zu vollbringen, wozu unsere concentrischen Kräfte noch nicht ausreichen. Wer den »n und כעל תפלה von Einst mit dem jetztigen Cantor vergleicht wird mir beipflichten. Beginnen wir einstweilen mit der Erwirkung bescheidener Concessionen seitens unserer Gemeinden! Mit Hilfe unseres gesch. Fachblattes dürste es uns gelingen 1. Einführung von festgesetzten Schlachtstunden, selbstverständlich mit Ausnahme von dringlichen Fällen — zu erlangen. 2. Erfolgreiche Propaganda für den Beitritt zahlreicher Gemeinden zu dem Cantoren-Verein zu machen, wobei jedoch auch wir persönlich bei dem Gedeihen und Emporblühen desselben wacker mithelfen müssen. Dadurch allein wäre es möglich unseren prekären Stand geistig und materiell zu heben, unserer Zukunft sorgenfrei entgegen zu gehen. Bezüglich des üblichen stereotypen ״Nur dem Acceptirten werden die Spesen vergütet", *) Der Percentsatz scheint uns ein wenig zu hoch gegriffen. Die Redaction. denn diese letztere hat das herzige und herrliche semitische נער einen Ehrentitel des Propheten Samuel, des Propheten Jeremias und des Sängerkönigs David, den Ausdruck der kindschaftlichenReinheit, lebensvoller, frischer Vorstellungsgäbe, in das germanisch antisemitische, abgeschmackte ״Narr" verzerrt. Nun denn, von den singenden Rednern Zion's, von den in seliger Gottesscheu, Erhebung und Verklärung suchenden und findenden Dienern des göttlichen Liedes kann man im edelsten Sinne, mit Recht das Wort Saphirs in An- Wendung bringen: ״Die wären Narren, wenn sie keine Narren wären. ״Denn ich wär ein großes Kind geblieben (ער ) in dem Hochgefühl, nicht das Unglück Derer fassen zu können, die gerecht gewesen und deren Kinder um's liebe Brod sich mühen sollen". ״Nur das kindschaftliche Israel (יער) liebe ich mir". — Die Religion der Liebe und die Liebe der Religion klingt als erlösende, segenspendende Macht am schönsten und reinsten (הנערים nO in Wort und Lied, welche aus kindschaftlicher Gesinnung und Empfindung fließen! Wien, den 30. Oetober 1882. Dr. S. Nascher. behalte mir vor ein anderesmal zu sprechen, aber es soll mich freuen, wenn mir ein anderer College zuvor kommt״). I. Schwarz. Aanitz. Wort und Gesang von Leopold Stern, Cantor und Religionslehrer. Wohl dürfte es die geehrten Leser dieses Blattes wundern, ein Thema in der heutigen Nummer behandelt zu finden, welches erst in der letzten Gegenstand einer Besprechung war. Es hat sich das eben ganz sonderbar gefügt. Ich war nämlich schon vor acht Tagen Willens, dieses Thema zu bearbeiten, hatte mir auch schon die Disposition dazu entworfen, wurde jedoch durch ein leichtes Unwohlsein gehindert, dieselbe auch auszuführen. Wie erstaunt war ich aber, da ich zufällig von den Herren Redacteuren erfuhr, daß Sr. Ehrwürden Herr Dr. Nascher einen Artikel, betitelt: ״Lied und Wort" ihnen vor ein paar Tagen zur Veröffentlichung übergeben habe. Mit welcher Wehmuth betrachtete ich nun mein Geisteskind! ״Wie," dachte ich, ״du solltest lebendig begraben werden?" Mein väterliches Mitleid wurde rege. ״Du sollst nicht sterben," sprach ich, in der Hoffnung, meine Herren Collegen werden diesem meinem Geisteskinde ihre Aufmerksamkeit nicht versagen. Ist doch das Feld der Bearbeitung unseres Themas ein so weites, daß viele Standpunkte in der Auffassung möglich sind. In der That habe ich auch das Thema anders aufgefaßt und besprochen und — der Name tf!ut doch bekanntlich zur Sache nichts. Wort und Gesang — zwei leuchtende Sterne am Himmel der Andacht — welchem ist der Vorzug zu geben? Ich glaube keinemvonbeiden. Sie sind beide gleichberechtigte Factoren im Gottesdienste. Denn des Dichters Wort: ״Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen," findet beim Prediger keine Anwendung, weil sein Wort oft die That ist. Wie viele heilbringende, wohlthätige Institute entstehen nicht durch seine Anregung, durch sein Wort. Der Prediger ist gleichsam der Geist der andächtigen Gemeinde und der Sänger, der Cantor, er ist das Herz, die Seele derselben. ״Geist forder' ich vom Dichter, die Seele allein drückt Polyhymnia au3**)." Und wenn das Wort belehrend wirkt, so erregt der Cantor durch seinen Gesang die Andacht. Er spricht zu unserem Gemüthe, erweckt die heiligsten Gefühle und bringt uns auf den Fittichen der Andacht dem Himmel näher. Wort, Gesang und Religion repräsentiren gleichsam Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft. Das Wort, als Ausfluß des Geistes, wirkt auf den Geist und regt ihn zum Nachdenken an. Es werden daher nur Reden, welche neue Gedanken, neue Anregungen enthalten, ihren Zweck erfüllen. Deshalb können wir auch eine Predigt, und wenn sie noch so geistreich ist, nicht -zweimal anhören, weil sie eben keinen Stoff zu neuem Nachdenken bietet. Das Wort hat die größte Wirkung, wenn es zeitgemäß ist. Es muß die Verhältnisse der Zeit in ihren Tugenden und Fehlern, in dem, was sie zu thun und zu lassen habe, mit beredten Worten schildern. Die Hauptaufgabe des Wortes ist also: Uns Zu delehren über die Gegenwart. *) Darüber wurde bereits in einer unseren früheren Nummern von unserem geehrten Herrn Collegen R o t t e r in Turnau geschrieben. Die Redaction **) Aus Schiller'» Dystichen.

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