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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-09-19 · Heft 33 (19.9.1882) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 33 (19.9.1882)
Date
1882-09-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 so viele Licenzen in dieser Beziehung, als unsere! — Wir wollen hier nicht erörtern, wer die Schuld an diesem Verfalle trägt, möchten aber nachdrücklichst den Wunsch aussprechen, daß Jeder, dem Aufrechthaltung, Aufsicht und Leitung über Synagogen und Gottesdienst anvertraut ist, strenge darauf sehen möge, daß außer solchen Gesängen, die nur von dem ״Chasan" allein oder von demselben mit Begleitung verschiedener Art vorgetragen werden, welche aber auch synagogalen Charakter besitzen mögen — durchaus die alten ehrwürdigen Weisen beibehalten werden und sich die ganze Gemeinde, nicht nur der Chor von 10—12 Knaben und Männern rc. rc., daran betheiligen möge. Wenn nicht Alles am Gottesdienste Theil nimmt, geht die Andacht verloren und an ihre Stelle tritt, wie wir leider zu oft ehe!:, sein Betragen, daß nicht einmal außerhalb des Gotteshauses zu billigen wäre. Man sage ja nicht, das Chasanos sei veraltet. Was seit Jahrtausenden besteht, ist wohl nur ehrwürdiger geworden, aber nicht veraltet. Man höre, mit welcher hohen Achtung die tüchtigsten und gelehrtesten Musiker und Nichtisraeliten von den einfachen, tiefgefühlten und charakteristischen Synagogenmelodien sprechen. Welcher Reichthum an natürlichem Melodienfluß, welche Anlage zu Jmitationen, Fugen u. s. w. zu allen Künsten des einfachen und doppelten Contrapunktes findet sich in ihnen! So wie die Sprache der Hebräer mit einigen Worten vielsagend ist, so drücken oft bloß zwei Tacte und Noten die erhabensten Gedanken aus. Sollte nicht auch der moderne Jude dies begreifen wollen? Leugnen wollen wir jedoch nicht, daß eben nur 6״hasanim" ״Baale tefiloth.“ an dem Verfalle des Chasanos Schuld tragen, weil die Wenigsten die erhabene Einfachheit aufzufassen vermochten, die Meisten aber wegen Mangel an Stimmbildung, Wort und grammatikalischer Kenntniß und ohne alle Vor- *,Ke pomouze“ (nützt nichts), replicirte der Kutscher, der wie die Leser gewiß schon errathen haben werden, kein anderer als der in Bauerntracht verkleidete Träger Nachem war — ״ne pomouze. der reiche Müller hat gesagt, daß nur der Herr Pfarrer selber kommen müsse, da er (der Müller) sonst nicht ruhig sterben könnte und soll auch der hochwürdige Herr reichlich für seine Mühe belohnt werden." Kaum zwanzig Minuten später erschien auch richtig derselbe wohl verwahrt gegen Kälte und Regen vor dem Thore, bestieg den Wagen und fort ging es in die finstere Nacht. — Als das Gefährte auf schlechten Feldwegen ungefähr zwei Stunden weit vom Orte entfernt war, gerieth es plötzlich ins Stocken, da der Kutscher den Weg verfehlt hatte und in einen kleinen Sumpf gerathen war. ,:Velebni pan“, sprach der Kutscher, nachdem er anscheinend alle Kräfte aufgeboten hatte, um wieder auf den rechten Weg zu kommen, ״es nutzt nichts, wir müssen trachten, daß wir ein wenig nachhelfen, wenn wir nicht hier bis zum Morgen zubringen wollen". Der Pfarrer mutzte sich nach langer Debatte endlich in's Unvermeidliche fügen, stieg vom Wagen und sank dabei bis fast zu den Knien in dem Moraste ein. Im selben Momente aber schwang sich unser Kutscher auf den Bock, ein tüchtiger Knall mit der Peitsche erschallt und Roß und Wagen waren in der stockfinsteren Nacht den Augen des verblüfiten Pfarrers verschwunden. Von ferne aber erscholl der höhnische Ruf des Kutschers: ״Zu Stiches! Zu Sliches!" bereitung für das wichtige und hohe Amt eines ״Scheliaeh Zibbur*, der Israels Freud und Leid, seine Bitt-, Lob- und Dankgebete, würdevoll und mit echter Empfindung vortragen sollte, oft auch nur als den letzten Noth- und Rettungsanker nach der Stelle eines ״Scheliaeh Zibbur“ griffen und die Mängel an vorerwähnten Eigenschaften durch Schnörkeleien und Flitter zu decken suchten. So etwas konnte freilich Keinem der Zuhörer mehr gefallen und man brach den Stab über das Werk, während man den Exequenten hätte verurtheilen sollen. Wer Salomon Sulz er oder sonst einen würdigen Chasan an den Jomim nauroim hörte, wird sich von dem Gesagten überzeugt haben. Was bei den Meisten an die Stelle des Alten, Ehrwürdigen getreten, ist nur geeignet, das Nationale zu verleugnen. Diejenigen, und es gibt deren nicht Wenige, bei denen die ehrwürdigen alten Weisen in Saft und Blut eingedrungen, finden keinen Geschmack mehr an dem modernen Synagogengesang mit seinem nicht synagogalen Charakter. Die Gesänge sind alle hübsch, ja sogar oft sehr schön, aber, wie gesagt, sie gehören nicht in die Synagoge, sie finden im Gotteshause nicht mehr die Synagoge, sondern wie sie sagen, einen Tempel; und Tempel hatten die Heiden. Die Mythe hat Tempel, sagen sie; der Jude hatte ein B68 hamikdosch, ein Bes elohim, ein Bes hakeneses. Der Tempel hatte zwar ein Gutes, daß darin nicht geplaudert werden darf, aber man kann sich darin auch nicht am Gottesdienste betheiligen, man kann darin nicht oreu oder davenen so recht nach alter Weise. Das Schaukeln, welches der חבר im cusari so schön zu entschuldigen weiß, verstehen wir darunter wohl nicht, denn die Druckerpresse liefert heut zu Tage eine Menge der mannigfachsten und gediegensten Tefilos. Außer dem kerias Schema und ש״ע belachasch will der Jsraelite mehr als blos רק שפתי נעות er will mit seinem Gotte sprechen und das kann er nur, wenn die Gebete so eiugetheilt werden, daß abwechselnd Chasan und Kahal beschäftigt sind. Was soll das Dastehen und den Chasan blos anhören oder bewundern oder gar bekriteln, ob derselbe eine Tenor-, Bariton- oder Baßstimme hat, ob er zur Oper hätte gehen sollen oder nicht 11. dgl. Das Gotteshaus ist kein Theater, kein Concertsaal. Es soll nicht das Ohr entzückt, es soll das Herz erbaut werden. Es wäre sehr wünschenswerth, daß die verehrt, isr. Gemeinde in Wien, die den anderen Gemeinden immer als Amud hoeseh voranging, das neue Gotteshaus in der Leopoldstadt als eine Nationalsynagoge aufstelle und sie wird mehr Nachahmer finden, als mit dem Tempel von 1825. Auch sind wir überzeugt, daß es keine Spaltungen, keine Parteien mehr geben wird, zumal auf dem Lande, womit die schwachen Kräfte sich leicht zersplittern und אש בבנה ובאחיו in Streit gerathen. Bei dieser Gelegenheit sprechen wir den Wunsch aus, daß die israel. Jugend in den israel. Schulen solchen Musik- und Gesangsunterricht genießen möge, daß es derselben leicht möglich werde, sich mit einem solchen Gesangsbuch vertraut zu machen und dadurch, wie einst im tausendstimmigen Chor, den Namen Jehova's zu verherrlichen. Den weisen Gemeinden Israels aber, die keine Opfer scheuen, wenn es heiligen und wohlthätigen Zwecken gilt, diesen möge es gefällig sein, an ihren Schulen Abtheilungen zu gründen, wo Chasanim unter tüchtiger Anleitung heranuud ausgebildet werden und von einem solchen ספר הקנית gleich den nöthigen Gebrauch machen könnten. München, im Monate der geistigen Erlösung Israels Nissan לפ״ק תר״ם den 31. März 1857.

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