Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 26 (21.7.1882)
- Date
- 1882-07-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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tleöer Wissen und Glauben. (Fortsetzung.) Was im Mittelalter so eng verbunden schien, das schied sich nach der Reformation in den Gegensatz des Natürlichen und des Uebernatürlichen, der Philosophie und der Theologie. Die Reformatoren hatten diese Scheidung nicht gewollt. Luther sprach noch von der Vernunft als von einer ärmlichen Nachtlampe, der Glaube war ihm die Alles erhaltende Sonne. Aber der freie Gedanke ließ sich nicht mehr in die kirchliche Clausur zurückscheuchen. Der Adler hatte die Kraft seiner Schwingen erprobt und schwebte siegreich über den zerfallenden Burgen des Glaubens. Die Priester des Glaubens schämten sich jetzt ihres Berufes und wollten nur noch als Priester der Vernunft mit der Fackel der Aufklärung ihre Gemeinden erleuchten. Jetzt schien das Räthsel zum zweiten Male gelöst. Von Berlin aus wurde am Anfänge dieses Jahrhunderts durch den Mund eines Philosophen verkündet, der Glaube enthalte in der niederen Form der Vorstellung, was durch das Wissen aufgehoben -wurde auf der höheren Stufe des Begriffes, der vorstellende Glaube ist der Masse des Volkes unentbehrlich, aber die reinen Denker lösen die harte Glaubensschale auf und dringen hindurch zum innersten Kern des absoluten Geistes. Der Wissende steht auf der Höhe, er ist der Mündige und Geistesreife Das Wissen ist jetzt Mutter und der Glaube das Kind geworden. Der Glaube dient und die Wissenschaft herrscht. Die Priester des Glaubens sollen selbst Wissende sein, aber mit ihren geistig unmündigen Gemeinden die Sprache der Vorstellung reden und so die geistige Kluft, die sie von dem Volke trennt, über« brücken durch die Phrase der bilderreichen Rhetorik, welcher freilich die innere Wahrheit und Lauterkeit fehlen. Das ist das umgekehrte Mittelalter, dort die Autorität des Glaubens, unter welcher der denkende Geist sich beugen muß, hier die Autorität des Wissens, welcher der Glaube sich unterzuordnen hat. Aber auch hier keine wirkliche Einigung von Wissen und Glauben, auch hier nur ein künstliches Machwerk.׳ Jnsbesonders zwei hochbegabte Männer unseres Jahrhunderts hatten den Beruf, das falsche Bündniß, welches die moderne Philosophie mit dem Glauben abgeschlossen, aufzulösen, der Eine, indem er den Glauben von dem Wissen, der Andere, indem er das Wissen von dem Glauben emancipirte. Schleiermacher war der Erste, der den Glauben von den Anmaßungen des Wissens befreite. Die Orthodoxie hatte den Glauben in ein System von Lehrformeln eingeschachtelt. Die Erkenntniß dessen, was Religion sei, war verloren gegangen; da veröffentlichte Sch leier mach er seine Reden über die Religion. Mit überwältigender Beredsamkeit zeigte er ihnen, daß sie weder ein Wissen, noch ein Thun sei, sondern Anschauung und Gefühl des Unendlichen. Der innerste Kern seiner Anschauung war: die Unabhängigkeitserklärung des Glaubens von allen überlieferten Lehrsätzen und Geboten der Philosophie wie der Theologie. Der Glaube ist nicht etwas was man überliefern, auswendig lernen, aufbewahren kann sondern eigene, persönliche Erfahrung, demüthiges Abhängigkeitsgefühl von dem Unendlichen, das in uns lebt und in dem wir das Universum anschauen. Ein gleichfalls unvergleichliches Verdienst hat sich in entgegengesetzter Richtung Dr. Fr. Straüß erworben; er hat das Wissen von den beengenden Einflüssen und Bedrückungen des Glaubens befreit. Sein ״Leben Jesu" ist eine wahrhaft freie wissenschaftliche Auffassung und Bearbeitung dieses Lebens Er war unter allen Umständen in seiner vollen Befugniß, wenn er für die Bearbeitung der Geschichte Jesu dieselbe wissenschaftliche Freiheit forderte, wie für die Bearbeitung jeder anderen Geschichte. Schleiermacher und Strauß, Beide haben durch ihr eigenes Beispiel gezeigt, daß der Natur der Sache nach der Glaube nicht ohne das Wissen, das Wissen nicht ohne den Glauben existiren kann. Schlei er mach er selbst hat seinen Glauben durch einen festen Unterbau wissenschaftlicher Lehrsätze begründet.— Und Dr. Strauß, der angebliche Zerstörer des Glaubens, hat wohl in das morsch gewordene Gebäude des alten Glaubens die Brandfackel geschleudert, aber nur, um einen neuen Glauben zu empfehlen, den ״Glauben au die Verkettung der Ursacher der Welt", welche den großen Mechanismus des Alls einstweilen zusammenhält. Also ׳ Wissen und Glauben, beide zur Selbstständigkeit und Freiheit von einander berufen, aber auch beide durch innere Nothwendigkeit auf einander angewiesen, und wenn sie sich geflohen, doch wieder sich suchend! Betrachten wir tn gedrängter Kürze sowohl das Wissen als den Glauben für sich, um Einsicht in das freie, aber doch nothwendige Verhältniß beider zu einander zu gewinnen und den Frieden zwischen beiden zu suchen, dessen unsere Zeit so dringend bedarf. Wissen — ein stolzes Wort, das unwillkürlich unsere Brust schwellt — es ist die Fackel, welche die Welt, die sonst ein wüstes Chaos wäre, bis in ihre verborgensten Schlupfwinkel erhellt, durch welche sich der Mensch zum Herrn der Schöpfung erhebt. Wissen ist noch mehr als Macht, es ist Licht; es ist .Leben; wo die Kräfte der Vernunft nicht arbeiten, da ist Finsterniß und. Tod. Erst im Spiegel des denkenden Bewußtseins werden die Erscheinungen dieser Welt unser Eigenthum. (Fortsetzung folgt.) Andeutungen;um Gesangsunterricht. Bon Alois Kulka. (Fortsetzung-) Nach diesem kann der Lehrer ihn schon diese Tonleiter in verschiedenem Zeitmaße versuchen lassen. Anfangs in ganzen, dann Halb-, Viertel-, Achtelrc. Tönen. Bei dem Absingen der Scala in ganzen und halben Tönen .übe er seine Schüler im 6r6866uä0 und V66r6866nä0 (Zu- und Abnehmen) des Tones- Bei dieser Gelegenheit ist zu bemerken, daß man den Sänger anweise, einen gezogenen Ton so lange auszuhalten, als noch Athem in der Brust ist, wodurch er schon einen Wink bekommt, mit demselben gehörig haüszuhalten, denn der Anfänger glaubt mit seinem Athem schon zu Ende zu sein, wenn er noch Vorrath für einen öder mehrere Töne in der Brust hat. Hier ist die Gelegenheit, den Schüler auf seine Stimmmittel aufmerksam zu machen, d. h. ihn zum Bewußtsein seiner Sangeskraft und zur Erkenntniß seiner natürlichen Stimmmängel zu bringen. Er lerne die Brust- und Kopfstimme gehörig verbinden. Der Lehrer eifere ihn an, die Töne in der Gegend des Stimmbruches zu singen, so daß er durch Uebung eine Fertigkeit erlangt, die äußersten Brust- und Kopftöne abwechselnd vorzubringen. Man lehre den Schüler, die Intervalle (Zwischenräume) richtig zu treffen und in getragenen, abgestoßenen Tönen und richtigem kortaiueuto (Tragen der Stimme) zu singen, ohne das .träge und weinerliche Hinab- und Hinausschleifen in die be-