Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 35 (9.10.1882)
- Date
- 1882-10-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Leben gekostet, es war aber der Mühe Werth, die Welt mit! einer solchen Wahrheit zu beglücken." ״Und daß ihr's wisset," fuhr er nach einer Pause fort, die man, wenn es nicht frevelhaft wäre, bei einem heiligen Manne irgendwelche Heuchelei vorauszusetzen, Kunstpause nennen könnte, ״Jakob von den ״vier Thieren" sieht, ich selbst habe mich bei meiner Himmels-Hochzeit davon überzeugt, wirklich einem der heiligen vier Thiere ähnlich." Jakob, das Thier, von dem reichen Genüße des aus Danina's Händen empfangenen Lebenswassers ohnehin erhitzt, ward glühend. Als aber der Rabbi, mit dem Finger auf ihn zeigend, den Vers citirte: ״Und die brennenden Thiere sind in Gestalt Feuerkohlen ähnlich," da überkam ein leises Lächeln die Menge und Jakob wischte sich verlegen die Stirne. Abermals trat eine Pause ein. Beer richtete sein Wort an Isaak von Lancut. ״Isaak von Lancut", sprach er und sein Auge bohrte sich in das des Angeredeten, ״du bist die Seelenwanderung von dem Sohn Asai's, du warst im Himmel, sag' an, mein Sohn, was weißt du von dem Sphärentanz und von der Musik zu berichten? Was hast du im Himmel mit leibhaftigen Augen wahrgenommen? ' Schüchtern recitirte der Jüngling: ״Die Herrlichkeit Gottes verlangt, daß man die Sache geheim halte." — ״Ja, mein theurer Sohn" — fügte Beer hinzu — ״die Herrlichkeit Gottes erfüllt das ganze Weltall. Wie thöricht daher die Meinung der gottlosen Epikuräer, die behaupten, daß der Pfiff der Himmelskörper aus dem Grunde spurlos verhallt, weil er in das Leere und nicht in die Luft geschieht. Ist etwa die Herrlichkeit, von der das Weltall erfüllt ist, nicht geeignet einen Wiederhall von sich zu geben? Und schlürfen wir nicht mit jedem Athemzuge Erholung für die beklemmte Brust? Beten wir denn nicht: Und das Räderwerk und die heiligen Thiere erheben sich mit großem Geräusch gegen die Saraphim? Ja, es ist die größte, erhabenste, angenehmste Musik, die es in der Schöpfung nur geben kann. Freilich nicht für das sündhafte Ohr eines gottlosen Epikuräers aber — Isaak mein Sohn —" Der Rabbi hielt inne, denn die Zuhörer brachen in ein geräuschvolles Schluchzen aus. Danina zitterte. Ihre Blicke begegneten denen Jsaak's, aus denen verzehrendes Feuer hervorleuchtete. . . Die furchtbaren Tage waren vorüber. Aber auch Beer hatte dem Zeitlichen für immer Valet gesagt. Auf die erste Nachricht von dem Ableben Beers, eilte Isaak von Lancut nach Meseritsch. Hier streckte er seine Glieder ihrer ganzen Länge nach über den Hügel des Rabbi. ״Großer Rabbi," sprach er, jetzt erst verstehe ich deine Worte. ״Du warst nicht zugegen auf meiner Hochzeit, ich werde daher auch nicht auf der deinigen zugegen sein. Damit hast du weniger mich in dem Entschluß, nie-- mals zu heiraten befestigen, als vielmehr deinen eigenen Tod Voraussagen wollen." Vom Grabe des Rabbi sich erhebend, begab er sich in das Haus der frühzeitig verwittweten Danina, für die sein Herz noch immer mächtig schlug. Er erinnerte sie an die soeben citirten Worte des heiligen Gemals, besonders an das über seinen Coelibat-Entschluß ihr zugeflüsterte ״das ist nicht ausgemacht!" Sie wurde bald überzeugt und ließ sich von Isaak aus Lancut heimführen, wobei sie dem neuen Gemal die große Clientel des alten als Mitgift mitbrachte und die Pilgerschaft zu dem neu entdeckten Rabbi aus Lancut hatte, wie sich die Zeitgenossen ausdrückten ״kein Eck und kein End." Offener Sprechfcrar für Alle. Prag, am 1. Lctober 1882. Sehr geehrter Herr Redacteur! Beim Durchlesen des so warm empfundenen Artikels ״Ein ernstes Wort" in der letzten Nummer Ihres werthen Blattes, da wurde der Wunsch in mir laut: O, möchten diese Mahnworte in den Herzen unserer Collegen Eingang finden! Wäre dieser Apell an die Einigkeit und Verbrüderung nicht der des Rufers in der Wüste! Und dieser Wunsch hat umsomehr Berechtigung, als die meisten unserer Collegen eine derartige Apathie umstrickt, daß zu befürchten ist, es werde auch dieser Ruf kein Echo in den Herzen derer finden, denen doch die Sorge um das Wohl ihrer Familie bei eintretenden Unglückssällen, die leider gar so oft und so unverhofft über den Menschen Hereinbrechen, nahe gehen sollte. Dreiviertel Jahre sind dahin geflossen, seit die erste Anregung zu einem Cantorenverein zuerst in der ״Cantoren- Zeitung" erfolgte, 4 Monate, seit der Cantorentag die Statuten des zu gründenden Vereines berieth. Haben wir gehört, daß seit dieser Zeit der Beitritt neuer Mitglieder erfolgte? *) — Man sage mir nicht, Personen, die Manchem nicht zu Gesichte stehen, sind daran schuld. Nein und tausendmal nein. Ich sage, Euere Indolenz, Euere Gleichgiltigkeit, die süße Gewohnheit der bisherigen Jsolirtheit, das Hoffen auf blindes, unverhofftes Glück, das Einlullen in die halbwegs erträgliche Existenz, das sind die Bande, von denen Ihr umstrickt seid. ננתקה את מוסרותימו Wachet endlich auf aus Euerer Lethargie, Amtsbrüder! Tretet endlich dem in der Centrale unseres Reiches entstandenen Vereine bei! Mit dem geringen Jahresbeiträge von 4 fl. helfet Ihr einen Bau fördern, in dem Ihr nicht allein zur Zeit des Unglückes, materielle Unterstützung, sondern auch bei etwaigen Widerwärtigkeiten, die Euch in Eurer Gemeinde zustoßen, Schutz und moralischen Beistand finden werdet. Wie erhebend und kräftigend ist der Gedanke, nicht immer nur auf sich allein angewiesen, sondern der Unterstützung hunt derter von Gesinnungsgenossen gewiß zu sein, die dazu beitragen. Vieles, was uns bedrückt, zu erleichtern, Vieles, was zur Hebung unseres Standes noththut, durch gemeinsame Arbeit zu erwirken. Gar sehr zu bedauern ist, daß der politische Dualismus, der in Oesterreich-Ungarn existirt, auch von uns Cantoren copirt worden ist? Ist unser Herrgott in Ungarn vielleicht magyarisch gesinnt? Rufen die Cantoren ihn dort nicht in unserer heiligen Sprache an? Klingen unsere, so schönen jüdischen Gesänge dort anders als in Oesterreich? War eine Separation nöthig? Haben wir denn überhaupt separate divergierende Interessen? Ich denke, wir alle, vom äußersten Norden bis in den südlichsten Theil unseres großen Heimatlandes haben nur ein mächtiges SLandesinteresse, dahin zu wirken, daß durch unsere gemeinsame Thätigkeit das Standesbewußtsein gehoben, daß unser Stand in den Augen der Welt ein höheres Ansehen gewinne, daß man den Cantoren und ihrem Amte mit mehr Würde, mit größerer Achtung begegne, als dies bisher leider der Fall ist. Darum rufe ich zum Schluffe dieser meiner aus tiefem Herzen kommenden Worte Allen nochmals zu: ״) Neue Mitglieder sind wohl eingetreten aber die Alten lassen nichts von sich hören. Die Redaction.