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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-08-14 · Heft 29 (14.8.1882) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 29 (14.8.1882)
Date
1882-08-14
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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׳7׳ sie. Sie ist eine Jüdin. Tödtet sie! Aug' um Aug', Zahn um Zahn. Blut fordert Blnt zur Sühne." So schrie und tobte die aufgeregte Menge durch einander, welche sich schnell um die am Boden liegende, besinnungslose Rachel angesammelt hatte. Immer enger schloß sich der Kreis, schon sah man drohend geschwungene Stöcke in der Luft, die höchste Gefahr war für die arme Rachel gekommen, da, plötzlich, wie Geisterruf erklang eine Stimme, die aus dem Grabe zu kommen schien, und ׳gebot Ruhe. Erschrocken wendeten sich die Schreier nach jener Richtung hin, aus der die Stimme ertönt war und schaudernd gewahren sie auf den Stufen, welche zum Eingänge des Klosters führten, den Rücken an die Wand gelehnt, den Grafen von Ledron. Gebietend war seine Rechte ausgestreckt, während seine Linke das Ende seines Mantels fest auf die linke Brust drückte, um das derselben entströmende Blut zurück- .zuhalten. Sein Antlitz war todtenbleich, seine Kleider vom Blute getränkt. Langsam, doch festen Schrittes, stieg er die Stufen hinab und nahte sich der Gruppe. ״Zurück, Ihr Alle!" rief er mit gebieterischer Stimme -und scheu zog sich das Volk zurück. ״Kennt Ihr mich," fragte der junge Mann wieder. ״Wir Alle kennen Euch, edler Herr," sagte einer der Anwesenden. ״Nun dann, ich bitte Euch, laßt ab von dieser Jungfrau, bringt sie in die Judenstadt nach ihres Vaters Hause. Ich bürge für sie, ich, der Graf von Ledron, sie ist unschuldig. Ein unglücklicher Zufall hat es gewollt, daß ich verwundet wurde. Sie war dabei zugegen. Das Blut, das sie sah, raubte ihr die Besinnung. Bringt sie nach Hause, Euer Schade soll es nicht sein." Schnell holten einige Leute eine Bahre aus dem Kloster. Vorsichtig wurde Rachel darauf gelegt und lansamen Schrittes bewegte sich der Zug nach der Judenstadt. Wehmüthig schaute der junge Mann demselben nach, bis er endlich, um eine- Ecke biegend, ihm nicht mehr sichtbar war. ״O, könnte ich Dich begleiten," flüsterte er, ״könnte ich Dir sagen, wie sehr ich Dich geliebt habe, geliebt bis zum Tode," sagte er, wehmüthig lächelnd; ״könnte ich Dir sagen, wie sehr ich mein frevelhaftes Ungestüm bereue. Könnte ich noch einmal diese Hand fassen, noch einmal an meine Lippen drücken, noch einmal, ehe ich sterbe. Sterben, ja ich fühle es, es ist der unerbittliche, grausige Tod, der nicht Jung, nicht Alt, nicht Liebende, nicht Hassende verschont. ״Sterben — todt — ewig von ihr getrennt. Ewig, auch im Jenseits — auch im Jenseits. Die Kluft — sie ist's, die uns auch dort noch trennen wird. — O, könnte ich leben, leben, um des Jenseits einst theilhaft zu werden, des Jenseits wie ihr. Aus ihrem schönen Munde hörte ich Worte, die mich tief erschauern machten, sie schlossen mir Mysterien des Glaubens auf-:--Müßt' ich nicht sterben — ich würde die Kluft ausfüllen, die uns trennt. Um meinetwillen — um ihretwillen — um Gotteswillen. Leute — helft mir," rief er plötzlich — ״ich kann nicht mehr — bringt mich nach Hause." Schwer fiel sein Kopf auf die Schulter nieder — er war ohnmächtig geworden und schnell wurde er von mehreren Männern nach seinem Schlosse gebracht. 7. Der Verfluchte. Rabbi Moses Hirsch pflegte sich oft zeitig Früh׳ in das Bethaus zu begeben, um dort Ruhe zu suchen und Niemand durfte ihn dort stören, bis es nicht Zeit zum Frühgebete war. So war es auch heute. Es war Sabbathmorgen. Er hatte sich wie gewöhnlich in's Bethaus begeben, legte einen Abschnitt des Talmud vor sich hin und vertiefte sich bald in den Sinn der Worte, die da geschrieben wurden von großen, gelehrten Männern. ״Dich hat er verleugnet, gelästert dieser Bösewicht," sagte er Plötzlich, Dich, Du Buch des Heiligthums, Dich, das Du ausstrahlst, spendest — Licht dem Auge — Wärme dem Herzen — Nahrung dem Geiste. Wehe ihm, daß er nicht bereuet hat. Die Frist, die ihm gegeben wurde zum Widerrufen — seiner gottlosen Jrrthümer und zur Buße — er ließ sie unbenützt verstreichen — und ich — ich mußte mein Wort erfüllen — verhängen über ihn den Bann — mußt' ihn hinausstoßen in die Welt — verachtet — verflucht! ״Und Niemand, Niemand kann ihn retten, nur er sich selbst allein. ״Eine schwere Pflicht war es, die mir ward, der ganzen Gemeinde mußt' ich es verkünden. Schwer war die Pflicht, doch mußt' ich sie erfüllen, der Glaube darf nicht ungestraft — freventlich angetastet werden. Die ganze Gemeinde mußte ich warnen vor ihm. Streng nach dem Gesetze habe ich gehandelt und dennoch, ich weiß nicht, was dies zu bedeuten, ein dunkles Ahnen beklemmt meine Brust, macht mich so traurig, so niedergeschlagen. Eine Kälte, nach dem Herzen dringend, macht mich schaudern. Soll ich nach Hause eilen — nein — nein — warum? — Im Hause Gottes — ist doch gewiß der beste Ort! — Und dennoch — vergebens lege ich mir Zwang auf, sehe an diese heiligen Zeichen — doch — sonderbar — ich kann sie nicht deuten, ein räthselhafter, warnender — Schrecknisse erzählender Sinn — starrt mir entgegen."- Goldige, himmlische Morgenröthe strömt zum Fenster ein, zeichnet gigantische Gebilde und Schatten auf den Wänden des Bethauses, verklärt auch das Gesicht des Rabbi in überirdischer Schönheit. Träumend und denkend sitzt er vor dem aufgeschlagenen Buch. Plötzlich schaute er auf. Er hatte Schritte vernommen, welche sich ihm näherten. Wer stört ihn in seiner Ruhe, seinem Denken — trotz Verbotes! Zwei Schritte von ihm entfernt steht ein Mann, in einen Mantel gehüllt, die Mütze tief in die Augen gezogen. ״Wer bist Du, Fremdling, der Du es wagst, zu dieser Stunde-in diese heiligen Räume einzudringen," ruft der Rabbi mit starker Stimme. Schweigend öffnete der Mann seinen Mantel, entblößte sein todtenbleiches Antlitz. ״Ephraim Manasse!" ruft der Rabbi, erschrocken von seinem Sitze aufspringend; ״was willst Du hier?" ״Ephraim Manasse, Euch zu dienen, Rabbi; bin's selber, der zu Euch kommt, wundert Euch das?" ״Das Gotteshaus darf Dir nicht zum Ruheplatz , werden," sagte der Rabbi zürnend. ״Ob Deiner frevelhaften Thaten bist Du mit dem Banne belegt — wie darfst Du's wagen, dem Banne zu trotzen, wie darfst Du's wagen, hier zu erscheinen?" (Fortsetzung folgt.)

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