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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-11-02 · Heft 38 (2.11.1882) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 38 (2.11.1882)
Date
1882-11-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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daß der Ausgangspunkt derselben, confvrm km volksgeschichtlichen Ausgangspunkte, entweder im Judenthume oder im Christenthume oder auch in Beiden zugleich zu suchen fei.( Die ersten Christen sangen die. Ms dem Judenthume herübergenommenen Psalmtexte nach feststehenden Tonphrasen, welche namentlich am Schlüsse eines bemerkenswerthen Wortes ausgeführt wurden.! Bei der Verbreitung des Christenthumes unter den ver-! schiedensten Völkern der Erde mußte selbstverständlich an; strenge Festhaltung der eingeführten, religiösen Gebräuche, demgemäß auch an typische.Kirchenmelodien und an eine allgemein verständliche schriftliche Aufzeichnung derselben gedacht werden, zu welchem Zwecke man den betreffenden Textworten Punkte, Striche, Häkchen rc. in den verschiedenartigsten Zusammenstellungen hinzufügte; diese Zeichengruppen, welche stets auf entsprechende, allgemein bekannte Tongruppen hinwiesen und namentlich bei den Gemeinderesponsorien, kyrie eleison, Amen rc. angewendet wurden, hießen Neumen (von dem griechischen rsvf1at der Wink). Schon der oberflächliche Anblick der Form dieser Neumen gewährt uns die feste Ueberzeugung, daß hier ein unverkennbarer Verwandtschaftsgrad mit unseren Neginoth obwaltet; die in's Auge fallende Aehnlichkeit zwischen ״ דרבאnd Yirga ״ רביע Punctum ״ סגול Tripunetuin ״ קטן ß«״rga ״ זרקא P68 flexum ״ מדכא Apostropha שלשלה Quilisma deutet ja zu nachdrücklich auf eine gemeinsame Abstammung, auf eine gemeinschaftliche Heimath hin; auch der Musikgedanke, der diesen Zeichengruppen innewohnt, ist ein vollständig ähnlicher; — nicht ein einzelner Ton, wie etwa die Noten, sondern eine Tongruppe, alsomehrere Töne, werden durch dieselbe bezeichnet. — Sehr bemerkenswerth ist auch der Umstand, daß die Tonphrase der Neumen, ganz ähnlich wie bei den Neginoth am Schlüße eines Wortes angebracht wurde und selbst beim Tonfalle (Melodie) ist eine auffallende Gleichheit nicht zu verkennen. — Die Thatsache wäre nun erwiesen, daß die allerersten Christen nicht blos jüdische Psalmtexte, forckern auch nach Notenzeichen sangen, welche den jüdischen und griechischen Tonphrasenzeichen ähnlich sind und es bleibt nun dem logischen Gedankengange des vorürtheilsfreien Forschers die Beurtheilung überlassen, welche der beiden Nationen von der andern entlehnt habe. — Wir meinen hiebei dem Nationalitätsgefühle durchaus keine Concesfionen zu machen, wenn wir unter Hinweis auf die obenentwickelten gegenseitigen Anschauungen bei Juden und Griechen bezüglich der Musik, 2-sowie an der Hand der Geschichte den Nachweis liefern,' daß die Blüthezeit der jüdischen Tempelmusik einer viel früheren Periode angehört, demnach die Tonzeichen derselben unmöglich einer spätern Kunstepoche entlehnt sein können. Diese Auseinandersetzung ist nicht als apodiktischer Ausspruch sondern lediglich als Versuch zur Aufklärung eines für den Synagogengesang ungemein wichtigen Punktes hinzunehmen und würde es uns sehr freuen, zu weiteren, die Sache betreffenden Meinungskundgebungen Veranlassung geboten zu haben. Zur Zch'chita Zum Nutzen und Frommen unseres Standes wäre es endlich an der Zeit auch ein practisch ernstes Wort hinsichtlich der Schechitadiscussion in unserem gesch. Fachorgane auszusprechen. Jene ׳Herren, welche ihre geistvollen Diskussionen dieser Frage in pro und eontra Ansichten an dieser Stelle veröffentlicht, haben mit einem ernstlichen Factum, mit den Cultus- Manipulationen zahlreicher Gemeinden, zu rechnen vergessen. Alle eis- und transleithanischen Gemeinden, mit wenigen Ausnahmen, haben für die Erhaltung ihrer Cantoren die sogenannte ״Gabelle", d. i. die Besteuerung ihres Groß- und Kleinviehbedarfes eingeführt, welche größtentheils an Pächter oder zuweilen auch an den Cantor selbst an Zahlungsstatt vergeben wird. Hingegen in jenen Gemeinden wo das הכל שוהטיץ ״Der Chasan ein Narr". Woher wohl dieses abscheuliche Sprichwort kommen mag? Es gibt nämlich nichts ethisch Widerwärtigeres, als geistige Ueberlegenheit seinen Mitmenschen im nachtheiligen Sinne fühlen zu lassen, nichts Verwerflicheres als geistige Gaben Anderen abzusprechen oder den Mangel derselben zum Gegenstände der Geringschätzung zu machen. Es braucht hiebei nicht erst gesagt zu werden, daß Momente der Krankhaftigkeit und Leiden in dieser Richtung der mildesten und edelsten Schonung bedürfen und Rücksichtslosigkeit oder gar selbstsüchtige Ausbeute jener die niedrigste Ruchlosigkeit bedeutet. Wie kommt nun das Sprichwort dazu, unberechtigt Einzelne zu schänden, ja sogar einem ganzen hochehrbaren Stande das Brandmal der Verhöhnung aufzudrücken. Nun denn, ״vom Erhabenen zum Lächerlichen ist ein Schritt". Chasan ist ethymologisch und begrifflich mit dem Worte ״Chason", unmittelbare Geistesschau im Zusammenhang. Die lebendig wogende Empfindüng übersprudelt das beengende Gefäß des Wortes und mündet ein in's — Lied. Solche erhabene Gefühlsströmung hat aber ihren Quell auf der höchsten Höhe idealer, durch keine wie immer Namen habende irdische Schranke begränzter Anschauung, sie entspringt der vollsten Hingabe an die Güter des Himmels und der edelsten Entsagungsfähigkeit auf dem Gebiete äußerlicher Verhältnisse. Die Diamantensplitter der Gesetzestafeln machten der heiligen Ueberlieferung gemäß, den ganzen Reichthum des größten Lehrers und Propheten Moses aus, des Sängers ganzer Reichthum ist sein Lied. In dieser Gottes- Kind schüft erblüht ihm eine poetische Welt, in welcher die Wüste zum Paradies, die Steppe zu sonnigem, wonnigem, gottbegnadetem Gefilde sich umwandelt und was Andere renießen, entbehrt er gern, um des Genusseswillen, der nichit für Momente blendet und die Sinne bestrickt, sondern Herz! und Geist dauernd erfrischt und erquickt. ״In der Armuth, welche Fülle, in der Hütte, welche Seligkeit"! Das vermag eine materielle Natur nicht zu begreifen, für das ewige, sittlich Schöne hat sie weder Auge noch Herz. Aber anstatt stiller Selbstanklage wegen eigener Armuth der Empfindung, schleudert sie lieber den Tadel gegen Diejenigen, in deren Herzen der. Himmel, auf deren Lippen die Poesie erblüht. So sind denn die sonnengeborenen Kinder des Ideals, die Dichter, Redner und Sänger angeschwärzt von Neid und Mißgunst der staubgefchaffenen Diener im Cultus — des Silbers und Goldes. ״Am Golde hängt, nach Gold drängt die Welt". Nun

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