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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-10-25 · Heft 37 (25.10.1882) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 37 (25.10.1882)
Date
1882-10-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Manche Lücke wird man da finden. Es ist zwar traurig, daß viele Gemeindemitglieder jetzt itt die Synagoge gehen, nicht um zu beten, sondern um etwas zu hören, aber gerade diese traurige Erscheinung zeigt, von welch' großer Wichtigkeit, abgesehen von seiner Bedeutung als Schliach Zibbur, der Cantor für die Gemeinde und für den Gemeindesäckel ist. Wie können wir uns aber die völlige Theilnahmslosigkeit vieler Gemeinden für das Schicksal ihrer Cantoren erklären? Dies ist einfach nur dem Umstande zuzuschreiben, daß die Cantoren durch die herumziehenden und immer wander- Lustigen Meschorerim in Mißcredit gebracht wurden und der -ganze Stand nach diesen beurtheilt wurde. Dadurch sank der Cantor zum Aschenbrödel der Gemeinde herab und glaubte auch bald selbst daran, daß er es sein müsse. Doch jetzt ist es anders geworden. Wir haben an! Cantorentage unsere Kollegen als Männer kennen gelernt, die sowohl ihrem Stande als auch der Gemeindc, in welcher sie sind, zur Zierde gereichen, Männer, welche sich in allen Kreisen Achtung zu verschaffen wissen. Einem Vereine von solchen Männern wird keine Gemeinde ihre Unterstützung versagen. Aber die Pflicht eines jeden unserer Collegen ist es mit allem Eifer für den Verein zu wirken und seine Gemeinde zum Beitritte und zur Unterstützung desselben zu bewegen. Dann können wir Alle froh in die Zukunft blicken und mit dem Cantorentage hat eine neue, glückverheißende Aera für die Cantoren begonnen. Lied und Wort im jüdischen Cultus. Fast ist dem Chasen in der Vieldeutigkeit und Vielgestaltung seines Berufes das Bewußtsein seines Ursprunges abhanden gekommen. Unter dem Collectivbegriff eines Gemeindebeamten, wenn nicht gar unter der primitiven Culturbezeichnung eines übersetzen wir gelinde, ״dienstbaren Geistes", Salomo» Sicher. I. Wohl selten ist es einem Manne beim Abschlüsse seines Wirkens gegönnt, auf eine solch' große Reihe von Anerkennungen und Auszeichnungen zurückzublicken, wie sie unserem allverehrten Meister Sulz er im Laufe der Jahre zu Theil wurden. Und gewiß ist es für jeden unserer Collegen von großem Interesse, hierin einen Einblick zu bekommen. Daher wollen wir in einer Serie von Aufsätzen das Wichtigste unseren Lesern mittheilen und beginnen mit dem Vorworte einer jüngst erschienenen Broschüre ״Gedenkblätter an Obercantor Salomon Sulzer", veröffentlicht von den Beamten der israelitischen Cultusgemeinde in Wien. ״Es war ein wehmüthig erinnerungsvoller Moment, als iu der Wiener Cultusgemeinde die Kunde vernommen wurde, daß der berühmte ׳,Zions"sänger von der Stätte, auf der er durch 56 Jahre weihevoll und künstlerisch wirkte, der Obereantor Salomon Sulz er aus seinem Amte scheiden werde. Aus allen Gesellschaftskreisen der Gemeinde wurden ihm Anerkennungen, Zeichen dankbarer Erinnerungen vorbereitet. wird die Stellung dieses hohen Würdenträgers, des berufenen Abgesandten der religiösen Gemeinschaft zu allermeist verstanden. Unter nordischen Himmelsstrich wird an Wesen und Führung der moralisch-intellectuellen Persönlichkeit, in südlichen Regionen vorwiegend an seiner gesanglichen Befähigung der Maßstab seiner Bedeutung angelegt. Hierarchie und Bureaukratie haben sogar durch eine nicht gerade ehrende Sentenz eine Grenzlinie gezogen, zwischen dem Träger des göttlichen Wortes und dem verordneten Sänger des heiligen Liedes; indem der Erstere jener gemäß ״nicht lernen", Letzterer ״nicht singen* dürfte. Wie falsch und hohnsprechend jeder religiösen Theorie und Tradition! In der glanzvollsten Epoche des israelitischen Volkes ließ der Prophet im melodiösen Rhythmus die dichterische Rede auf seiner Harfe erklingen, die Blüthe des Sanges ging auf in der Lehre, der Duft.religiöser Weisheit und Wahrheit zog hinein in das wogende Lied, erfrischend und erquickend das Herz der Gemeinde. Aus dem gemeinsamen Quell jener Poesie, welcher die himmlische Kraft entsteigt, den in irdischen Schranken befangenen Menschen zum erlösenden Gottesgedanken zu erheben, kommen die in heiliger Liedersprache lebenden Lehren, die in heiliger Belehrung auszitternden Gesänge. So scheidet der Gottesmann Moses von seinem Volke mit der Mahnung: ״Schreibet Euch nieder dies heilige Lied", so bekündet der erhabenste Einblick in das Getriebe ethisch-seelischen Lebens des Volkes der erste Jesaja, ein Chasen von Gottes Gnaden, dessen Chason, objectiv und subjektiv zu Tage geförderte Geistesscheu im Liede reflectirt. Erst als der Strom poetischer Beredsamkeit versiegt war; indem die geredet der dichterischen Form entbehrten und die gesungen zu sehr von der Strömung der Empfindung hingerissen wurden, als daß sie den unmittelbaren Hauch der Seele, den Ton hätten zum Worte erstarren lassen dürfen, schied man zwischen geredeter und gesungener Andacht, der prophetischen R e d e und dem dichterischen Liede, den Psalm. Jene hatte sogar diese zu überdauern vermocht. Wehmüthig hängt der Sänger seine Laute auf die Trauerweide und seinem qualerfüllten Herzen erpreßt sich der Ruf: ״Wie sollten wir singen das göttliche Da vereinigten sich auch die Collegen im Amte der Cultusgemeinde, um ihm ebenfalls ihre Verehrung und treue Gesinnung auszusprechen. Man berieth, welche Manifestation die würdigste und für den Scheidenden etwa erfreulichste wäre. Nach Vorschlägen aller Ärt sprach der Prediger Herr Dr. Adolf Jellinek den Gedanken aus: es mögen Stimmen gesammelt werden, die sich seit einem halben Jahrhundert überden Altmeister des synagogalen Gesanges vernehmen ließen und die sich auf fliegenden Blättern, in Zeitschriften, kritischen Werken u. s. w. weithin zerstreut vorfinden. Dieser Vorschlag wurde von den Versammelten einhellig angenommen und dessen Ausführung beschlossen. Weil aber eine solche Arbeit einer längeren Zeit bedarf und der Abschiedstag nahe bevorstand, wurde bestimmt, vorerst den Scheidenden persönlich zu begrüßen und ihm Mittheilung von dem gefaßten Beschlüsse zu machen. Am 2. April, nachdem der Jubilar zum letzten Male im Stadttempel der Gemeinde׳ vorgebetet hatte, begaben sich sämmtliche Beamte in feine-Wohnung und Herr Dr. Ludwig August Frankl, als der nun älteste Beamte der Cultusgemeinde, zum Sprecher erwählt, sprach:

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