Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 32 (7.9.1882)
- Date
- 1882-09-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Äetrachtnngen jutn neuen Jahre. Wieder ist ein Jahr in dem Strome der Zeit dahingeschwunden, ein großer Abschnitt im Leben der Sterblichen, ein Nichts in der Ewigkeit vor Gott. Wie viel Glück und Unglück, wie viel Schmerz und Freude drängt sich in dieser Spanne Zeit zusammen! Wie viel Kämpfe wurden gekämpft, wie viel Schweiß ist geronnen, wie viel Thränen wurden vergossen! So Mancher hat ausgekämpft, so manche Gattin wurde zur Witwe, manches Kind zur Waise. — Und wieder nahen die hohen Tage, an denen sich der Jude vor seinem Schöpfer demüthigt, an denen er vor seinen Gott hintritt, um ihm in inbrünstigem Gebet zu danken für das Glück und das Unglück, das ihm zu Theil geworden; denn auch das Unglück theilt uns der Allgütige weise zu, damit es zu unserer Besserung, zu unserer Veredlung beitrage. Hoch und Nieder, Reich und Arm, Alles was den Namen ״Jude" trägt, eilt dem Gotteshause zu, verbringt die hohen Festtage in Gebet und Fasten und vergisst an alles Ungemach, an alles Elend, das vielleicht seiner draußen in der Welt harrt. Alle Juden sind an diesen Tagen ein Volk von Brüdern, ein Band umschließt Alle, das mächtiger ist als der Hass und die Verfolgung, der Neid und die Scheelsucht, die es zu sprengen suchen. Wird es doch zusammengehalten durch das herrliche, echt patriarchalische Familienleben, wie es nur dem Juden, dem Judenthume — dies können wir stolz sagen und dies können nicht einmal unsere erbittertsten Gegner in Abrede stellen — eigen ist. Und an diesen Tagen zeigt es sich von seiner schönsten Seite. Alles, Groß und Klein, Kinder und Enkel, umdrängt den geliebten Vater, den ehrwürdigen Groß- Vater, der seine bebenden Hände auf die Häupter der Seinigen legt und in der geheiligten Sprache der Ahnen den Segen des Himmels auf sie herabfleht. Hier athmet Alles Weihe und Frieden. Aus der herrlichen Schatzkammer des alten jüdischen Volksthumes haben die Juden dieses, sowie manches andere unschätzbare Kleinod gerettet, aus jener Zeit, wo sie noch nicht das unglückliche Volk waren, das sie jetzt sind, wo sie noch nicht dem Spotte, der Verfolgung, dem Elende preisgegeben, in der Welt zerstreut umherirrten,, aus jener Zeit, wo sie, die Herren eines fruchtbaren Landes, eins in Sprache und Sitten, in Gewohnheiten und Gebräuchen, noch kein zweitausendjähriges Martyriuni hinter sich halten. Damals stand noch der herrliche Tempel, die stolze Zionsbürg und in gewaltigen Schaaren strömte das Volk aus allen Gauen des heiligen Landes zusammen, um die Feier der hohen Festtage vor dem Herrn der Heerschaaren zu begehen. Und damals war es der Hohepriester, der als Vertreter des Volkes dem Allgütigen die Opfer darbrachte. Nur er durfte das Allerheiligste betreten, um von dieser Stätte seine Gebete für das Wohl des Volkes zu Gottes Thron emporsteigen zu lassen. Und diese Herrlichkeit ist dahin, entschwunden ist die Pracht und Größe Israels, zertreten und zermalmt sind die Fluren und Gefilde seines Vaterlandes, nach dem es noch jetzt in wehmüthiger Erinnerung blickt. Dahingesunken sind die Städte unter dem wuchtigen Schritt der römischen Kriegsschaaren. Nur Staub und Asche, spärliche Mauerreste zeigen die Stelle, wo einst die Herrlichkeit Gottes gethronet. Aber der Gottesglaube hat Israel in seinen Leiden aufrecht erhalten und gestärkt, ihm sein Martyrium erleichtert, er war ihm eine unversiegbare Quelle der Begeisterung und freudigen Hoffnung. So wie früher das Opfer, so vereinigt jetzt die Kinder Jacobs das Gebet, Und wie einst der Hohepriester an den hohen Festtagen vor das Allerheiligste hintrat und sein inbrünstiges Flehen für Israels Heil und Wohlfahrt zum Throne Gottes emporsandte, so tritt jetzt der Chasan vor den Altar hin mit den Worten: רחם עלי ושמע תפלתי היום אשר ״ אתפלל בעדי ובעד ב תי ובעד עדתיErbarme Dich meiner und erhöre mein Gebet für mich, mein Haus und meine Gemeinde". Und wenn es auch von vielen Seiten als eine Anmaßung angesehen wird, daß sich der Cantor als Nachfolger des Hohen- Priesters betrachtet, so zeigt doch schon dieses Gebet allein, daß er Stellvertreter desselben ist und daß wenigstens zum Theile jene Würde auf ihn übergegangen, die Gott emst Aron und seinem Hause verliehen hat. Groß und erhaben ist daher die Aufgabe, die. uns an diesen Tagen zufällt. Die Augen aller Gemeindeglieder sind auf uns gerichtet. Sind wir es doch, die dem Gottesdienste Weihe und Feierlichkeit zu verleihen berufen sind, wir die Vermittler zwischen dem Allmächtigen und seiner Gemeinde. Jeder von uns sei sich daher auch dieser hohen Aufgabe bewußt. Makellos und rein, wie der Hohepriester, müssen wir vor Gottes Altar hintreten, nur der Gedanke an Gott, an unsere heilige. Pflicht soll unser Herz erfüllen. Dies wird unsere schwere Mission erleichtern, uns Kraft und Stärke verleihen. Und so mögen denn die tausend und aber tausend Wünsche, die sich von unseren Lippen zu Gott, dem Allgütigen emporringen in Erfüllung gehen! Möge unser Volk und unser von, den Vätern .überkommener Glaube, in dem wir Alle wurzeln aus dem wir unsere Lebenssäfte ziehen, bestehen und blühen für und für, unseren Feinden zum Trotze, uns und der Menschheit zum Heile; denn die hohe Mission, die Gott seinem Volke zugetheilt, ist noch nicht zu Ende. Noch ist nicht jener schöne, ersehnte Zeitpunkt angebrochen, an welchem sich alle Menschen als Brüder fühlen, noch ist nicht der Tag gekommen, von dem es heißt: ביום ההוא יהיה יי אהד ושמו אהד jener Tag, an welchem der reine Gottesglaube von allen Völkern der Erde bekannt werden wird. Mögen alle unsere Glaubensbrüder auf der weiten Erdenrunde, vor schweren Heimsuchungen bewahrt bleiben! Möge auch unseren theueren Amtsbrüdern das kommende Jahr alle Erwartungen aus eine schöne und und ungetrübte Zukunft in Erfüllung gehen lassen! Möge auch das Werk der Liebe und Eintracht, an dem wir zu arbeiten begonnen, für das wir all' unser Können und Wollen einzusetzen bereit sind, gelingen und uns wohlverdienten Lohn gewähren! Und so rufen wir Euch, Collegen und Freunde aus tiefstem Herzensgründe zu: תהל שנה וברכותיה. Vergangenes und Gegenwärtiges von Josef Gold st ein, Wien. Ein hehres Symbol, das der Erinnerungen umgiebt das Neujahrsfest, als יום הזכרון. Vielleicht aus diesem Grunde fühlten sich Fachblätter eben jetzt berufen, ihre Spalten den Erinnerungen, an alte Zeiten und alte Geister zu öffnen. Und deshalb sei es auch dem Schreiber dieser Zeilen gegönnt, einen Augenblick stille zu halten bei einer verklärten Persönlichkeit die seinem Herzen, einen Augenblick bei einem lebenden Geiste Die nächste Nummer -er ״Oesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung" erscheint Dienstag den 19. Sept. a. c.