Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 26 (21.7.1882)
- Date
- 1882-07-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 16. Die Gesangsübungen finden am passendsten in der letzten Stunde des Vor- oder Nachmittags statt. - Offener Sprechsnak für Alle. Cantor und Svhoehel. Geehrter Herr College Roller! Ihrem ausdrücklichen Wunsche zufolge, gestatte auch ich mir, meine Ansichten in Beziehung auf Selrehita und Canto rat neben die Ihrigen zu stellen. Dem Hauptpunkt, daß 861106116t und Cintor in einer Person unvereinbar sind, kann ich, gleich unserem geehrten Herrn Collegen Holzer, nicht beipflichten und die von Ihnen angeführten Gründe hicfür noch weniger anerkennen. Die Selfelrita ist ein ebenso heiliges und wichtiges Amt auf dem Gebiete des jüdischen Ceremoniels, als das des Cantorates. Sie verlangt einen biedern Mann von tadellosem religiösen Lebenswandel und vertrauenswerthem Charakter, sie beansprucht im höchsten Grade ״Jiras haseliem“, wie der Chasan sie in dem Maße nicht mitzubringen braucht. Die Andacht, mit welcher der 86h06116t die ..Bhoehos“ zu sagen hat, muß ihm darthun, daß er mit dem Schlachten durchaus kein rohes, der Hartherzigkeit nahe kommendes Amt versieht, sondern daß er, blos weil das Bedürfniß der Israeliten es erfordert, dasselbe ausübt. — Ist es vielleicht schon dagewesen, daß ein 861106116t, als solcher, ein schlechter Vater oder Gatte war, weil sein Amt ihn roh gemacht? Oder hat man jegefunden, daß er aus Privatvergnügen anderen als zum Schlachten bestimmten Thieren aus Mordtuft das Leben genommen? Oder bekommt der 861106116t durch das Schlachten ein schlechteres Herz. gegen seinen. Nebenmenschen? — Ich glaube dieses in der Regel mit einem Nein beantworten zu dürfen. Es steht daher der 861106116t als Mensch nicht tiefer denn der Cantor. Das Schächteramt hindert Keinen, die vollsten Herzens - töne anschlagen zu können, denn in dem Augenblicke, wo man vor den Betaltar tritt, muß man auch die Fähigkeit besitzen, jeden anderen Gedanken fallen zu lassen, um dem ״Da 1if116 mi ato omed“ Rechnung zu tragen; ferner muß man au ch als kunstgerecht geschulter Sänger es verstehen, die innere Wärme und den Sinn für alles Große, Schöne und Erhab ene dem zu singenden Tone, als Leben vom eigenen Leben, ein- Zuhauchen; kein Amt wahrlich ist im Stande, diese Herzenssaite zu sprengen, nein, ganz unbeeinflußt muß und wird die Innigkeit in den Ton dringen, wenn wahres Gesangstemperament vorhanden ist und wenn sonst Gemüth, Körper und Stimme gesund sind; denn Herzens- und Gemüthsbildung hängt nicht vom Amte, das man bekleidet, sondern von Erziehung und Bildungsgrad des Individuums ab. Selbst das Selrehita־®eit! zu nehmen, ist keine Errriedrigung für den Schächter, denn es ist dieses eine fixe Gebühr, die zu fordern er das Recht hat. Es verhält sich damit, wie etwa mit einem reichen Brücken- oder Mauthpächter, der seine Kreuzer nimmt; wird es darob Jemand in den Sinn kommen, einem Solchen, wenn er sonst ein ehrenwerther Mann ist, die ihm gebührende Achtung vorzuenthalten? Es wäre wohl schön, wenn die Gemeinden das Seh’chita־־ Geld eincassierten und es als Gehaltszulage dem Sehoehet gäben, aber woher wäre denn dann dem Cantor der Schaden - ersatz zu beschaffen, wenn er nicht Sehoehet sein will? Werden die. Gemeindemitglieder dazu einverstanden sein, größere Beiträge zu leisten, weil der Cantor sich zu hoch dünkt, das Schächteramt zu versehen? Oder sollte der ohnedies schlecht bezahlte Cantor auf einen Ersatz oder gar auf einen solchen Posten verzichten? Noch ein Wort gegen das gezwungene Nimbushervorzaubern. Nicht schmeicheln und nicht kriechen, nicht anmaßend sein und nicht Unbill mit gekrümmtem Rücken ertragen; mit männlichem Selbstbewußtsein auf das Entschiedenste jedes Unrecht würdig zurückweisen, streng jede eingegangene Verpflichtung erfüllen und dadurch sich die Achtung des Einzelnen erringen, das ist der Nimbus, der Jeden von uns umgeben soll. Was jedoch von Ornat gesprochen wurde, beruht lediglich auf Schönheits- und L^rdnungssinn, es kann aber diese Aeußerlichkeit dem Cantor nie zum Ansehen in seiner Gemeinde verhelfen. Ein Grund, der mir stichhältiger erscheint für die Nicht- Vereinigung der beiden Aemter ist der, daß ber Selioeliet gar oft und namentlich vor hohen Festen sich dem Blutgestank, dem Luftzuge, dem Wind und Wetter aussetzen muß und die in Folge dessen öfter auftretenden Catarrhe seine Stimme schädigen. Dieser Punkt wäre wohl von. Se ite der Gemeinden einer Würdigung werth und die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß aus sanitären Ursachen die 86h06116t-Cantorstellen, wo cs nur irgend thunlich, getrennt werden, wofern der Cantorenverein vermittelnd in den Weg tritt. Nichts für ungut, geehrter Herr Collega, wenn ich dieses Mal Ihre Meinung nicht theilte und seien Sie freundlichst gegrüßt von Ihrem ergebenen .. Mvriz W.al!erst ein.. Prag, 18. Juli 1882. * Hochgeehrter Herr Redacteur! Es wären überflüssige Worte des Lobes und der Anerkennung, um die vielfachen Verdienste hervorzuheben, welche Sie sich im Vereine mit den übrigen Persönlichkeiten und Collegen, die, durchdrungen von der Wichtigkeit und der Gottbegeisterung unseres Berufes, ein Werk unternommen haben, dessen Beginnen unter unseren Standesgenossen nicht nur mit allgemeiner inniger Freude empfunden wurde, sondern wir hoffen auch, daß eine hohe und weise Regierung Ihr vereintes Bestreben und kluges Vorgehen anerkennen und die Stellung eines so wichtigen religiösen Berufsstandes berücksichtigen und demgemäß ihm auch die gebührende achtbare Stellung im Staate und bürgerlichen Leben nicht versagen wird. Dieses hoffen wir Alle! Sie, Herr Redacteur, werden gewiß denkend fragen: Wozu diese Vorausschickung in einer allgemein anerkannten und längst gewürdigten Angelegenheit? Ein Gedanke, der mich unaufhörlich beschäftigt und gewisse Zweifel in mir wachruft, drückt mir die Feder in die Hand, um Sie und nöthigenfalls ein löbliches Comite um Aufklärung zu ersuchen. Die Intentionen des Cantorenvereines sind doch von den edelsten humanistischen Zwecken und gipfeln in dem Gedanken, Amtsbrüdern und Collegen, die ihr ganzes Leben, ihre Kraft — wie der Herr Präsident G o l d st e i n in seinem bewährten Artikel: ״Die Stellung des Cantors" richtig bemerkt — diesem edlen Berufe geweiht, eine Stütze und einen Rettungsanker im Alter und Bewahrung vor Noth und Elend, zu bieten. Zwar spricht Artikel 3 der Statuten den, wenn milde gesagt, harten Ge-