Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 30 (22.8.1882)
- Date
- 1882-08-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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bluten anfängt, muß er das Blut sorgfältig entfernen, damit! man nicht, durch den Schein getäuscht, irrig meine, es fei ' anderes Blut." Auf die immer strenger werdenden Vorschriften über das behufs gründlicher Befreiung von Blut vorzunehmende Wässern und Salzen des zum Essen bestimmten Fleisches, sei hier nur durch Nennung der wichtigsten Autoren hingewiesen: Eteasar ben Jehuda aus Worms (Roqeach, Anfang des 13. Jahrhunderts), Ascher ben Jechiel (7 1327), Jacob ben Ascher (7 um 1340, Arbaa Turum), Josef Qaro. Die Unwahrheit der hier zu widerlegenden Anklage ergib r sich weiter daraus, daß jede Berührung eines Leichnams nach dem Gesetze verunreinigt, (s. 4 Mos. 19,11 ff- 31,19. Haggai 2,13; vgl. auch A. von Sonnenfels, Jüdischer Blut-Ekel, S. 111 ff.) Das von uns im Vorstehenden auf theoretischem Wege gewonnene Resultat wird durch aufmerksame Betrachtung der zum Beweise des Blutgebrauchs angeführten Einzelfälle lediglich bestätigt. Die auf tretenden Zeugen sind meistens ebenso boshafte als unwissende Judenfeinde, auf deren Aussagen kein Gewicht zu legen ist. Man denke z. B. an Samuel Friedrich Brenz, den Verfasser des Jüdischen abgestreiften Schlangen- Balges (zuerst 1614; dann 1680 und in Johann Wülfer's lüeriaea judaic-a ad examen revoeata, Nürnberg 1681. 4°.) Was als wirklich bewiesen betrachtet werden darf, ist nur, daß in einer Zeit von mehr als vierzehn Jahrhunderten wiederholentlich Christen von Juden gemordet worden sind. Diese Thatsache hat natürlich mit der jüdischen Religion so wenig zu schaffen, wie die weit zahlreicheren, im Mittelalter von Christen und zwar nicht nur von Privatpersonen, sondern auch von, Obrigkeiten gegen Juden verübten Blut- und Gewaltthaten der christlichen Religion zur Last zu legen sind. — Wenigstens an einem der neueren Zeit ungehörigen Beispiele mag gezeigt werden, daß sehr oft, nachdem die Beschuldigung der Benützung von Christenblut gegen Juden erhoben worden war, sogar die doch weniger schwere Anklage, daß der Mörder ein Jude gewesen sei, durch die gerichtliche Untersuchung als gänzlich hinfällig erwiesen worden ist. In der Nacht vom 13. zum 14. Juli 1834 war ein sechsjähriger Christenknabe bei Neuenhoven, Kreis Grevenbroich, Reg.-Bez. Düsseldorf, ermordet worden. ״Es kamen dabei Umstände zur Entdeckung, welche einen Theil der leichtgläubigen Menge zu dem Jrrthnme verleiteten, daß dem Knaben auf empörende Weise das Blut entzogen worden sei, woraus man nun weiter folgerte, daß dabei nothwendig Juden und jüdischer Fanatismus thätig gewesen sein müßten. . . In Folge der dadurch entstandenen Aufregung und Erbitterung griff in der oben bezeichneten Nacht (20.—21. Juli) ein zahlreicher Volkshaufe die Wohnungen zweier in Neuenhoven wohnenden Juden an und verwüstete sie sammt den darin befindlichen Mobilien und Maaren fast gänzlich, während gleichzeitig zu Bedburdyk die dortige Synagoge erstürmt und ebenfalls ganz zerstört wurde." Wenige Tage darauf verkündete ein amtlicher Erlaß der königl. Ober-Procuratur zu Düsseldorf vom 26. Juli: ״Die im Kreise Grevenbroich geschehene Ermordung eines Kindes christlicher Eltern hat einen aus der Barbarei längst verstossener Jahrhunderte hervorgegangeuen Aberglauben geweckt und grobe Gewaltthätigkeiten gegen die in der Nähe wohnenden Juden und die Stätte ihrer religiösen Versammlung veranlasst. Die gerichtliche Feststellung des Thatbestandes der Ermordung hat jeden Gedanken an die Wirklichkeit des albernen Märchens vollständig widerlegt, und die Rädelsführer der gegen dieJuden gerichteten Angriffe befinden sich in denHänden der Ger e ch t i g k e i t. . . ." Daher haben denn auch die Juden von jeher auf das Entschiedenste gegen die Beschuldigung protestirt, daß sie Christen ermordeten, um deren Blut beim Osterfest zu genießen Auch nicht wenige geborene Christen haben die in Rede stehende Behauptung für unwahr erklärt. Um diesen Aufsatz nicht zu sehr auszudehnen, nenne ich nur zwei: Luther und Joh. Christoph Wagenseil. Unser Reformator schreibt, ״daß Jesus Christus ein geborner Jude"; (in: Werke ed. Walch XX. p. 2265): ״Aber nun wir sie nurmit Gewalt treiben und gehen mit Lügentheidungen um, geben ihnen Schuld, sie müssen Christenblut haben, daß sie nicht stinken und weiß nicht, was des Narren- Werks mehr ist, daß man sie gleich für Hunde hält, was sollten wir guts an ihnen schaffen?" Und Wagens eil, der gründliche Kenner jüdischer Schriften und Sitten, welcher mehrere von Juden gegen das Christenthum verfasste Werke unter dem Titel lela ignea satanae (Altdorf 1681) veröffentlicht hat, also nicht der Parteilichkeit zu Gunsten der Juden geziehen werden kann, hat der Widerlegung der jetzt wider sie sich erhebenden Anklage ein besonderes Werk gewidmet, dessen Titel lautet: ״Der denen Juden fälschlich beigemessene Gebrauch des Christenblutes, das ist, unwidersprechliche Widerlegung der entsetzlichen Unwahrheit, daß die Juden zu ihrer Bedürfuiß Christenblut haben müssen, welche so viel Tausend dieser unschuldigen Leute um Hab, Gut, Leib und Leben gebracht." Aber woher denn, so höre ich den geneigten Leser fragen, die Beschuldigung? Die große Masse der Christen des Mittetalters wußte vom jüdischen Glauben und von jüdischen Gebräuchen so gut wie nichts. Geheimniß und Zauberei waren damals schier unzertrennliche Begriffe. Blut nun ״ist ein ganz besonderer Saft", über dessen Verwendung zu Heilungen u. s. w. während des Alterthums und des Mittelalters, ja auch der Gegenwart (Orient!) sich ein ganzes Buch schreiben ließe. Nach alter jüdischer Legende (Midrasch Rabba zu Exod. 2.23 Thargum Pseudo-Jonathan das.) badete sich der schwer erkrankte Pharao von Egypten, um gesund zu werden, auf den Rath seiner Weisen täglich in dem Blute israelitischer Kinder. Dieser Kleinen und auch der anderen gemordeten Juden gedachte man bei der Osterfeier und wählte deshalb zu ״den vier Bechern" (Arba koszoth), welche am Anfangsabend zu trinken geboten war, gern rothen Wein. Daß Unwissende daraus in der That Blutgenuß gemacht haben, bezeugt der polnische Rabbiner David halevi ben Samuel (geb. etwa 1600) in seinem hochgeschätzten Commentare Tara sahab zum Schulchan Arukh, Orach Chajjim, Cap. 472, §. 8, und fordert, daß man diesen Gebrauch wegen der Lügen, die an ihn geknüpft worden seien, aufgebe. Auch das Nichtkennen des zur Heilung der Beschneidungswunde gebrauchten Drachenblutes hat zur Bildung der verkehrten Ansicht, daß die Juden des Christenblutes bedürften, Anlaß gegeben. Ein ernste Warnung vor dem leichtfertigen Aussprechen so schwerer Anklagen liegt für die Christenheit auch in ihrer eigenen ältesten Geschichte. Die Christen des zweiten und des dritten Jahrhunderts haben unter derselben Beschuldigung schwer gelitten."