Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 31 (30.8.1882)
- Date
- 1882-08-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Erhörte zum Mochenabschmtte ״Jethro". Gehalten von Simon Diamant, Oberlehrer in Austerlitz. Wenn ein Zeitalter in Verfall geräth, dessen Sitten, Zustände und Verhältnisse gelockert und die socialen Grund- Pfeiler der menschlichen Gesellschaft erschüttert sind; wenn eine ganze Generation, uneingedenk der ruhmreichen Tradition, Alles, was an eine glorreiche Vergangenheit erinnert, leichtsinnig und gottvergessen hinter den Rücken wirft; wenn dort, wo inniger Glaube, hingebendes Gottvertrauen dominiren soll, statt dessen Sittenlosigkeit, Irreligiosität und Irrwahn Platz greisen: da, am Untergänge eines Völkerlebens, in der Zer-- nichtung und Zerklüftung eines ganzen Stammes, tauchen stets Männer empor, deren Charakter weit über die gewöhnliche Volksmasse hervorragt, die, achtunggebietende Zeitheroen, den alltäglichen Pygmäenerscheinungen gegenüber, die Ereignisse und Geschicke ihren Zeitgenossen mit prophetischem Geiste, gottbegeistertem Sinne verkündigen; Männer, deren Geistesblitze die gähnende, todesstarre Kluft, an welcher das verderbte Volk gerathen, erhellen und mit Donnerworten das schlummernde oder vielmehr eingeschläferte Gewissen aus tödtlicher Lethargie rütteln. Solch einem Gottesmanne, der mit schonungsloser Offenheit, mit ungeschminkter Rede, mit begeisterten Flammen- Worten, die Schwächen und Blößen seines Volkes geißelte, begegnen wir in der Haftora zu Jethro Exodus (Jesaias C. 6). Wohl blitzte hie und da, gleich dem letzten Aufslackern des erlöschenden Lichtes, ein Wetterleuchten am politischen Horizonte Israels unter einigen frommen Königen empor; aber im Äanzen und Großen war.das Volk entartet und verderbt. Ein Unberufener, König Usiah, hatte es gewagt in das Heiligthüm zu dringen, die Höhen waren von Götzenaltären bedeckt, Staat und Volk, Haus und Familie von schädlicher, zersetzender, zur Auflösung führender Fäulniß ergriffen; da war die Herrlichkeit Gottes von Israel gewichen, ״w e s e 11 u 10 w meleim es hakechal“, nur deren Säume, deren Abglanz, lagerte, gleich den letzten Stralen der hinter die Berge hinabsinkenden Sonne, auf dem Tempel, dem schönsten und heiligsten Symbole der Gottesverehrung; nur einzelne Männer waren noch vom Gottesgeiste erfüllt, nur in wenigen Herzen loderte noch die Flamme heiliger Begeisterung, glühete noch der Funke patriotischer Gefühle, und unter diesen Wenigen, Vereinzelten ragte die Heroengestalt des redegewaltigen Jesaias wie die Zeder des Libanons unter dem Gestrüppe hervor, — Die Räume des Gotteshauses standen verödet da, und wenn sie etwa gefüllt waren, so waren es keine Andächtigen, die in's Gotteshaus kamen, ihr Herz vor Gott, dem König der Könige auszuschütten, ,.Serafim omdira mimaal 10" nur Engel stimmten dem Herrn Loblieder an, nur jene gottbegeisterten Männer, denen der Verfall ihres Volkes zu Herzen ging, nur diese engelgleichen Männer bewahrten noch die Glut der Religiosität und verkündeten mit bewundernswürdigem Opfermuthe die unvermeidliche Katastrophe, die in Bälde Hereinbrechen mußte. — Wie aber soll in solch' entarteter Zeitepoche das Wirken und Gebaren des Bessergesinnten sein? Soll er sich von der rohen Menge sowohl, wie durch die Gewalt der Mächtigen einschüchtern lassen? Oder soll er tollkühn, ohne Ueberlegung, ohne jedweden Plan und jeglicher Berechnung in die Masse hineinstürmen? Gar trefflich ist das Vorgehen in solch' stürmischen, unglücksschwangeren Zeiten in dem erhabenen Bilde unserer Haftora gekennzeichnet. In den Serafim sah Jesaias das Bild, die Richtung, die zu jener Zeit, jene Männer beobachten mußten, die von hohen Ideen getragen wurden: bistajim jechasse fonow ״Mit zwei Flügeln bedeckte er sein Antlitz"; hiezu bemerkt der Targum: basren meebase afhon dein c* h 0 s i ״zwei Flügel bedeckten ihre Augen, damit sie nicht sehen". Ja, damit die Zerüttung, die trostlose Wirklichkeit, die öde, krasse Leere, die traurigen Verhältnisse ihres dem Verderben preis gegebenen Vaterlandes, ihrer dem Untergange geweiheten Nation sie nicht aus ihren Idealen reiße. (Fortsetzung folgt.) Offener Sprechfaal' für Alle. Böhme n, im August 1882. Geehrte Redaction! Ich ersuche um gefällige Veröffentlichung nachstehender Aeußerung in der ״Oesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung". Bei der Gründung unseres geschätzten Vereinsorganes wurde uns in Aussicht gestellt, daß von den verehrten Collegen in Wien eine Agende unter der Leitung des Herrn Obercantors G o l d st e i n erscheinen wird, die sämmtliche Recitative enthaltend, die Basis für einen geregelten Gottesdienst in Oesterreich zu bilden hätte. Dies wurde besonders von jenen Collegen mit Freude begrüßt, die in kleineren Gemeinden Böhmens gleichzeitig als Lehrer und Religionsweiser fungiren, ebenso auch von jenen Collegen, die nie die Gelegenheit hatten, unfern Nestor Papa Sulz er oder andere Capacitäten unseres Standes zu hören und auch nun nicht in der Lage sind, wie College Fränkel aus Strakonitz, das Werk ״Baal Tefiloli“ von Sa er, Gothenbürg leicht anzuschaffen. — Im Namen dieser erlaube ich mir die höfliche Anfrage, wann die geehrte Redaction in die Lage kommen wird, mit der Veröffentlichung dieser ersehnten Agende zu beginnen *). Weiters enthält unser Organ in Nr. 29 ein Inserat unseres Collegen I. Schiller in Wien, welches geeignet ist, Befürchtungen in der Cantorenwelt hervorzurufen. Sattsam ist in den früheren Nummern der Zeitung besprochen worden, welchen Chicanen die Cantoren seitens vieler Gemeinden ausgesetzt sind. Durch obige Annonce erwächst vielen Cultus- Vorständen, denen der Cantor nicht zu Gesichte, steht, die Möglichkeit, sich desselben rasch zu entledigen, da wir Cantoren selbst hilfreiche Hand dazu bieten. Ein College sprengt den andern aus seiner Stellung, ermöglicht ein leichteres Beseitigen eines in Ungnade gefallenen Functionärs und beansprucht eventuell von dem neuerdings Anzustellenden ein Vermittlungs- Honorar. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß Gemeinden mehrere sich meldende Aspiranten ohne jede Spesenvergütung kommen lassen und schließlich doch nur den von Herrn Schiller Anempfohlenen anstellen, daher die Collegen, die, vertrauend auf die Zeitungsannonce des Herrn Schiller, sich um einen Posten beworben haben, aus dem Felde geschlagen werden. Wir sind daran, unseren Stand in den Augen der Welt nach jeder Richtung hin zu heben ׳und nun kömmt es mir vor, als ob der wirkliche Zweck des Herrn Schiller *) Auf diese Frage werden wir in einer der nächsten Nummer zurückkommen und dieselbe eingehender erörtern.