Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 27 (29.7.1882)
- Date
- 1882-07-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Ueber Wissen und Glauben. (Fortsetzung.) Aber Denken und Wissen ist allerdings Zweierlei. Durch fortgesetzte Denkarbeit gelangt der menschliche Geist allmälig zum Wissen, zum wirklichen Begreifen der Thatsachen der Natur und der Vorgänge der Geschichte. Gäbe es ein absolutes Wissen, . dann wäre es möglich, die Welt mit all' ihren Erscheinungen bis auf ihren letzten Grund zu begreifen, alle Zweifel gelöst, jeder Meinungsstreit im Reiche der Wissenschaft geschlichtet. Die Erfahrung lehrt aber, daß dem menschlichen Wissen unübersteigliche Grenzen gesteckt sind. — Die Ursache davon liegt in der Beschaffenheit des menschlichen Geistes selbst, so daß die Schranke unseres Wissens nicht nur außer uns, sondern in uns selbst, in der Unergründlichkeit des Denkprocesses vorhanden ist. Es ist ein offenes Geheimniß, daß die Zahl Derer, die wahrhaft wissen, und der Umfang dessen, was eigentlich gewußt wird, überraschend klein ist. Wissen heißt vor Allem: selbst erdacht und erforscht haben; was man nicht selbst wahrgenommen, sinnlich oder geistig angeschaut und sorgfaltig geprüft, das weiß man eigentlich nicht, das ist nicht in geistiges Eigenthum verwandelt. Eine Unmasse von Kenntnissen wird überliefert, dem Gedächtnisse angeeignet; aber wie groß ist die Täuschung der Meisten, wenn sie sich überreden, zu wissen, was sie doch eigentlich nur im guten Und meist blinden Glauben ausgenommen haben. Die Summe Dessen, was man erlernte Kunst nennen kann, hat sich ohne Zweifel um ein Nahmhaftes vermehrt. Die Bedürfnisse nicht des Wissens, aber des Mitgenusses von den Früchten der Erkenntniß sind sogar in's Unglaubliche gestiegen und wenn man die . Arbeit scheut, so liebt man doch ihr Erträgniß. Aber gestehen wir es ein — die Urteilslosigkeit, die Unselbstständigkeit, die Gleichgiltigkeit der großen Menge erreicht oft sogar in solchen Angelegenheiten einen überraschend hohen Grad, in welcher Jeder, der einigermaßen auf den Grund der Dinge zu schauen sich gewöhnt hat, keinen Augenblick sich bedenken sollte. Beweise hiefür der neuerdings auferstandene Schwindel des Spiritismus, das goldene Zeitalter der Socialdemocratie. Die Nichtigkeit dergleichen Vorspiegelungen könnte Jeder erkennen und wissen, der ordentlich denken und urtheilen gelernt hat. — Das eigentliche Wissen, das selbstständige Denken ist auch in unserer Zeit das Privilegium weniger Auserwählter geblieben. Alle Uebrigen sind der Autorität unterworfen, glauben zu wissen und wissen nicht, da sie nur glauben und gläubig annehmen, was die Wissenden erforscht und den Nichtwisfenden mitgetheilt haben. Die Verbreitung von Kenntnissen geschieht in der Regel durch Glauben, durch, gedächtnißmäßige Aufnahme der durch Unterricht verbreiteten Meinungen und Thatsachen, deren genauere Prüfung Aufnehmenden größtentheils aus Mangel an Geistesbildung, noch mehr aber an Zeit verwehrt ist. Dieser Glaube glaubt an das Wissen der Wissenschaftlichen Autoritäten, an die Zuverlässigkeit der Ueberlieferung, an. die Wahrheitsliebe der Forscher, und so ist unser Wissen zum weitaus größten Theile geglaubtes Wissen, nicht unser wahres, ureigenes, sondern ein empfangenes und vererbtes geistiges Eigenthum. Gewiß auch noch ein Wissen, wenn auch nur zweiten Ranges. Der berühmte Redner Lasker hielt vor längerer Zeit im hiesigen großen. Handwerkervereine einen Vortrag über Wissen und Halbbildung, wo er im Verlaufe seiner Rede sich selbst, weil die Wissenschaft heute zu Tage Verzweigungen unzähliger Art besitze, als Halbwissenden bezeichnete und sich zu den Paulinischen Ausspruche bekannte, daß ״alles menschliche Wissen Stückwerk". Ja gerade die tiefsten Forscher werdest immer die Demüthigsten sein. Gerade sie werden immer erkennen, daß es nur eine trügerische Schlangenrede ist. ״Ihr werdet erkennen, wie Gott." Das Wissen überhaupt und das Halbwissen, welches doch npr Glaube an fremdes Wissen ist, bietet uns nur einzerstückeltes Bild von der Welt. Der Genuß von dem Baume der Erkenntniß ist unser Los, aber auch unsere Qual. Wir werden niemals satt, denn wir wissen niemals genug. Und doch bedürfen wir einer einheitlichen Anschauung der Welt, ja der Er- Hebung über die Welt, und nur in dieser Erhebuug finden wir den Frieden, das was, die Religion als ״Seligkeit bezeichnet", diese kann uns nur der religiöse Glauben gewähren, wenn jeder Conflict zwischen ihm und dem Wissen geschlichtet ist. Nicht Glaube an das Wissen, sondern Glaube an Das, was schlechterdings nicht gewußt werden kann, weit es jenseits der Grenzen menschlicher Erkenntniß liegt, an das Unendliche und Ewige, ist Religion. — Wo das Wissen aufhört, da fängt der Glaube an, der uns aus dem Strudel der menschlichen Meinungen rettet, um das Treiben der Welt mit beruhigtem Gemüthe. betrachten zu können. Wer sich in das Unendliche senkt, in den ewigen Grund, aus welchem Alles hervorgeht und zu welchem Alles zurüclkehrt, der ist nicht mehr abhängig von den Wellenbewegungen der Zeit und den aufreibenden Stößen und Gegenstößen im Kampf begriffener Mächte, sondern. er ist nur noch abhängig von der obersten Einheit aller Ursachen und Zwecke und hat zugleich das Bewußtsein, Mt dem obersten, weltordnenden Willen eins und einig sein. Abhängigkeit von Gott und Freiheit in Gott sind im Glauben unzertrennlich verbunden, der wahre, Glaube macht demüthig vor Gott und muthig^ gegenüber der Welt. Die Trennung der Religion von.der Moral gehört nicht dem Leben, sondern der Theorie an, wie es Prof. Lazarus in seinem Werke: ״Das Leben der Seele" in vorzüglicher und geistvoller Art nachzuweisen sich bestrebt hat. Es ist ja möglich, daß einzelne Männer die höchste Stufe des Wissens erreicht haben, auch ohne Kirchenglauben wirklich reine Vollkommenheit besitzen; aber wer sich von jedem Glauben abgelöst hat, dem fehlt jede Grundlage der Moral, der verfällt dem Egoismus. Keine Religion verdient Geringschätzung und Verachtung. Auch wo das Bewußtsein des Unendlichen sich in die abenteuerlichsten und unserem Gefühle widerstrebendsten Formen gekleidet hat, dürfen wir den göttlichen Funken nicht übersehen, der vor Allem berücksichtigt werden muß. Der menschliche Geist wird nicht befriedigt durch sinnliche Genüsse, auch nicht durch die Erkenntniß der natürlichen Welt, er verlangt aus dem Wechsel nach einem bleibenden und ewigen Grund. Begegnet er im Leben dem Schönen, Guten und Wahren, so geht in ihm die Ahnung unendlicher Schönheit, Wahrheit und Güte auf und er athmet gleichsam Himmelsluft und er begehrt immer in ihr zu leben. (Fortsetzung folgt.) Einige Erwerbungen über Sch’cliita und Vorbeter. (Worte eines Unberufenen.) Zwei große Angelegenheiten sind es, welche in der ״Cantoren-Zeitung" zur Discussion gekommen und gerne wird fachmännische Kritik, wenn sie auch pro domo leise angehaucht zu sein scheint, gehört.