Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 37 (25.10.1882)
- Date
- 1882-10-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Lied auf fernen, fremden Boden". Dafür aber schreit das Herz des tiefgebeugten Volkes auf in der Psalmrede: ״Wenn Gott nicht mit. uns wäre, die Menschen hätten uns lebendig Verfchlungen". . ' Es ist der kleine Prophet Jona wiederum, der Psalmen- Lieder redet und inks Gebet verwebt: ״Denn alle Wellen und Wogen stürzen sich über ihm zusammen". Thatsächlich waltet zwischen Lied und Wort ein gewaltiger Unterschied ob, es verhält sich, um bildlich zu reden, damit, wie mit Dunst und Pegen. Aus dem Meere steigen die Dünste in die Höhe, verchichten sich in der höheren Luftschichte zu Wassertropfen, die befruchtend zur Erde dringen. So ringt sich ans dem Meere der Empfindung hinauf zur Himmelshöhe des Ideals der Ton, welcher zum Wort gestaltet, in den Boden der Erkenntniß steigt. ״Wie der Regen, soll das Wort befruchtend Wirken", wünscht Jesaja der zweite, der größte der Propheten, aber er sehnt die Vereinigung von Lied und Wort, er will den Wiederhauch frischer, unmittelbarer Empfindung für die Flur , des geistigen Daseins und die fruchtbringende Wirkung der Lehre, welche wie der Thau in der nachtenden Blume, der Regen in der reifenden Frucht wirkt und schafft. Wie es sich im Alterthume mit Prophetenthum und Psalmen verhält, so im Mittelalter mit der didactischen Dichtung des.> Poeten (Pyut) und der durch Herz und Schmerz elegisch erbrausenden Melodei der Bußaudacht (Selichali), in der mittelalterlich auftretenden Epoche der herandämmernden Neuzeit mit dem Magidith (subjectiver Conversations-Exegese) und Semirath naturalistischem Volkssang in der ״Schule", für Haus und Welt, Familie und Gesammtheit, in jener finsteren Synagoge, wo jedoch das hehre Licht heiliger, erhabener Begeisterung in aller Herzen geflammt und das ist das anzustrebende Verhältniß zwischen Predigt und Gesang in der Gegenwart. Jene sei gottesdienstliche Rede, welche ihren segensreichen, lichten Strahl in die Liederandacht der Gemeinde senke, an dieser Wiederum entzünde sich der Himmelsfunke des göttlichen Wortes. Die Sprache werde zum Sange, der Sang zur Sprache. Heil uns, wenn die beiden Cultusmomente, Lied und Wort zu Wirksamen Culturmächten sich gestalten, wenn sie die Lichtsäulen bieten, das von Stürmen schwer bedrohte Gebäude jüdischer Gesammtheit ruhmvoll in die Höhe zu tragen. Heil uns,, wenn die Diener des göttlichen Wortes und Liedes in Wechselseitiger Solidarität ihrer sittlichen Wahrheit und wahrer Sitt» lichkeit gewidmeten Berufes, sich dieser Aufgabe bewußt, selbstlos sich gegenseitig zu schützen und stützen. Heil uns, wenn ein Himmelsfunke durch alle Herzen sprüht, eine Flamme durch alle Seelen glüht, ein Lied in allen Seelen bebt, ein Wort auf allen Lippen schwebt: (Gott ist einzig) יי אד ד; dann tönt's auch durch alle Welten von den Himmelshöhen nieder, Freunden zum Schutz und Feinden zum Trutz: (Israel ist einheitlich und einig)!'ז מי■ בעמך ישראל גוי אחד באי־ Wien, den 23. Oetober 1882. Dr. S. Nascher, Ehrenrabbiner Der Synagogengemeinde Barrwaldk (Neumark'». DorLäufige Anzeigr. Synagogen ge sang von M. G. Löwensiamm, weiland Öbercantor der isr. Cultusgemeinde in München. Demnächst erscheint die im Nachlasse des seligen Collegen L ö w e n st a m m Vorgefundene reichhaltige Sammlung von Synagogengesangs-Compositionen, welche uns im Manuscripte vorliegen. — Wäre Löwenstamm auch nicht seit Jahrzehnten schon als Capacität auf dem Gebiete des jüdischlyturgischen Gesanges bekannt, die fachgemäße, von umfassender Fachkenntniß zeigende Behandlung und Anordnung des Melodienstoffes, namentlich der traditionellen in den vorliegenden Synagogengesängen würde die hohe fachmännische Bedeutung. Löwenstamm's vollauf bekunden. — Das Synagogengesangs-Material des ganzen Jahres vom mächtigen Bau des großen Chores bis zum winzigstell Recitativ — alles fand unter seinem beobachtenden Blicke die entsprechende Berück׳ sichtigung und, wenngleich auch diese nachgelassenen Compositionen seit Jahren im Pulte Löwenstamm's lagen, demgemäß auch ältern Datums sind, erscheint demnach auch die spätere Fortentwicklung des Synagogesanges durch Herbeiziehung der Orgel vollauf gewürdigt. ״Ich habe es meinem Alter zu danken, daß mich meine sehr verehrten Collegen, unter denen Viele des Wortes weitaus mächtigere sich befinden, daß sie gerade mich gewählt haben, heute verehrter Herr! zu Ihnen zu sprechen. Aber sie thaten gut daran, weil ich als der Zeitgenosse des berühmten Mcistersängers, den wir heute feiern, von seiner Jugend zu erzählen weiß; von der Macht und Pracht seines Gesanges, mit welchem er die Geister beflügelte, die Herzen bewegte und zur Andacht stimmte. Wie an der Pforte des Tempels zu Jerusalem zwei Säulen kunstreich aus Erz geformt, emporragten, so standen Sie mit einem Manne, der schon in Frieden ruht, vereint in unserem Heiligthume. Er pries die Herrlichkeit Gottes mit Worten, Sie sangen die ״Allmacht'^ des Herrn mit Tönen. Wir hörten, wenn Sie sangen bald den Psalmenjubel von Zion her, bald war es wieder, wie Rauschen der Harfen an den Weiden Babylons. Unsere Herzen schwelgten in freudiger Sehnsucht, wenn Sie die Sabbatruhe als süße Braut begrüßten. Hs klang mächtig und tröstend wie die Posaune der Aufttstehung, wenn Sie an Grüften den Klageruf erhoben. Weil aber die Kunst des Sängers nur an ihn selbst gebunden ist, haben Sie mit weiser Vorsicht die heiligen Melodien gesammelt und in einem Werke zusammengefaßt, daS ein Eigenthum fast aller Gemeinden Israels dies- und jenseits des Oeeans geworden ist. Sie haben, wie es einst Prophetenfchulen gab, eine heilige Sängerschule gegründet, deren Tempel die Welt ist. Wir aber waren die Beglückteren! Wir haben Sie selbst gehört, wir durften, wenn auch auf anderen Gebieten thätig, Sie unseren Collegen nennen, von dessen Ruhm und Glanz ein Widerschein auch auf uns gefallen ist. Wir haben denn dankbar beschlossen, die Gedichte, die Sie gefeiert, die Stimmen, die Sie gepriesen haben, zu sammeln und die fliegenden Blätter zu einen! Lorbeerkranze zu verbinden, der unvergänglich ein Zeugniß geben soll, wie wir selbst Sie und Ihre Mitwelt geehrt und geliebt haben. Das Werk wird demnächst vollendet in ihren Besitz gelangen. Und nun reiche ich Ihnen im Namen Aller, die wir um Sie versammelt sind, die Hand und spreche den lebendig gefühlten Wunsch aus, daß Sie noch lange Zeit, von der ich: sprach, als die herrliche Tempelsäule ragen zum Glücke Ihrer IWMMZM