Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 30 (22.8.1882)
- Date
- 1882-08-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Q als Priester fühlt, niemals etwas von seiner Würde verlieren. In diesem Sinne wird er in jeder Lebenslage seinen Halt in sich selbst finden, denn einen solchen Mann kann man wohl unterdrücken, aber nicht erniedrigen. Die Gunst der Gemeinde wird ihn nicht übermüthig, ihre Ungunst nicht kleinmüthig machen. Und was die Hauptsache ist, er wird bei Widerwärtigkeiten sein Amt nicht so schnell verlassen, denn als Priester wird er wohl des Spruches des weisen Predigers eingedenk sein: ״Wenn die Laune deines Vorgesetzten dich übel anfährt, verlasse nur deinen Posten nicht." Die höchste Weihe aber erhält der priesterliche Cantor durch die Kunst, wenn er nämlich wirklicher Künstler ist; denn Beide, Religion und Kunst,' sind himmlischen Ursprungs, Beide strahlen sie von der Gottheit aus. Die Religion lehrte uns, wie sich Gott allen Menschen offenbarte, die Kunst zeigt uns das Göttliche in einzelnen Menschen. Die Religion mahnt uns, den Blick gegen Himmel zu richten, die Kunst zaubert uns den Himmel auf Erden. Wenn wir im Tempel einen gottbegnadeten Sänger, einen begeisterten Red׳..er hören, da vergessen wir des irdischen Tempels, wir wähnen uns im Himmel, wir glauben, die Musik der Sphären, die Sprache der Engel zu hören. Die Kunst weiht einen solchen Mann , zum Hohenpriester, ohne Unterschied, ob er eine größere oder kleinere Stellung einnimmt; denn wie Mancher ist b e r u f e n und nicht erkoren! Der Edelstein verliert von seinem Werthe nichts und wenn er auch im Staube liegt; solche Männer gereichen der Gemeinde, in der sie wirken, dem Stande dem sie angehören, immer zur Ehre, sie gleichen der Blume, die, indem sie sich selbst schmückt, auch den Garten ziert. So der wahrhafte, gottbegnadete Künstler. Wie anders hingegen denkt und handelt derjenige Cantor, dessen Künstlerthum nur in seiner Einbildung existirt und der, ohne die priesterlichen Eigenschaften zu besitzen, sich diesem heiligen Berufe widmet. Es wäre nicht uninteressant, den Lebenslauf eines solchen zu verfolgen. Der junge Mann kommt in eine Gemeinde. Der Reiz der Neuheit erobert ihm gar bald die Herzen der Menge. Und siehe da, der ״Künstler" ist fertig! Er hört nur auf seine Stimme, ist aber taub gegen die Stimme der öffentlichen Meinung. Er findet sich auf Rosen gebettet, vergißt aber, daß man ihm die Dornen darangelassen; doch gar bald-verwelken die Rosen und nur die Dornen bleiben ihm; gar bald ist er nicht mehr ״neu", man vernachlässigt ihn und dann äußert sich sein Künstlerstolz am nachtheiligsten: denn, da sich der Cantor nur als Sänger fühlt, so denkt er, wie Göthe's ״Sänger": .Ich singe wie der Vogel singt. Der in den Zweigen wohnet." er wird zum Wandervogel, heute singt er hier, morgen dort. Doch nur im Frühlinge kann ein solcher Sänger von Zweig zu Zweig Hüpfen, im Herbste seines Lebens sind die Kräfte gelähmt, er muß darben. Ich hoffe, meine geehrten Herren Collegen werden diese meine ausgesprochenen Ansichten billigen; denn Göthe stellt sogar an den Schauspieler folgende Anforderungen, die er Wilhelm Meister in den Mund legt: ' ״Das Theater hat oft einen Streit mit der Kanzel gehabt; sie sollten, dünkt mich, nicht miteinander hadern. Wie sehr wäre zu wünschen, daß an beiden Orten nur durch edle Menschen Gott und die Natur verherrlicht werde". Und wenn er dies vom Schauspieler verlangt, wie sittenrein muß erst der Cantor dastehen! Ich bin zwar überzeugt, daß die Meisten meiner Standesgenossen ihr Amt in diesem Sinne auffassen und desselben walten. Aber den Wenigen, die dies nicht thun, erlaubeich mir zuzurufen: Werdet Priester und Ihr werdet nicht mehr die Opfer sein! Fünf Haus, im August 1882. Leopold Stern, Cantor und Religionslehrer. Presse und Zudrnthum. (Zweite Auflage). Die von uns seinerzeit besprochene Broschüre des Herrn F. Singer: ״Presse und Judenthum, Wien 1882", erscheint nächster Tage in zweiter Auflage. Dieselbe ist dem greisen Vorkämpfer für die Rechte der Juden, dem edlen Moses Montefiore gewidmet und bespricht auch in sehr sachlicher, objectiver Weise die Cantorenfrage. Die Lectüre dieser Broschüre können wir neuerlich nur auf's Wärmste empfehlen. Durch die Gefälligkeit des Herrn Autors ist es uns ermöglicht, schon vor dem Erscheinen des Merkchens Einiges über die Cantorenfrage in Folgendem zum Abdrucke zu bringen: ״Eine zweite, die Lebensbedingungen der jüdischen Gemeinde berührende Frage ist die Cultus-oder concreter ausgedrückt, die Cantorenfrage. Diese bildet gegenwärtig den Gegenstand der lebhaftesten Discussion in dem Schoße der einzelnen Gemeinden selbst, nicht minder in der jüdischen Publicistik. (Vgl. u. A. Nr. 27 der vom Obercantor der Wiener türkischen Gemeinde I. Bauer begründeten und herausgegebenen ״Oesterreich-Ung. Cantorenzeitung.") Und darum will auch ich der Besprechung dieses so wich- Ligen Gegenstandes an dieser Stelle einige Worte widmen. . . . Bei den weitaus meisten Menjchen üben die Sinne die unbeschränkte Herrschaft über den Geist aus; dieser besitzt nur bei der sehr geringen Minderzahl der Geistesstarken einige Gewalt. — Die immense Mehrheit der Menschen bedarf also zur Weckung der religiösen Andacht eines sinn- und herzerhebenden Gottesdienstes; auf seine Gestaltung müssen darum alle religiösen Genossenschaften, die sich die religiöse Erziehung ihrer Mitglieder zur Aufgabe machen, ihr ganz besonderes Augenmerk richten. Wo gibt es nun aber ein Mittel, das auf das Gemüth des Menschen einen mächtigeren Eindruck übte, als die Kunst, zumal die Kunst des Gesanges? Arion wußte, erzählt der sinnvolle griechische Mythos, um die Macht des Gesanges symbolisch zu bezeichnen, wenn er die Saiten seiner Leier rührte und seine Stimme erhob, die wilden Thiere des Waldes zu zähmen und die Felsen von ihren Plätzen zu bewegen. . . . Und zum jüdischen Gottesdienste übergehend, so muß derselbe durch die Macht der Kunst zu dem geschaffen werden, was er seiner Bestimmung nach sein sollte, zum Institut, die religiöse Erhebung der Gemüther zu wecken. An den Werktagen des Jahres möge der Gottesdienst in würdig-ernster Einfachheit verrichtet werden; an den Sabbathen und Festtagen jedoch, wo die Gemeinde sich festlich versammelt um ״dem Herrn zu dienen", da muß die Festesfreude und die Bedeutung des Tages auch in der Gestaltung des i ii Hü' HIB■■