Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 31 (30.8.1882)
- Date
- 1882-08-30
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 euil'refon. Der Verfluchte. Erzählung aus dunkler Zeit von Ad. v. Zemlinszky. (Nachdruck streng verbeten! Uebersetzungsrecht vcrbekalten ) 7. Fi-rrsetzung. Von Zeit zu Zeit bleibt dieses unheimliche Phantom stehen, schöpft tief Athem, sieht sich furchtsam nach rückwärts um und fort geht es dann wieder — unaufhaltsam vorwärts, vorbei an der Königsburg am Hradschin, dann durch das Stadtthor — und die Gestalt befindet sich außerhalb Prag. Durch Schnee und Gräben jagt die unheimliche Erscheinung dahin, da plötzlich verläßt eine zweite Gestalt die Mauern Prag's und eilet dem unheimlichen Gespenste nach. Die zweite Gestalt ist groß und schlank, von festem Körperbau — Kopf- und Barthaar sind von schwarzer Farbe. ״Halt ein! — Halt ein!" ruft er, während er sich immer mehr und mehr dem Verfolgten nähert. Doch unaufhaltsam setzt dieser seinen Lauf fort. Der Verfolgte stürzt im Schnee zusammen. Der Verfolger stößt einen Jubelruf aus. — Doch zu früh. — Der Gestürzte erhebt sich und läuft weiter. Abermals stürzt er, doch nicht wieder kann er sich erheben, denn er fiel in einen mit Schnee überdeckten Graben. Schnell hatte ihn sein Verfolger erreicht und mit gewaltiger Faust am Rücken gepackt. Beide Männer stehen, sich anstarrend, lautlos einander gegenüber. — Beide Männer schöpfen tief Athem, denn eine Stunde bereits hatte diese unheimliche Jagd gewährt und übernatürliche Kräfte mußten sie haben, um nicht zusammenzubrechen. Die Nacht war wo möglich noch finsterer geworden und nur der kleine Fleck in der Mttte des mit hohem Schnee bedeckten Feldes, auf welchem die Beiden standen, war beleuchtet vom blassen Schein des Mondes,'dessen Strahlen sich Bahn gebrochen hatten durch das dunkle Gewölke. Dieses Licht des Mondes bescheint das Gesicht des alten Mannes, bescheint aber auch das todtenbleiche, im Mondenlichte noch unheimlicher aussehende Antlitz des Verfolgers- Ephraim Manasse, des Verfluchten. ״Hab' Erbarmen, Ephraim Manasse," ruft der Alte aus, ״laß' mich los, Du darfst mich nicht berühren, Du bist verflucht — laß' mich los, ich verrathe Dich nicht!" ״Was willst Du denn verrathen, Wahnsinniger?" keuchte Ephraim. ״Ich will es nicht verrathen. — Nein, nein, Du darfst es mir glauben, Ephraim — ich verrathe Dich nicht Ich weiß es nicht; wer den Rabbi ermordet hat, nein, nein, ich weiß es nicht, weißt Du es vielleicht — doch nein, Du kannst es ja auch nicht wissen. Ephraim — schau' mich nicht so schrecklich an; gerade so sahst Du d'rein, als Du den armen Rabbi- ״Stille, laß' uns nach Hause gehen, Ephraim, es ist kalt, gar bitterböse kalt, mich friert, laß' uns eilen. ״Warum wolltest Du mich aber auch ermorden, als ich Dir's erzählte, was ich gesehen habe. — Kann ich dafür? Gerade gestern Nacht konnte ich nicht schlafen, ruhelos irrte ich in meinem Stübchen umher. Endlich, es dämmerte schon, kleidete ich mich fertig an, setzte mich an's Fenster und be-- gann mein Frühgcbet zu sagen ״Und wie ich so durch's Fenster schaute, gewahrte ich plötzlich auf der Straße eine Gestalt und erkenne Dich, Dich, Ephraim Manasse. ״Was macht der Verfluchte hier in der Judenstadt, denkeich und noch dazu zu solch' früher Stunde? — Ich hatte Mitleid mit Dir, Du darfst es mir glauben. D'rum wollte ich, mit Dir sprechen, Dich warnen, Dir sagen, Du sollest Dich eilig wieder aus der Judenstadt entfernen, denn sonst, Du weißt, was eines Verfluchten wartet. Du gehst sehr schnell, ich kann Dir nicht so eilig folgen, meine Füße sind schon alt, rufen will ich nicht, damit Niemand hört, daß Du hier bist. «Ohne Dich umzusehen, gehst Du schnell vorwärts, in Gedanken versunken, bis Du endlich vor der Thüre anlangst, welche in das Innere des Bethauses führt. Du zögerst einzu-- treten. — — O! warum mußten meine Füße so erbärmlich schwach sein — ich hätte den Rabbi retten können. ״Da endlich nach , langem Zögern trittst Du ein, denk' ich mir, was sucht der Verfluchte im Bethause, gehe zur Thüre hin. ״Höre Deine Stimme, höre die Stimme des Rabbi, ich sehe Dich noch vor mir, gerade so wie jetzt schautest Du. ״Ich sehe den armen Rabbi. — Nein, Ephraim, schone mich nicht, tobte mich, denn wenn ich am Leben bleibe, werde ich es der ganzen Gemeinde verkünden, daß der Mörder des armen Rabbi, den ich so sehr geliebt habe, der mir mein größter Wohlthäter gewesen ist — Ephraim Manasse, der Verfluchte, ist. ״Ja, ich will sagen, rufen, schreien in die Welt hinein,, die Sterne am Himmel sollen darüber zittern, sollen darüber weinen. Kein schrecklicheres Verbrechen konnte begangen werden.. Ja, ich will es laut in die Welt Hineinrufen." Und der Alte machte einen verzweiflungsvollen Sprung, faßte Ephraim Manasse mit seinen dürren Fingern am Halse und preßte ihn mit furchtbarer, wahnsinniger Gewalt zusammen. ״Volk von Israel," ruft er wild, mit wahnsinnigen Ge-, berden in die Nacht hinein, — herbei — herbei — ich habe ihn und halte ihn fest den Mörder des Rabbi,. herbei, herbei, es ist der Verfluchte." Ephraim war auf diesen plötzlichen Angriff des Heldenmüthigen Alten nicht gefaßt gewesen und stürzte zu Boden,, den Wahnsinnigen mit sich niederziehend. Ein schrecklicher, schauerlicher Kampf begann jetzt. Die beiden Männer wälzten sich im Schnee herum^ kein Laut, außer dem Keuchen der Kämpfenden unterbricht die Stille der Nacht. Da ertönt plötzlich ein Röcheln — und die Hände des. Alten fallen kraftlos zur Erde nieder. Ephraim Manasse erhebt sich vom Boden — wild rollen seine Augen, ringsum im Kreise späht er umher, ob kein Unberufener diesem schrecklichen Kampfe beigewohnt habe. Und' wäre es so gewesen, dann wehe dem Beobachter! Ephraim hätte ihn ebenfalls ermordet. Das wilde Thier hat Blut gerochen. Mit keuchender Brust verließ Ephraim Manasse sein am Boden liegendes, regungsloses Opfer und wendete sich der Stadt zu. ״Jetzt, so nahe am Ziele," sagte er vor sich, ״so nahe am Ziele, kommt mir dieser wahnsinnige Alte, um mir meine-