Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 29 (14.8.1882)
- Date
- 1882-08-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3452870-3452898--0253-3454273- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 3× ep/1004827
OCR text
Q heiligen Schrift, als Hauptbeftandtheile der öffentlichen Gottes- Verehrung. Die kleine Zahl der übrig gebliebenen, nunmehr in Verbannung lebenden Juden suchte sich womöglich zu einer Gemeinde zu vereinen und ihren Cultus den Verhältnissen an- Passend zu organisiren. Während das Gebet von Jedermann aus der Gemeinde vorgetragen werden durfte, mußte der Thoraabschnitt nur von dem zur Thora Berufenen vorgelesen werden. Nach Vorlesung des laufenden Wochenabschnittes sprach der Patriarch der Gemeinde den Segen über die versammelten Gemeindemitglieder. Auch für die übrigen Gemeinden Israels, sowie für die in Babylonien lebenden Lehrer und deren Jünger wurde das Jekuni purkon, ein Gebet, welches heute noch verrichtet wird, gesprochen. In Folge der vielen Wanderungen der Juden, war es kein Wunder, daß dieses ewig wandernde Volk viel von den Gewohnheiten und Sprachformen derjenigen Nationen annahm, die ihnen eine Freistätte boten, und die eigene Sprache immer mehr vernachlässigten und verlernten. Der ursprünglich eingeführte synagogale Gebrauch, daß die zur Thora Berufenen ihre Bar686ha selbst lesen, mußte selbstverständlich abgeschafft werden und ein der Schrift Kundiger, der den Namen Core erhielt, wurde von der Gemeinde zum Vorlesen der heiligen Schrift und der Propheten angestellt. Da jedoch die Verständlichkeit hiefür dem Volke fehlte, so wurde das Vorgelesene durch die largumim (Uebersetzer) dem Volke verdolmetscht und von den Agadisten (Predigern) erläutert. Der Core erhielt auch den Namen Chasan, von dem Worte 61108011. schauen, weil er allein in das Buch oder die Rolle schauete, während die Uebrigen stille zuhörten oder leise nachsagten. (Fortsetzung folgt.) Kographien berühmter Fachgenossen älterer Periode. Israel Glogau (Lovy). Von Obercantor I. Singer in Wien. (Schluß.) Der zweite Lelio dodi, gleicher Tonart 3/4 Tact, erinnert lebhaft an die Arie des Figaro in Mozart's Figaro's Hochzeit: ״Will der Herr Graf u. s. w.", wie wir allenthalben der Inspiration Mozart's und Haydn's, denen Lovy entschieden gefolgt, begegnen. Ein musik-kritischer Maßstab läßt sich vom Gesichtspunkte unserer modernen Anschauung nur insofern anlegen, als wir auf den bei sämmtlichen Nummern sich manifestirenden Melodienreichthum nachdrücklichst Hinweisen. Lovy's Phantasie zeigt sich allüberall gleich frisch und elastisch; nirgends ist eine Abspannung oder Anstrengung zu bemerken und wenn wir am Schluffe irgend eines Stückes angelangt, so scheint es stets, als hätte er uns noch nicht Alles gesagt. Wenn Melodienreichthum und künstlerisch vollendete Ausführung die hohe Bedeutung eines Chasan in sich schließt, so war Lovy wirklich ein Fürst im Reiche. Die liebenswürdigen Menuette und Polonaisen auf einen Schluß-Kadisch oder M haho-do-os angewendet, athmen eine solche Opulenz von Melodie, daß wir es gern verzeihen, wenn auf das Wörtchen ״Ki“ sechs volle 74 Tacte verwendet werden und obgleich die Reichthümer keineswegs umsichtig verwaltet sind, so wäre man da, wo die Melodien so leicht und so reichlich Zuströmen und wo das Bestreben obwaltet, dem Worte die. möglichst erschöpfendste musikalische Illustration zu geben, fast geneigt, dieses lange Ausspinnen des Musikgedankens am Platze zu finden. Die harmonische Erfindungsgabe hält mit der melodischen allerdings nicht gleichen Schritt. Einfach, in des Wortes kühnster Deutung, erhebt sich die Harmonie (Dreiklang, Septimenaccord, Sextaccord) im großen Ganzen nirgends über das Niveau des ״Zusammensingens" der alten Chasanim. Was in einzelnen Nummern Beträchtlicheres vorkommt, scheint einer späteren Zeit oder einer anderen Feder anzugehören und deshalb behandelt Lovy seinen Chor noch ganz im Sinne der Alten, er läßt ein Männerquartett oder Terzett, bei dem der Chasan stets die Oberstimme behält, zumeist jedoch unisono beginnen und den Gesammtchor blos mit einzelnen kurzen Schlägen (beim 74 Tact auf dem 2. und 3. Viertel) in orchestraler Weise hinzutreten. Interessant ist auch der Malebus’eho für Freitag Abend. Der Chasan beginnt eine Polonaise — (wohlgemerkt! nicht etwa zu tanzen) — während die Tenöre und Bässe mit geschlossenen Lippen (11006116 fermee) die Begleitung, gleich der Orchesterintroduction einer alten italienischen Opernarie, zu besorgen haben, oder ein Kadisch, wo der Sopranist mitten d'rin ein Solo von mehreren Tacteu ohne Text zu singen hat (Lovy bezeichnet diese Stellen mit voealise). — Solchen und ähnlichen Abnormitäten begegnen wir oft. Abnormitäten! allerdings nur von unserem jetzigen Musikstandpunkte aus, denn wer von uns jemals noch ״zugehalten", der dürfte sich lebhaft des Ohrenschmauses erinnern, den wir durch Vorführung gleicher Experimente unseren damaligen andächtigen Zuhörern bereitet. — Deshalb ließen sich nur wenige der Compositionen Lovy's für die heutige Synage verwerthen und diese nur noch in wenigen Gemeinden. Einer für die Geschichte des Synagogengesanges überaus wichtigen Thatsache, welcher wir unsere volle Würdigung nicht vorenthatten dürfen, begegnen wir in dem vorliegenden Nachlasse L o v y's — Eesponsoriea-Borueh a’donoj ham’woraeh S. 28, Borueh hu uworueh seh’mo und Amen S. 31 — J’he seh’me rabbo S. 37. Mi ebomoeho S. 29 — Borueh sehenosan toro S. 81. — An einer anderen Stelle haben wir es genügend hervorgehoben, daß die fachmännischen Vorgänger und Zeitgenossen Lovy's gewiß anerkennenswerthe Beiträge für den Synagogengesang geliefert haben mögen, welche uns jedoch — die Werke Salamon Rossi's (Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts) ausgenommen — leider nicht übermittelt wurden. — Die Schöpfungen dieser Männer, vielleicht weniger nach der originellen als executiven Richtung bedeutend, waren gewiß die Quelle, aus der L o v y die Summe all' der glänzenden Eigenschaften gewonnen, die seine Compositionen charakterisiren. Wenn wir nun auch beim Durchlesen der Lovy'schen Werke keinen Augenblick die Entstehungsperiode derselben außer Acht lassen dürfen, um ein für unsere jetzige Anschauung günstiges Beurtheilungsergebniß zu erzielen, so müssen wir dieselben dennoch als Ueberlieferung des damals allgemein üblich gewesenen Synagogengesangsstyles wärmstens und dankbar begrüßen; — als geradezu epochemachend erscheint unsjedoch die Thatsache, daß Lovy bereits an ein Synagogyen-Responsorium gedacht und es in seiner Synagoge zu Paris auch einführte. — Dieser Passus erschien uns, weil ein hochbedeutendes Verdienst, welches ein Späterer für sich in Anspruch nimmt, involvirend, etwas