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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-11-02 · Heft 38 (2.11.1882) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 38 (2.11.1882)
Date
1882-11-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische d - Zeituni. Organ kür die OrZammt -InterrsZru südischer (tnutorW. Erscheint jeden achten Hag. Begründer: Obercantor Acruev» Nr. 38. Men, 2. November 1882. 2. Jahrgang. ^Präuumerativus-Pre!^ für Wien und Umgebung . und Provinz: Ganzjährig . . fl. 6.— Halbjährig . . fl. 3.— Vierteljährig . fl. 1.5V -\J\J- Für das Ausland: Ganzjährig. . fl. 7.— Halbjährig . . fl. 3.50 Vierteljährig . fl. 1.75 Manuscripte werden nicht retournirt. Administration LeopoldflaLt, Circusgasse Nr. 20. Inserate werden billigst berechnet. ^ßedaeiton Ueumen und Neginoth von Obercantor Josef Singer, Wien. Eine Blütezeit der Musik in Israel wird allerdings von allen Musikhistorikern anerkannt, die Meisten jedoch vermeiden es ängstlich, auf eine etwaige Abstammung des alten Kirchengesanges von dem altjüdischcn Tempelgesange hinzuweisen. Franz Brendel beginnt sogar seine ״Geschichte der Musik" erst mit den Anfängen der christliche.n Musik, als ob es früher überhaupt gar keine Töne, resp. Tonmalerei gegeben; er spricht gelegentlich der Auseinandersetzung der kirchengesanglichen Anfangsentwickelung sehr viel von Hellas etc. ohne nur mit einem Worte Zion und seiner großartigen Gesangs- und Instrumentalmusik-Aufführungen zu gedenken. — Kiesewetter ergeht sich eines Breiten in der Schilderung der Gesangsweise der allerersten Christen, betont, es wären arme, schlichte mit der sehr schwierigen Theorie der griechischen Musik ganz unvertraute Leute gewesen, die in höchst einfacher Weise saugen, — will es jedoch gleichfalls nicht eingestehen, daß diese Leute ״Juden" waren, denen das griechische Wesen, der damaligen religiösen Anschauung gemäß, vollständig fremd war, — welche demnach, wenn sie sangen nicht anders als jüdisch sangen —; reihen wir schließlich dieser Blumenlese judenfreundlicher (?) oder begründeter (?) Auslassungen noch ein Urtheil eines jetzigen Musikschriftstellers R. Sch.an — welcher meint, daß, wenn auch der christliche Kirchengesang in hebräischer Tradition wurzelt, derselbe dennoch unter, der Sonne christlicher Wahrheit entstanden und sich zum jüdischen, wie etwa christliche Wahrheit zum heidnischen. Gottesdienste verhalte; — so ist allüberall eine entschiedene, absichtliche Verläugnung oder wenigstens Außerachtlassung des natürlichen, kirchengesanglichen Ausgangspunktes nicht zu ver- ׳ kennen. — Wir lassen jedoch all die angeführten gegnerischen Liebenswürdigkeiten (?) abseits unserer Betrachtung, wie auch unsere, vielleicht etwas partheiisch scheinende, jedoch der streng logischen Entwickelung entstammenden Anschauungen außer Acht und schreiten nun zum eigentlichen Kern der uns gestellten Aufgabe. An einer anderen Stelle gedenken wir, das großartige, vorzüglich geschulte und geleitete altjüdische Musikleben zu behandeln, wollen jedoch hier zur besseren Orientirung hervorheben, daß bei den Juden die Musik ausschließlich der Religion diente und es ein in hohem Maße beachtenswerthes Moment sei, wenn eine Regierung einem ganzen Volksstamme (לוי) die Pflege und Ausübung der religiösen Musik zur Lebensaufgabe machte. Wo in der Bibel oder in den späteren jüdischen Ge- ׳ schichtsbüchern von Mnsik und Gesang die Rede ist, ist es überall ein religiöser Gedanke, der die Veranlassung hiezu gab und Hymnengesänge, wie sie bei den Juden der ersten Tempel- Periode gepflegt wurden, hat kein anderes Volk der Welt mehr aufzuweisen. Die Musik ward von jüdischen Fürsten hochgehalten und selbst von Königen zum Preise Gottes in vorzüglicher Weise ausgeübt. Ganz anders bei den Griechen; da diente die Musik nicht ausschließlich religiösen Zwecken, zumeist sind es ja nur Volksbelustigungen, Bacchanalien rc., bei denen die Musik als Unterlage verwendet wurde: die griechischen Könige, wenigstens die der ersten Musikperiode (Anfang der griech. Geschichte bis zur dorischen Wanderung) lauschten wohl beim schäumenden Becher den Tönen des Sängers, aber persönlich können und wollen sie keine Musik üben; die griechischen Philosophen, u. zw. die hervorragendsten des BoÜes räumen der Musik keinen hohen Rang unter den Künsten ein, nennen dieselbe nur eine Scheinkunft und stellen sie auf gleicher Stufe mit der Kochkunst rc. *) So viel zur nothwendigen Gegenüberstellung der altjüdischen und altgriechischen Anschauung bezüglich der Tonkunst. Wenn wir nun den Entwicklungsgang der Kirchenmusik an der Hand ׳der Kirchengeschichte bis zu ihren allerersten Ansängen hinauf verfolgen, so gelangen wir zur Ueberzeugung, *) Bemerkenswerth ist der Ausspruch Plato's, daß die Musik weit hinter der Philosophie zurückbleibe und noch drastischer seine Aeußerung, daß, da in der Musik die Phantasie nur sin Abbild irgend einer Situation (Gegenstandes) schafft, der Gegenstand jedoch das Abbild einer Idee sei, die Musik (Kunst) demgemäß nichts Anderes als das Bild des Bildes wäre. Die nächste Nummer der ,,Oesterr.-ungar. Cantoren-Zeitnng" erscheint Freitag den 10. Novemb. a. c.

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