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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-09-07 · Heft 32 (7.9.1882) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 32 (7.9.1882)
Date
1882-09-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 zu verweilen, die seinem Geiste nahesteht. Jene dem Herzen nahestehende Person, der Vater des Gefertigten, der in seinen Zeiten hochberühmte ,.Schmelke Chasan", an dessen leuchtender Sänger-Fackel die stille Ampel seiner Talente sich entzündete, um dann durch die Gnade des Herrn, der die unsterbliche Kunst ihm in die Brust gesenkt, zu leuchten dem gläubigen Judenthume der Metropole dieses Reiches. Der Mann aber, der unserem Geiste so nahe ist, unser Führer und Meister, dem es gnadenreich beschieden war durch mehr als ein halbes Jahrhundert sich unvergängliche Lorbeern zu sammeln, indem er seine Zuhörer ungezählte Male zur Begeisterung hinriss und auf die wogende Menge, ohne Unterschied des Glaubens und der Geistesrichtnng erhebende Eindrücke, erzielte. Wir heben dies hervor, dem Streben gegenüber, welches nur demonstriren will, daß man zur Größe geboren, zur Anerkennung gestorben sein müsse. Die Anerkennung war ja schon während ihres Lebens und Wirkens jenen Männern nicht versagt geblieben, die zu Anfängen dieses Jahrhunderts als das Cantoren-Dreigestirn des Judenthums bezeichnet wurden, D. Brod, Kasch tan und I. Freysinger, Männer, von der warmen Gefühlsinnigkeit ihrer Sendung ganz erfüllt, Männer, die zum ersten Male vielleicht sich bewogen fühlten, den Synagogengesang einer modernen melodischen Form anzupassen. Und erinnert man sich der Größen auf diesem Gebiete, so ist es unstreitig billig, Derer zu gedenken, deren Name der gegenwärtigen Generation nur selten wiederklingt, und denen es wahrlich vergönnt war, daß ihres Ruhmes Dämmerlicht mit einem magischen Glanze von dem Anfänge dieses Jahrhunderts auf die jetzige Generation noch fällt. Es war jedem dieser drei Cantoren die gnadenreiche Fülle der Töne, das erhebende Lied, der bestrickende Sang gegeben, sie waren allerdings die ersten Boten rhytmischen Wohlklangs, und es wäre Falschheit, behaupten zu wollen, daß es ihnen nicht gegeben war, des Gebetes Weihe zu erfassen, die Andacht zu erwecken und mit glänzenden Mitteln die Herzen aller Hörer zu zwingen.und doch ihr Name verklang wie das weihevollste Lied, ihr Andenken ist entschwunden, wie die Hörer alle, die mit andächtiger Verzückung dem herrlichen Gesänge gelauscht, ״und ihren Namen meldet kein Lied" und kein Buch.׳ Einzelne Tonfarben, nur sporadisch auftauchende ״Niguuim" sind's, die hie und da den Tiefen gläubiger Gemüther entfließen, und wie eine alte Tradition lebt ihr Name und die Leistung Mythenhaft fort; allein keine Note zeugt von ihrem Schaffen, keine Zeile bewahrte ihr Andenken, bis Sulz er kam, der die verstreuten Rhytmen, die halbverklungenen alten Weisen mühsam gesammelt und dieselben mit aufnahm in die herrliche Sammlung, die Sulzer's Geist erdacht, sein Herz durchfühlt und seine machtvolle Stimme getragen. אז ישיר und da er sie sang, das war Behelf, רמז. י^תחית המתים daß die Todten wieder erstanden, lebend und wirkend vor uns hintreten. Und wir lauschen durch kunstreiche Vermittelung der alten Geister und der modernen Form ihnen die Weisen ab, die einst auf ihren Lippen gelagert, die einst ihren Tiefen entquollen. — Und daß wir in der Lage sind, die Bücher der Vergangenheit aufzuschlagen, das ist Sülzer's Verdienst. Daß es ihm gelang, die alten Melodien in neue Formen zu gießen, daß in der lautersten, neuesten Form der Gegenwart die alte verklungene Melodie der Vergangenheit zündend und begeisternd auflebt, das ist Sulzer's Größe. Und das Beginnen, den Mann verkleinern zu wollen, der in rühmlicher Weise mit den Zauberblüthen synagogaler Musik das ganze Judenthum des ganzen Erdballes umschlingt, ist ein — zum mindesten — thörichtes den Künstler Sulz er, den die wahren Genien der Kunst, wie Liszt, Schubert und Andere, ihrer Freundschaft auszeichneten, herabsetzen zu wollen, ein vergebliches Beginnen. Und wenn wir den Himmel mit schwärzen Augengläsern beobachten, so wird der Himmel auch dann schwarz erscheinen, wenn er im reinsten Frühlingsblau sich wölbt; deshalb bleibt der Himmel dennoch Himmel. Wenn die Größe Sulzer's von Schwarzsehern verkannt wird, so hat das weiter nichts zu sagen, deshalb bleibt Sulz er dennoch Sulz er. Und so beseelt uns die Hoffnung, daß unser Verein, der unter dem glücklichen Zeichen seiner Ehrenpräsidcntschaft die Schwingen zu edlem Fluge entfaltete, in Bälde an hoher Stelle anerkannt, im neuen Jahre schon wirken und schaffen und so den glanzvollen Erwartungen gerecht ^werde, die Hunderte unserer Amtsbrüder an seine Wirksamkeit knüpfen. Wien im Elul 1882. Josef Goldstein. Arber das Sedürsniß eines sogenannten ספר הזנות של כל השנה das ist eine Sammlung der alten National - Synagogen- Melodien und Responsorien nach Weise der alten Hebräer, wo ״Chasan“ (Vorbeter) und ״kohol" (Gemeinde) an dem Gottesdienste gemeinschaftlich theilnehmen. Von M. G. Löwenstamm, weiland Obercantor der israelitischen Cultusgemeinde in München*). Eine Nation ohne Sprache, eine Nation ohne ihre eigenthümlichen Weisen und Melodien ist wohl nicht denkbar; und gäbe es eine solche, so verdiente sie den Namen ״Nation" oder ״Volk" gewiss nicht. Jede Kirche hat ihre Liturgien, hat ihre stereotypen Kirchenlieder und Gesänge. Beispiele anzuführen, dürfte wohl überflüssig sein. Ein Volk wie Israel, das dazu berufen war, den reinen Glauben an Monotheismus im strengsten Sinne zu verbreiten — ein Volk, das schon im ״ersten Tempel" Beweise von feinstem Kunstsinn und von Kunstaufführung gegeben, — ein Volk, das im tausendstimmigen Hallelujah das Lob des ״Herrn aller Herren" verkündete, ein solches Volk muß auch die Mittel besessen haben, auf Geist, Gemüth und Sinn der es umgebenden Völker, und um so mehr auf seine eigene Mitte nachhaltig wirken zu können.׳ Daß daher Sprache, Cultur und Alles, was dazu gehörte, — vollkommen waren, lässt sich nicht nur nicht leugnen, sondern muß auch allenthalben zugestanden werden. Wenn auch einige Musikgelehrte und Musikforscher aus gewissen Gründen geneigt sind, die Musik der alten Hebräer in Bezug auf Vollkommenheit der Instrumental- und Vocalmusik und ihren harmonischen Bau, selbst später, noch zu David's.und Salomo's Zeiten, also im בית שני auf eine niedrige Stufe zu stellen, indem sie ihr ein mangelhaftes Notensystem und eine mangelhafte Orchestration zuschreiben und behaupten wollen, daß das Vocale nur ein Unisono war und das Orchestrale blos aus einer Cimbel oder Harfe, Pauke und *) Geehrte Redaction! In dem Nachlasse des in allen Kreisen wohlbekannten Obercantors in München, M. G. Löwen stamm, fand sich beiliegender Aufsatz, der es verdient, der Oeffentlichkeit übergeben zu werden und welchen ich daher der geehrten Redaction zur Verfügung stelle. I. Singer, Obercantor.

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