Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 29 (14.8.1882)
- Date
- 1882-08-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— « — euiLLeton. Der Verfiuchte. Erzählung aus dunkler Zeit von Ad. v. Zemlinszky. (Nachdruck streng verboten! UebersehungSrecht vrrbetaire!, ) 5. Forlsktzmig. Und wenn sie Abends am geöffneten Fenster saß und hinausschaute in die dunkle, einsame Nacht, da fragte sie sich, immer und immer wieder — liebe ich ihn denn — und wenn ihr Herz stürmisch zu klopfen begann und laut jubelte — ja — ja — Du liebst ihn - dann rief sie laut in die Nacht hinein, um die Stimme ihres Herzens zu übertäuben — nein — nein — ich liebe ihn nicht, ich darf ihn nicht lieben; denn er ist — Christ und Edelmann — und ich — ein armes Juden- Mädchen. — — — Auch heute war der Graf wie gewöhnlich erschienen; von seinen weiten Reisen erzählte er ihr, von den Menschen, deren Gebräuchen und Sitten.. Allmälig wurde er wärmer; mit beredter Sprache erzählte er von seiner Mutter, die ihn so innig geliebt, von seinem Vater, der so ernst, so strenge gewesen. ״Sie sind todt," sagte er, ״und ich, ich bin allein zurückgeblieben — ungeliebt. —: ״Da, eines Tages, sah ich Euch, Rachel, an der Seite Eures Vaters sittig und bescheiden dahinschreitem Euer schönes, reines Auge strahlte solch' hehre Reinheit, solch' unendliche Glückseligkeit aus, daß der eine Moment, in welchem ich Euch sah, entscheidend war — für mein ganzes Leben. ״Für mein ganzes Leben, Ihr könnt es mir glauben. ״Diese Leere, die sich meines Innern bemächtigt hatte, seit dem Tode meiner Eltern, sie war plötzlich verschwunden. Ein nie gekanntes, unbeschreibliches Gefühl hatte sich meiner bemächtigt, überall, wohin ich schaute, sah ich zwei, leuchtende Sterne, die mich wundersam anschauten, es waren Euere Augen. Ich liebte Euch, ich wußte es, ich hätte lachen und weinen können zu gleicher Zeit, ja, Rachel ich liebte Euch damals, ich liebe Euch heute noch tausendmal mehr. ״Ol laßt mich sprechen, schaut mich nicht so finster an, wendet nicht ab Euer schönes Antlitz von mir, thut es nicht, ich bitte Euch, ich flehe Euch an, thut es nicht, ich muß es sagen, wie sehr ich Euch liebe, ich muß es Euch endlich sagen, lange genug hat dieser Zwang gedauert, der mir die Brust zu sprengen droht. ״Damals, als ich Euch das erste Mal sah, damals schon rief mir eine Stimme in meinem Innern zu: ich muß sie besitzen. Doch wie zu diesem Besitze kommen! ״Ich ließ Euch entführen. Wie dies möglich gemacht wurde, erst später erfuhr ich es durch meinen Diener und Ihr dürft es mir glauben, ich verabscheute diese That, die hiermit verbunden war. Nicht gerne theile ich es Euch mit, doch bin ich hiezu genöthigt. ״In jener Nacht, in welcher ich Euch entführen ließ, in jener Nacht brach eine wilde, fanatische Horde im Ghetto ein — und viele Menschen fielen zum Opfer." Schluchzend verbarg Rachel ihr Antlitz in beide Hände. ״O, verbannt den Kummer, verbannt den Schmerz von Euch, Rachel, ich liebe Euch!" ״Nicht weiter, Herr Gras, in diesem Tone; zwischen uns darf niemals, hört Ihr, niemals darf zwischen uns von Liebe gesprochen werden. ״Nicht weil Ihr Edelmann . seid und ich nicht Euerem Ranges bin, nicht deshalb, nicht weil Ihr reich und ich ein. armes Mädchen, nicht deshalb, nein, eine Kluft, eine breite,, tiefe Kluft ist zwischen uns, eine Kluft, Herr Graf, worüber keine Brücke, kein Steg führt, die Kluft — des Glaubens, ״Ich gehöre jenem Volke an, dessen Vorfahren einer einst mit Gott auf Sinai gesprochen; ich gehöre jenem Volke an, das, verachtet und gemieden, in der Welt umherirrt und dessen, größter Stolz eben diese Verachtung ist,, denn der Glaube, unser großer, gewaltiger Glaube ist es. dem wir diese Verachtung danken, der Glaube, den wir höher׳ achten und lieben, als Leben, Reichthum und Macht; der Glaube, dem wir angehören mit Leib und Seele, der Glaube, der uns in Unglück, Verzweiflung und Jammer zur neuen That,. zum neuen Ausharren begeistert, ja, es ist der Glaube der Juden, den wir unseren Kindern lehren, wenn sie kaum zu lallen beginnen. ״Ja, Herr Graf, diese Kluft ist es, die uns trennt, diese- Kluft — vielleicht allein!" ״Ihr liebt mich, Rachel!" rief der Graf freudigen Tones.. ״Ich habe es nicht gesagt." ..O, werdet mein, laßt diese Glaubensmeinung, kommt׳ auf mein Schloß, ich will Euch hüten und Pflegen gleich dem größten Schatze der Welt!" ״Ihr sprecht vergebens, Herr, die Kluft ist zwischen uns,, sie trennt uns für immer. ״Liebet Ihr mich wirklich, nun, dann erfüllet meine- Bitte, laßt mich heimkehren zu den Meinen" ״Rachel, die Deinen nennen Dich Rose von Zion ob- Deiner Schönheit, ich aber, ich will Dich nur mein nennen,, mein. Ich will, ich kann Deine Bitte, nicht gewähren, denn, stürmisch rollt das Blut mir in den Adern, fieberhaft hämmern, meine Pulse, mein sollst Du werden noch in dieser Stunde,, denn ich liebe Dich, ich liebe Dich!" Und mit ausqebreiteten Armen umschlang der Graf das- Mädchen. Ein verzweiflungsvolles Ringen begann zwischen dem. starken Manne und dem schwachen Mädchen, sie mußte unterliegen, sie mußte, sie fühlte, wie ihre Kräfte abnahmen, wie׳ ihre Sinne erlahmten — da mit einem Male stieß sie einen Schrei der Freude, der Hoffnung aus. Mit einer verzweiflungsvollen Anstrengung machte sieihre rechte Hand frei, entriß dem Grafen den Dolch aus dessen Gürtel und bohrte ihn tief in des Edelmanns. Brust. Lautlos stürzte der. junge Mann zu Boden, während der׳ aus der Brust strömende, warme Lebenssaft sich über das- Gesicht und die Kleider des unglücklichen Mädchens ergoß. Einen einzigen verzweiflungsvollen Blick, voll Schreck' und Liebe zugleich, warf sie auf den am Boden Liegenden, dann floh sie die Stätte des Unheils, wie von Furien ge-- gepeitscht, und auf demselben Wege, auf welchem der Cavalier, kurz vorher gekommen, verließ sie das Koster. Sie stand im Freien! — sie war gerettet! Bisher war sie stark gewesen, doch plötzlich übermannte siedie Schwäche des Weibes, gleich einem Trunkenen begann sie zu taumeln, blutiger Schein umflorte ihre Augen und kraftlosbrach sie an der Klostermauer ohnmächtig zusammen.- ״Seht das Blut in ihrem Gesicht und auf den Kleidern,, sie hat gemordet. Fort mit ihr in's Gefängniß. Nein, steinigt.