Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 30 (22.8.1882)
- Date
- 1882-08-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Gottesdienstes sich kund thun. Feierlicher Gesang, der zu allen Zeiten, zumal unter dem Sängerkönige David, in der Gottes- Verehrung des Judenthums eine hervorragende Stellung einnahm, soll sich an diesen Tagen zum Himmel erheben und die Herzen der Versammlung zu weihevoller Andacht stimmen. . . Hervorgerufen durch die mannigfachsten Bedingungen, die in dem Wesen des Synagogalgesanges liegen, entwickelte sich dieser bereits in den ältesten Zeiten zum Chorgesang. Der Chorgesang ist darum das Haupterforderniß eines geregelten, wirkungsvollen Gottesdienstes. Doch in vielen Gemeinden ist es mit demselben noch sehr traurig bestellt. Der Chor ist zumeist aus den ärmsten und ungezogensten Kindern zusammengesetzt und haftet diesem Institut in der Regel etwas Armseliges, Bettlerhaftes an; die reichen wohlerzogenen Kinder treten nicht in den Chor ein. Schämen sich etwa die reichen jüdischen Eltern, daß ihre Kinder im Angesichte der Gemeinde Gebete zu dem Allmächtigen erheben? Soll gleich den jugendlichen Gemüthern die Verachtung gegen den ״Dienst Gottes" eingepflanzt werden? Sollte nicht vielmehr jede jüdische Mutter gleich der Mutter Samuels ihrem zarten Kinde die Liebe zum ״Dienst Gottes" einprägen, auf daß es demselben seine Kräfte weihe? Mögen doch die jüdischen Eltern von jenem, gottlosen, unheilvollen Vorurtheile lassen! Dem Chor anzugehören soll dem jüdischen Kinde ein Ehren- und nicht ein Bettleramt sein; nicht durch Geld, sondern durch äußere Ehrenbezeugungen und entsprechende Geschenke soll der Ehrgeiz der jugendlichen Sänger und die Liebe zu ihrem Amte geweckt und gehoben werden. Wie andächtig und liebevoll werden dann die Eltern den jugendlichen frischen Stimmen ihrer Kinder lauschen! Der Stand der Cantoren nun. oder — wie ich statt des fremden, wenig inhaltsreichen Wortes Vorschlägen möchte — ״Vorsänger" nimmt in den meisten, zumal den kleineren Gemeinden, nichts weniger, als eine der Heiligkeit seines Berufes entsprechende Stellung ein. Die ״Vorsänger" bilden in der Gegenwart zumeist das Aschenbrödel unter den Gemeindebeamten, obwohl sie doch die Erben des alten Priesterthums, wie die Prediger die Erben des alten Prophetenthums sind. Die Geringachtung, die von den Gemeindeangehörigen dem ״Vorsänger" entgegengebracht wird, überträgt sich bald auf den Dienst, den er verrichtet, den Gottesdienst. Nun höre ich bereits den Einspruch, den die kleinen Gemeinden wider mich erheben werden. ״Wie können wir, wo die Opferfähigkeit und Opferwilligkeit unserer Mitglieder so gering ist und stets geringer wird, den an uns gestellten Anforderungen gerecht werden? Wie sollten unsere spärlichen Einnahmsquellen dazu hinreichen, einen tüchtigen Prediger, einen Lehrer, einen musikalisch gebildeten, trefflichen ״Vorsänger", einen Secretär und einen Tempeldiener rc. zu erhalten?" Ich verschließe mein Auge nicht den Schwierigkeiten, die jeder kleineren jüdischen Gemeinde entgegentreten, sollte sie all' ihre Agenden in einem dem Fortschritte der Zeit entsprechen-, den Maße erfüllen. Darum erlaube ich mir, Folgendes zu äußern; vielleicht gelingt es mir, durch diese Zeilen in einzelnen Gemeinden die ״Cantorenfrage" in ihre richtigen Bahnen zu leiten. Der Vorsänger soll zugleich Lehrer sein. Der Lehrer genießt in der Gemeinde vermöge seines Amtes die vollste Achtung der Gemeindeangehörigen, selbstverständlich der Jugend inbegriffen. Da der ״Vorsänger" seinen Pflichten nur an Sabbath- und Festtagen zu genügen braucht, kann derselbe diese beiden Aemter sehr wohl in seiner Hand vereinigen.*) Seine Würde und sein Einfluß stiegen dadurch nur in der Gemeinde. Der lithurgische Gesang soll mit in das Unterrichtsprogramm der jüdischen Schule ausgenommen werden; den mit der vorzüglichsten Stimme begabten Kindern wird die Ehre zu Theil, dem Chore eingereiht zu werde!!. Die nothwendige Achtung der jungen Sänger vor dem Leiter des Chores, die bei den jetzigen Verhältnissen in der Regel mangelt, wäre in meinem angenommenen Falle selbstverständlich. Sollte man gegen diese Vereinigung der beiden Aemter etwa einwenden, nicht jeder Lehrer könne musikalisch gebildet sein, so weise ich darauf hin, daß auch von dem Lehrer der allgemeinen Schule musikalische Bildung gefordert wird. Wird der von mir aufgestellte Grundsatz von den Gemeinden acceptirt (in Deutschland ist derselbe bereits zumeist durchgeführt), dann wird künftighin jeder Candidat für ein Lehramt in einer jüdischen Gemeinde sein Augenmerk auch auf die Pflege des Gesanges und der Musik richten. Das große, schwierige Dilemma wird dann gelöst sein, die Würde des Gottesdienstes bleibt vor jeder Verwilderung bewahrt. Die jüdische Jugend wird so zu einem heiligen Chor frommer ״Sänger und Diener Gottes" herangezogen werden; das jüdische Kind wird die geliebten Melodien des Tempelgesanges mit hinausnehmen in den Kampf des Lebens, sie werden ihm zum mächtigen Horte dienen gegen die Verderblichen Gewalten der Zweifelsucht und Irreligiosität, die sich dem Menschen im Lebenslaufe zuweilen versuchend nahen. Die Macht des Gesanges und die traute Erinnerung an die glücklich verlebte Jugendzeit als ״Diener Gottes" werden ihm stets ein lauter Mahnruf fein, nicht zu brechen mit dem alten angestammten Glauben, keinen gottlosen Treubruch zu üben an seinem Volke. Folgenschwer für das Gedeihen und den Bestand des Judenihums ist also, wie schon aus diesen allgemeinen Umrissen hervorgehen wird, die richtige Lösung der ״Cantorenfrage". T i s; a - E k l a r oder: Gebrauchen -re Juden Christenblut? Angesichts des geradezu wahnwitzigen Märchens, mit welchem in neuester Zeit in Ungarn die Judenhetze in Verbindung gebracht wird, ist es interessant, die Stimme eines christlich-theologischen Blattes in dieser Sache zu vernehmen. Die ״Evangelische Kirchen-Zeitung", welche unter Mitwirkung zahlreicher, hervorragender, protestantischer Geistlichen von Professor Dr. H ö ckler redigirt wird, also ein Blatt, das ziemlich unbefangen, aber auch mit aller Competenz in solchen Fragen zu urtheilen berufen ist, bringt in der letzten Nummer unter obigem Titel einen längeren Artikel von Professor Dr. Hermann Strack in Berlin. Wir reprodnciren ohne jede weitere Bemerkung den eben so gelehrten, als interessanten Artikel, der sicherlich überall, wo man noch Sinn für Wahrheit und Ge- *) In dieser Beziehung stimmen wir mir dem geehrten Verfasser nicht überein, glauben vielmehr, dass sowohl das Amt des Cantors als des Lehrers einen ganzen Mann erfordert.