Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 29 (14.8.1882)
- Date
- 1882-08-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 zweifelhaft und wir nahmen keinen Anstand, uns an den noch jetzt in Paris lebenden Enkel Lovy's, Eugene Manuel, In8p66t6ur general de l’instruction publipue 2c., dieserhalb um Aufklärung zu wenden, welche uns auch im vollen Maße dahin ertheilt wurde, daß Lo vy der Schöpfer dieser vorliegenden Reponsorien sei;übrigens braucht man nur den einen Satz Lorueb adonoj hamVorach S. 28 zu betrachten, um vollständigst überzeugt zu sein, daß dieses Musikproduct der guten alten Zeit angehöre. Aus jedem Tacte dieser alt-ehrwürdigen Melodien gucken Dreimaster, Barett und Schabbesmantel und wie all' die Reliquien der längst entschwundenen Zeit heißen mögen, hervor! Trotzdem wären wir für eine neue Auflage des im Musikalienhandel leider vergriffenen Werkes, weil wir überzeugt sind, daß Jeder, der Sinn und Geschmack für das Alte hat, bei Durchsicht dieses Schmuckkästchens synogal-gesanglicher Antiquitäten poetisch angeregt werden muß. Lovy wird von gewisser Seite als Regenerator des französisch-jüdischen Gottesdienstes bezeichnet, welcher Anschauung wir uns keineswegs anschließen können, vielmehr nachdrücklichst und wiederholt aus seine allerdings meisterhafte, aber conservative Vertretung der alten Synagogengesangsmanier (nicht Chasanus) Hinweisen müssen. Es gibt Style auf jedem Kunstgebiete, die, wenn sie zur höchsten Vollkommenheit emporgereift, auch schon unmöglich geworden sind und als den letzten bedeutendsten Repräsentanten dieses Zieles auf alt-synagogengesanglichem Gebiete möchten wir L ow y bezeichnen. Dieser conservative Standpunkt L ovy's erscheint uns allerdings um so auffallender, als wir in dem, in sämmtlichen Compositionen Lovy's sich manifestirenden ängstlichen Bestreben, dem alten Chasanus aus dem Wege zu gehen, einen Moment des Fortschrittes erblicken möchten. Mit keinem Federstriche bezeichnet Lovy das Chasanus, selbst die Üolnidre-Melodie ist vernichtet und dort, wo er der Nothwendigkeit eines Anlehnens nicht mehr ausweichen kann, wie z. B. bei Oleim am Roseh bascbana, da erscheint das Motiv verkrüppelt und gleichsam als abgerungenes Zugeständniß hingeworfen. — Wir resumiren, indem wir die Erscheinung Lo v y's trotzdem auf synagogal-gesanglichem Boden als eine glänzende bezeichnen. Seine außergewöhnliche Begabung, wie sein ganzes, leider zu kurzes Leben opferte er dem jüdischen Gottesdienste, er starb im 59. Lebensjahre an einer Lungenkrankheit am 7. Januar 1832 an dem Tage, an dem die Einnahme Warschaus und das neue Martyrium des von ihm so heißgeliebten Polens in Paris bekannt war, nachdem er am bezeichneten Tage noch beim Gottesdienste sungirte, das war sein Schwanengesang. Der ״Tropp". Im stillen Hinbrüten gebannt, als hörte ich den bei der Morgensonne hervortönenden dumpfen Ton der Memnonssäule, nachsinnend, stumm, als hätten in dem heute zerwühlten Pharaonenlande die Bilder einer bemalten Pyramidenwand meinen Blick umgaukelt, stand ich, wie von einem interressanten Punkte angezogen, beim Ablesen des in der vorigen Nummer dieser geschätzten Zeitschrift von Herrn Emil Frankl gebrachten Artikels ״Accente, Tonzeichen oder Tropp" und die wohl nicht neuen Entdeckungen des Pr. Petermann fesselten mich um so mehr, als ich bereits seit Jahren die behandelten Themata zu meinen Lieblingsstudien gewählt habe. Was ״Tropp" bedeutet? glaube ich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß diese Benennung, von dem der Eintheilung dieser Tonzeichen ertheilten verschiedenen Grade einer ״Truppe" מלכים, שרים, משרתים herrührt. Wahr ist es, daß diese Zeichen nicht nur die grammatikalische Jnterpunktation, sondern auch das Metrum und in den prophetischen Schriften, den dem Parallelismus eigenen Rhythmus bezeichnete. Diese jedoch als harmonische Gesangszeichen — ״Dreiklänge" hinzustellen, bedarf einer weiteren Forschung, die neben dem in den Psalmen häufig und in Habakuk einmal vorkommenden סלה als musikalisches Zeichen angeregt zu werden verdient. Im Oriente ist es von jeher üblich, die heiligen Schriften, sowie überhaupt jede Declamation singend vorzutragen. In Arabien sind eigene Koranleser, die je nach der Schönheit ihres melodischen Vortrages verehrt und bezahlt werden. So hat auch die Synagoge diese Zeichen schon in grauer Vorzeit als Gesangszeichen behandelt und sie in erzählende קריאת התורה לשבתות וי״ט, erwähnende קריאת ההפטורה, erbauende ק״ה לר״ה ויו" כ, erheiternde קריאת מגילה und trauererweckende איכה Melodien, je nach Erforderniß umgearbeitet. Ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich meine unmaßgebliche Behauptung ausspreche, daß selbst bei Beschneidungen in den üblichen Stücken, die der Nobel recitirt als א?ישיר משה und וכרות, ויושע, da diese Stücke vorschriftmäßig mit dem Tropp recitirt werden müssen, diese Tonzeichen in eine eigene, und zwar Hoffnung ausdrückende Melodie, die aber zum Theile verloren gegangen und umgemodelt wurden. Ein weites Feld bieten diese Hieroglyphen in Miniatur und nur einem zweiten Champollion dürfte es gelingen, sie vollständig zu lösen und ihre mannigfache Bedeutung zu enträthseln. Sie sprechen zn uns herüber aus vergangenen Jahrhunderten, ohne daß wir sie recht verstehen, melodisch klingen sie an unser Ohr, ohne daß wir ihre Bedeutung recht kennen. Einen weiteren, triftigeren Beleg dafür, daß diese Ton- Zeichen wirkliche Gesangs- und musikalische Figuren darstellen und welcher Herrn Petermann und Herrn Anton entgangen sein mag, liefert die im Anhänge der Niüraotb gedoloth zu den Hagiographen stehende Benennung dieser Tonzeichen des R. Elieser Provencale. Unter den verschiedenen Benennungen dieser Zeichen hat dieser Gelehrte: מיושב — anhaltender, langer Ton — עולה ויורד — hoch und tief — גרמה ציב.ר — die Erklärung hiezu erläutert, daß גרמה vor ציגור — sehr sanft — bedeute, גלגל פונה — Coloratur — מרעיש מרעיד Triller — u. s. w. eine ganze musikalische Terminologie. Doch meine Fähigkeiten gestatten es nicht, hier eine wissenschaftliche Abhandlung zu liefern, ich wollte blos die Aufmerksamkeit der geschätzten und gelehrten Herren Mitarbeiter auf dieses Gebiet lenken und in den Mußestunden, wenn man mit der Arbeit einer musikalischen Beilage für die ״Cantoren- Zeitung" fertig ist, dürfte auch dieses, dem Cantorate nicht minder wichtige Thema, zu welchem ich mein gesammeltes Material gerne biete, behandelt werden. Sam. Goldmann, Gr.-Kanisza.