Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 28 (6.8.1882)
- Date
- 1882-08-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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dies kann erst dann geschehen, wenn die Saison morte zu Ende, wenn alle Jene in Wiens Mauern rückgekehrt, welche sich gewiß gerne an unserem Werke dadurch betheiligen, daß sie dasselbe in pecuniärer Weise kräftigst unterstützen. Also vorläufig müssen wir uns noch gedulden. Ueber Wissen und Glauben. (Fortsetzung und Schluß.) Es erweckt die Vorstellung eines vollkommenen Daseins. Die Vorstellung vom Wesen erheben aber die Mängel der menschlichen Natur, die gnädig uyd hilfreich oder strafend und zürnend auf die Menschen herabblicken. Die ein Volk umgebende Natur spiegelt sich in seiner Mythologie, in dem von ihm vorgestellten Götterkreise, der sich je nach derselben heiter, majestätisch, wonnevoll oder finster, verderblich und schreckcnsvoll gestalten wird. .So stellen denn auch die Völker ihre Götterbilder dar und auf niederen Stufen knüpfen sie etwa ihre Göttervorstellung an irgend einen sehr oft geringen Gegenstand und glauben, daß Gott in ihm wohne und daß der Besitz desselben ihnen seinen Beistand sichere. Von den dürftigsten Ahnungen höherer Wesen, die man verehrt und fürchtet, bis zu den ausgebildetsten unter sich wieder höchst verschiedenen Religionssystemen finden fich alle Zwischenstufen und es ist die Frage, ob es wirklich Götter gibt, die ganz ohne Ahnung unsichtbarer Wesen und Gewalten find oder ob nur die Unkenntniß der Sprachen und die Oberflächlichkeit der Beobachtung diese Meinung erzeugt hat. Die Vorstellung einer wahrhaft übersinnlichen Welt findet fich nur bei der christlichen, aber der Glaube an eine höhere Macht bei allen Völkern. Die Begeisterung für eine neue religiöse Anschauung erzeugt unter Mitwirkung der Phantasie ein neues Glaubenssystem, welches einen Aufschwung aller Kräfte und eine mächtige Wirkung herbeiführt und wenn dies eine Zeit lang bestanden hat, kömmt der nüchterne Verstand wieder zur Geltung, der kein Mysterium begreift, und zerstört den Glauben an Das, was bisher für Wahrheit galt. Es wird dann gewöhnlich angeführt, daß das bisher bestandene System mit der Vernunft in Widerspruch stehe, seine Last unerträglich sei. Die Aufgabe des heutigen Zeitgeistes ist es aber, diesen Widerspruch in eine harmonische Architectonik zu bringen und so hat unter allen Religionen nur jene die meiste Aussicht auf ewigen Bestand, welche von der ewigen Wahrheit am meisten für fich hat. Eine Kirche aber, die das Licht der Wissenschaft nicht ertragen könnte oder es durch allerlei gefärbte Gläser dämpfen müßte, wäre zu den tobten zu legen. Sie könnte höchstens in unteren Volksschichten noch fortvegetiren, wie die alten Volksreligionen in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung noch ihr Dasein fristeten, könnte unter Umständen auch durch Fanatismus noch gefährlich werden, aber maßgebenden Einfluß auf die Fortentwickelung der Menschheit hätte sie nicht mehr, sie wäre ein dünngewordenes Salz. Aber die reine und wahrhafte Erkenntniß der Präexistenz eines rein geistigen Wesens kann selbst die so sehr gepriesene Naturforschung nicht verdrängen. Die Naturwissenschaften sind zwar von Entdeckung zu Entdeckung fortgeschritten und haben beobachtend und versuchend ein Verständniß des in der unorganischen und organischen Natur wirkenden Systems von Ursachen, Kräften und Stoffen erwirkt; aber Eines reicht nicht aus für Alles und nicht für Alle schickt sich dasselbe. Weder woher die in der vorhandenen Welt wirkenden Kräfte in Bewegung gesetzt, noch wodurch sie in der Weise vertheilt und geleitet werden, kann blos chemische und physikalische Analyse begreiflich machen, geschweige daß sie die Entstehung des Lebens und des Bewußtseins der organischen Wesen zu erklären vermochte. Wo sie sich dazu versteigt, verirrt sie sich in haltlose Hypothesen. Unter diesen Umständen werden wir in unserem Rechte sein, wenn wir daran fcsthalten, daß in der Welt noch etwas Anderes wirkt, als unbewußte, zwingende Nothwendigkeit. Wir werden bei ehrlicher Forschung vielmehr erkennen, daß auch in der Natur, selbst in ihren untersten Stufen schon Geist und daß es einen das Universum bewegenden und leitenden Allgeist, Zugleich Grund und Quelle alles Lebens und Bewußtseins gibt, den wir Gott nennen. Wir werden erkennen, daß Religion doch etwas mehr als ein bloßer Wahn sei, erzeugt etwa im Gehirn der Thoren, sondern sie ist die Quelle aller wahren Freiheit, aller Begeisterung für das Gute. Aber kein Vorurtheil darf den Menschen blenden, kein allgemeiner Glaube seine Absichten verdunklen, keine Besorgniß ihn von der Enthüllung der Wahrheit, wie sein Blick sie ihm zeigt, zurückschrecken. Wer einen Anstoß daran findet, der gehe in die Finsterniß zurück und labe sich an seiner trägen Schlaffheit. Frei muß der Mensch das Dunkle beleuchten, das Verborgene hervorziehen. Wer das Bessere sucht, liebt die Wahrheit, wie empfindlich sie auch bisweilen die Eigenliebe oder die Vorliebe und Gewohnheit für ererbten Tand verwunden mag, durch den richtigen Blick in die Geschichte der Vorzeit werden wir belehrt, durch die Erkenntniß der Irrwege früherer Erdenführer lernen wir dieselben meiden. Mag der Schein des Heiligthums bisweilen vor dem Lichte der Wahrheit schwinden, ihre Milde erquickt das Gemüth für den Verlust fanatischer Begeisterung. So ist unsere heutige Religion mit einem Wort in der Hauptsache ein Wissen, d. h. der Glaube hat bei den Ueberzeugten die Form des Wissens angenommen. Dieser Glaube, den moderner Materialismus und Epicuräismus aus der Liste unseres Wörterbuches ausmerzen möchte, ist auch eben eine der Grundkräfte unseres Seelenlebens, das Organ für alles Uebersinnliche und Ideale, das Band, welches Geist an Geist, unendlichen Geist an den Allgeist bindet, unentbehrlich selbst im gemeinen Verkehr der Menschen untereinander, nothwendig sogar für die Wissenschaft, als Glaube an die Wahrheit. Dies ist die einzige Lösung des tiefgreifenden Conflicts zwischen Wissen und Glauben in unserer Zeit. Dr. Ungar. Biographien berühmter Fachgenossen älterer Periode*). Israel Glogarr (Levy). Von Obercantor I. Singer in Wien. Im Jahre 1773 in Danzig geboren, übersiedelte L ev y mit seinen Eltern nach Glogau und entwickelte sich in Folge der für die damaligen Verhältnisse erhaltenen glänzenden Erziehung *) Um unserem Blatte jede erwünschte Mannigfaltigkeit im Rahmen des Fachgemäßen zu verleihen, glauben wir im Sinne unserer verehrten Herren Collegen zu handeln, wenn wir die 'Biographien berühmter Fachgenossen der älteren Periode in rascher Aufeinanderfolge der Oeffentlichkeit übergeben. Wir gehen hiebei von der Ansicht aus. daß jede Lebensbeschreibung eines berühmten Fachgenossen Momente über seine eigene Selbstschau und Fortbildung involvirt. D. R.