Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 26 (21.7.1882)
- Date
- 1882-07-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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eu iX £ eton. Der verfluchte. Erzählung aus dunkler Zeit von Ad. v. Zemlinszky. Machdrück streng veröoten! UebersetzungsreHt vrrbehalten.) . . 3. Forlsftziing. 4. Der Schwur. Acht Tage waren bereits seit dem Begräbnisse des Gerson Levi verflossen. Vergebens hatte Rabbi Moses Hirsch seine ganze Thätigkeit der Aussuchung Rachel's, der jüngeren Tochter Gerson Levi's. gewidmet, all' sein rastloses Bemühen war vergebens und dennoch hatte er noch immer nicht den Muth verloren und er wollte auch sein Versprechen genau halten, welches er dem Sterbenden gegeben hatte. Noch immer hoffte er, daß Ephraim Manasse sich besinnen und sein Wort einlösen werde — er hoffte es, obwohl er wußte, daß diese Hoffnung eine vergebene sei. Die wenigen Worte, welche Ephraim Manasse zu dem Rabbi gesprochen hatte — sie waren hinreichend, um dessen Charakter zu kennzeichnen. Der Rabbi war mit sich selbst im Unklaren, welche Schritte er jetzt unternehmen und welche er lassen sollte. ״Ich will noch einmal mit Judith sprechen," sagte er zu sich, ״ich will ihr bis in's Innere ihrer Seele schauen — ich will wissen, ob Ephraim wirklich nur des schnöden Goldes wegen seinen Eid und sein Manneswort gebrochen." Sogleich ließ er durch den Schames die Gemeindeältesten nach dem Bethause entbieten und auch Judith wurde ersucht, sich dahiu zu begeben. Rabbi Moses Hirsch stand vor der Thora mit Tallit und Tfilin, um ihn herum im Kreise die Aeltesten der Gemeinde. Im Hintergründe des Bethauses stand Judith mit verschleiertem Gesichte — zitternd der Dinge harrend, die da kommen sollten. ״Ihr Herren," begann der Rabbi, mit feierlicher Stimme sich an die Gemeindeältesten wendend — ״nehmt meinen Dank hiefür, daß Ihr meiner Bitte willfahrt und hiehergekommen seid. Eine gar wichtige Sache ist es, die uns heute hier versammelt. Eine Waise, die Tochter des Gerson Levi, sollen wir beschützen vor Unbill, die ihr geworden — die ihr geworden durch ihren Bräutigam. ״Ich selbst war bei ihm, bei Ephraim Manasse — habe ihn ermahnt, gebeten — Alles umsonst, bitterer Hohn — ja selbst Gotteslästerung war es, was ich als Antwort erhielt. Doch ehe wir verurtheilen, ehe wir den Schuldigen strafen, wollen wir noch diese Waise befragen, ob wir auch im Rechte sind, ihn zu verdammen. ״Tritt vor. mein Kind," wandte sich der Rabbi zu Gerson Levi's Tochter — ״komm' vor, mein Kind, nur näher an meine Seite, leg ab für kurze Augenblicke nur Deinen zaghaften Sinn,׳ nähere Dich uns unerschrocken — Zeugniß sollst Du geben. ״Sag' uns die Wahrheit jetzt, mir und diesen Männern, welche wir hier Recht sprechen sollen — sag' Alles uns, ganz ohne Scheu — verschweige nicht das Geringste; hast einen Fehler Du begangen, gestehe ihn offen ein — und milde Richter sollst Du finden. ״Denke zurück an die erste Stunde, in welcher Du Ephraim Manasse's Braut wurdest — denke zurück. War er Dir ein Dich stets zärtlich liebender Bräutigam, war er Dir immer treu — hast Du kein Falsch, keine Hinterlist an ihn bemerkt? O! sprich, mein Kind — sprich', doch keine Lüge möge über Deine Lippen kommen, Dein Vater selig — er sieht aus Himmels höhen auf uns heraü" Judith, stand vor dem.Rabbi — ihr Gesicht war.von Thränen. überflvthet. ״Was soll ich Euch Lügen sagen — höret mich, Rabbi, und auch ihr Alle; wie. dies geschehen. ״Zwei Jahre sind es jetzt, als mein seliger Vater — Gott schenke ihm die ewige Ruhe — mit Ephraim Manasse mich verlobte; sein Segen sollte unserem Bunde Glück bringen. Doch leider war dem nicht so. ״EinJahr war nach unserer Verlobung dahin geschwunden, ein Jahr des reinsten, höchsten Glückes — der größten irdischen Seligkeit. ״Es ist uns dahin geschwunden dieses Jahr wie ein Traum, ja wahrlich, Herr Rabbi — wie ein Traum. ״Diesem Traum sollte jedoch ein schreckliches Erwachen folgen. Ich wußte es — ich wußte es allein, ich schloß meinen Gram, meinen Kummer in meine Brust ein — gar fest, damit mein armer Vater davon nichts ahne. ״Unser Nachbar, der reiche Geldmäkter Aron Eisik, hatte schon seit längerer Zeit mit meinem Bräutigame Bekanntschaft gepflogen, ohne daß ich dabei Arges dachte. ״Viele Stunden verbrachte er — die er früher an meiner Seite gewesen, bei Aron Eisik. ״Plötzlich, als es bereits zu spät war, , kam mir die Gewißheit, daß Ephraim's Besuche bei unserem Nachbar — nicht ihn, sondern seiner Tochter gegolten. ״Mit schlauen' Worten hatte es ' der' Geldmakler Estandech des jungen Mannes Herz mir zu rauben — zu rauben für seine Tochter. O und diesem Allem fügte er noch bittere Krankung und Schimpf mir zu. — Oeffentlich machte er seine Verlobung mit der Tochter des Aron Eisik bekannt — trotzdem er mein Bräutiganr war. — Und selbst auch dieses verschwieg ich meinem Vater, um ihn nicht zu kränken. ״Was soll ich Euch noch weiter sagen, das böse Werk — es ist nur zu gut gelungen." Ein Schluchzen, aus tiefster Brust kommend, erstickte ihre Stimme und kraftlos lehnte sie sich an einen Stuhl. Stille herrschte im Bethause. Auch der Rabbi steht schweigend und sinnend vor sich niederblikend, da plötzlich ergreift er die Hand Judith's und führt sie zur Ruhestätte, der Thora. Schweigend, mit eingehaltenem Athem, schauen die Männer alle dem Beginnen des Rabbi zu. Dieser steigt die Stufen hinan, die zur heiligen Lade führen, reißt plötzlich den Vorhang hinweg — öffnet beide Thüren und nimmt die Thora heraus. Mit beiden Händen hält er sie Judith entgegen. ״Leg' Deine Lippen auf dieses Heiligthum," ruft er mit erhobener Stimme, ״berühre es mit Deinen beiden Händen und schwöre, indem ich ihn den einzigen, ewigen und wahren Gott, dessen Namen gepriesen sei in alle Ewigkeit — anrufe zum Zeugen, schwöre es vor mir und der Versammlung, daß Du niemals ihn betrogen — daß Du niemals etwas gethan, was ihn ein Recht zu seinem Rücktritte geben würde, schwöre, Jungfrau — daß Du niemals den Schwur der Treue gebrochen hast!"