Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 27 (29.7.1882)
- Date
- 1882-07-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Eine wahrhaft jüdische Gemeinde kann nicht geizen und nicht feilschen wegen Besoldung ihrer Hauptfunctionäre. Eine Gemeinschaft, ist nicht arm, lautet ein altjüdischer Ausspruch. R. B. Andeutungen;um Gesangsunterricht. Von Alois Aulka. (Fortsetzung.) Hat es nun der Lehrer dahin gebracht, daß der Kehle seines Schülers jene Geläufigkeit innewohnt, um die verschiedenen Tonfiguren im schnelleren Zeitmaße richtig zu singen, dann ist es Zeit, zu der Nuancirung der Empfindungen des Gesanges zu schreiten. Um aber den Schüler dahin zu bringen, die Empfindungen seines Herzens dem Gesänge mitzutheilen, muß er vorerst die Grundprincipien der Sprache im Gesänge inne haben. Der Lehrer empfehle seinem Schüler eine bestimmte Articulation, die besonders Jenen zur gewissenhaften Pflicht gemacht werden muß, welche beim Gottesdienste sich verwenden lassen, weil in dem weiten ausgedehnteren Raume des Gotteshauses leicht die Verständlichkeit darunter leidet und die Schärfe der Articulation eher verhallt. Die Consonanten, welche eine Silbe schließen, müssen erst am Ende des Tones articulirt werden. Diphthongen werden in einzelne Vocale aufgelöst, z. B. Gla—u—ben. Die Aussprache der Silben muß direct auf den vorgeschricbenen Ton folgen. Ist er mit der Betonung der einzelnen Silben und Buchstaben im Reinen, so handelt es sich nunmehr um die richtige Betonung des Wortes, um die Deutlichkeit und Verständlichkeit des Textes überhaupt. Der Lehrer kann nicht sorgfältig genug auf die Deutlichkeit im Vortrage des Wortes bei seinem Schüler sehen; denn wird dieser Fehler des Vortrages zur Gewohnheit, so ist er beinahe nimmer oder doch nur mit dem größten Müheaufwand zu beseitigen. Wir hören oft Säuger und hauptsächlich Sängerinnen, welche in ihrer übrigen Gesangsausbildung sich beinahe zur Virtuosität aufgeschwungen haben und doch die Worte zu ihren Gesängen so undeutlich singen, daß man vom Texte nichts oder doch nur wenig versteht. Unser Nestor Sulz er soll einmal auf die schmeichelhafte Aeußerung, daß man bei seinem Gesänge jedes Wort des Textes genau verstünde, sehr treffend entgegnet haben: ..Das Wort ist der Vorzug des Gesanges vor dem Instrumente; die Melodie kann ich mir auch nöthigenfalls — blasen lassen." Was den Vortrag im Gesänge anbelangt, so handelt es sich hier .wohl blos um den Vortrag eines Tempelgesangsstückes, eines einfachen Liedes,, eines Vocalquartettes im schmucklosen Kirchen- oder Kammerstyle eines Chores u. dgl. m.; es kann daher keineswegs die Rede von Arien, Opernpiecen oder anderen Musikstücken sein, die eine höhere Kunstbildung voraussetzen. Zu dem Vortrage dieser Gesangsstücke genügt wohl ein richtiges Auffassen des Sinnes, ein Verständniß des Wortes, welches man singt. Um jedoch dieses zu erhalten, lasse der Lehrer den Text von dem Schüler langsam und deutlich sich vorlesen; er mache ihn dabei aufmerksam auf den Sinn der Worte, erkläre ihm dieselben (was besonders bei den hebräischen Texten der Synagogengesänge sehr nothwendig ist), dann erst lasse er das Tonstück mit dem Texte singen, wobei er den Schüler genau auf die declamatorischen Stellen aufmerksam machen muß. Der Schüler, der übrigens nicht selbst ein gehöriges Auffassungsvermögen hat, dem sein Gefühl nicht selbst der beste Leiter ist, der erst eines Wegweisers bedarf, um ein Liedchen so zu singen, wie es sein Charakter erfordert, der wird es nie weit im Gesänge bringen, der lernt niemals ein Lied singen. (Schluß folgt.) Jur Emancipatiou unserer Glaubensgenossen. Edle, wackere Männer haben sich vor Jahren zusammengefunden, von der hochherzigen Idee beseelt, Schutz und Hilfe den leidenden, unterdrückten Glaubensgenossen, welch' Nation auch angehörig, zu bringen. Und diese Idee,. sie wurde damals Fleisch und Blut, nahm Gestalt und Form an und diese Idee wuchs in -ihrer Vollendung gar riesig an . und durch diese Idee wird heute Segen und Trost gespendet allüberall in der ganzen Welt. Bedarf es wohl noch des Namens dieser Idee? Bedarf es wohl noch der Aufzählung all' Dessen, was die ״Israelitische Allianz" während ihres langjährigen Bestandes geschaffen, Großes geleistet? Besonders in letzterer Zeit!- . Doch nicht dieses war es, was uns heute veranlaßt, diese Zeilen zu schreiben. Eine Brochure ist es, ganz schlicht und einfach, die sich in unseren Händen befindet und diese ist es, welche uns hiezu Anlaß gab. ״Zur Emancipatio n unserer Glaubensgenossen" betitelt sich selbe und der Autor ist Josef Ritter von Wertheimer, . Präses der ״Israelitischen Allianz" in Wien. Mit dem heutigen Tage, so beginnt der illustre Autor, vollendet sich mein 82; Lebensjahr und es vollendet sich damit zugleich mein 701 Dienstjähr' in den Reihen der Kämpfer ׳ für das Recht und für die Freiheit unserer Glaubensgenossen. Denn schon den zwölfjährigen Knaben entflammte die Unbill, welche die Aechter und Verächter seines Glaubens und Stammes diesem zufügten, zum begeisterten, wenn auch ungelenken Worte. Seitdem ist der Kampf in Israel und für Israel gar oft an mich herangetreten und ich habe mich, wie der schwachen Kraft so auch des festen Willens bewußt, in die Reihen der Combattanten bis zum heutigen Tage gestellt. Shitt aber winkt die Friedenspalme mir zu und so sei es mir vergönnt, bevor sie sich über mich neigt, noch einige Worte an meine Kampfes- und Leidens-, Stammes- und Glaubensgenossen zu richten, vertrauend, daß, wie sie vom Herzen kommen, sie auch ihren Weg zu den Herzen finden werden. Dann bespricht der Autor die zahllosen Auswanderungen unserer Glaubensgenossen und fährt fort: Es ist wahr, die Juden haben in der Regel unter der Herrschaft des Islams größerer Toleranz, als in manchen christlichen Ländern begegnet, allein erhebende Hoffnungen lassen sich eben nicht aus Ansiedlungen in einem auf den Aussterbeetat gesetzten und einer höchst mangelhaften Verwaltung Preisgegebenen Reiche schöpfen. : Canada, die amerikanischen Unionstaaten, Capland, Australien — das sind jedoch die Welttheile, welche dem körperlich tüchtigen, geistesgewandten jüdischen Auswanderer im großen Ganzen Zufluchtsstellen bilden, angethan, ihn die Begründung einer neuen Existenz erhoffen zu lassen.