Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 25 (13.7.1882)
- Date
- 1882-07-13
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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28. Juni in Ihrer Gratulationsadresse ausgedrückten Glückwünsche spreche ich Ihnen meinen aufrichtigen Dank aus; möge der Allmächtige baldmöglichst in Erfüllung gehen lassen Ihren Wunsch, daß Ihre Glaubensgenossen in unserem, Vaterlande durch die Pflege und Ausübung von Recht, Gerechtigkeit und Menschenliebe.allgemeine Achtung, friedliches Leben und vollständige Wohlfahrt unbestritten finden mögen. Gran, 5. Juli 1882. I o h a n n S i m o r, Fürstprimas."' Die Cireularverordnurrg -es ungar. Ministers -es Inneren. Der ungar. Minister des Innern hat betreffs Hintanhaltung etwaiger gegen die Juden gerichteter Ausschreitungen an sämmtliche Jurisdictionen folgende Verordnung, die wir im Auszuge mittheilen, erlassen. Die Verordnung weist daMuf hin, daß man möglicherweise die unwahren NachrichtenUr beabsichtigten Niederlassung russischer Juden auf ungarischem Boden, wie auch den in Folge des Verschwindens der Esther Solymosi gegen die Juden aufgetauchten Verdacht zur Anfachung" des Racenhasses gegen die Juden und zur Störung der Ordnung und der Sicherheit benützen könnte. Der Minister rechnet wohl darauf, daß solche Hetzereien bei uns keinen fruchtbaren Boden finden werden, dennoch hält er es sowohl für seine patriotische als auch für seine. amtliche Pflicht, die Aufmerksamkeit der Jurisdictronen auf diese Eventualität hiuzulenken, denn er hielte es für unstatthaft, daß auf ungarischem Boden, wo Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu unserem gemeinsamen Glück blühen, durch den bösen Willen Einzelner diesen Principien widersprechende Jndicien Vorkommen sollen. Der Minister fordert daher die Jurisdictionen auf, Vorsorge Zu treffen, daß solche Versuche vereitelt werden sollen; besonders werden die städtischen und Gemeindevorstehungen angewiesen, solche Untriebe auf's Energischeste zu verhindern und vorkommenden Falles der Verwaltungsbehörde ohne Verzug Meldung zu erstatten. Der Minister hofft, daß die gesetzliche Ordnung, die Sicherheit der Personen und des Eigenthums und die Ruhe der Bürger ohne Elasten- und Confessionsunterschied gewahrt bleiben und daher ein neuer Beweis dafür erbracht werden wird^ daß^auf nngarischem Boden die Ordnung und der Friede, vollkommen gesichert sind. Aus Sü-rutzlanwerden die Gerichtsverhandlungen gegen einzelne Anstifter von Judenhetzen gemeldet. Die Urthcile sind sehr milde. Der ״Odeßköja Wedomosti" zufolge har die Section des Odessaer Bezirksgerichtes in Tiraspol drei junge Kleinbürger von Dubossary, welche am 31. März 6. gelegentlich der Judenexcesse in Dubossary einen Juden tödtlich, einen anderen schwer verwundet hatten, zur Entziehung der Standesrechte und Verschickung zur Zwangsarbeit verurtheilt. Nach einer Meldung des ״Golos" aus Balta hat daselbst am 27. v. M. vor einer Abtheilung des Kamenetz'schen Bezirksgerichts die Proceßverhandlung wegen der in Balta gegen die Juden begangenen Excesse stattgefunden. Von d^n Angeklagten sind sechs verurtheilt worden, darunter einer wegen tödtlicher Verwundung zu 33monatlicher Einstellung in eine Arrestantencompagnie, ein zweiter wegen Nothzucht zu vierjähriger Zwangsarbeit. Constuntinopel, 28. Juni. Wie der Agent Cazalet versichert, wird das Decret über die jüdische Colonisation in der Türkei demnächst veröffentlicht werden. Besitzungen in den Vilajets Adana, Messopotamien und Aleppo sollen jüdischen Familien, die ottomanische Bürger werden wollen, umsonst gegeben werden und sechs Jahre abgabenfrei sein. Keine Ansiedelung darf aus mehr als 200 Personen bestehen. Für die russischen Emigranten. Aus Anlaß der russischen Judenverfolgungen hat Victor Hugo folgenden neuen Aufruf erlassen: ״Die Stunde ist entscheidend. Die Religionen, welche im Sterben liegen, greifen zu den äußersten Mitteln. Was sich in diesem Augenblicke vor unseren Augen aufrichtet, ist nicht mehr Verbrechen, sondern Ungeheuerlichkeit. Ein Volk wird ^Ungeheuer. Entsetzliche Erscheinung! Es ist, als ob der Vorhang zerrisse und man eine Stimme sagen hörte: Menschheit, schau her und blicke! Zwei Lösungen liegen vor dir. Auf der einen Seite rückt der Mensch langsamen und sicheren Schrittes nachdem immer lichtvolleren Horizonte vor, der Mensch hält das Kind an der Hand; der״ Mensch schreitet, das Haupt voll Klarheit; das Kind schreitet, das Haupt voll Hoffnung; die Arbeit verrichtet ihr großes- Werk; die Wissenschaft sucht Gott, der Gedanke .sieht ihn; Gott Wahrheit, Gott Gerechtigkeit, Gott Gewissen, Gott Liebe; der Mensch zieht ihn in die irdischen Dinge herein; Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit; Gott suchen ist die Philosophie, Gott sehen ist die Religion; nichts mehr, keine Märchen, keine Träume, keine Dogmen; alle Völker sind Brüder; die Grenzen verschwinden; der Mensch gewahrt, daß die Erde noch gar nicht besessen worden ist; die Kriege, immer seltener geworden, haben nur noch einen Grund und Zweck, die Civilisation; jeder .Schlag des menschlichen Herzens bedeutet Fortschritt. Auf der anderen Seite weicht der Mensch zurück; der Horizont ist immer finsterer; die Volksmengen gehen und tasten im Dunkeln; die alten Religionen, von ihren zweitausend Jahren erdrückt, haben , nur noch ihre Märchen, ehemals Täuschung, des Menschen in der Kindheit, heute Mißachtung des reifen Mannes, ehemals von der Unwissenheit angenommen, heute von der Wissenschaft.verleugnet, dem hartnäckigen Gläubigen^ der die Augen geschlossen und die Ohren verstopft hat, keine andere Zuflucht lassend,׳ als das abscheulicheCredo quia absurdum; die Jrrthümer fressen einander auf, das Christenthum martert das Judenthum; dreißig Städte (nach Anderen fiebenundzwanzig) sind in . diesem Augenblicke die Beute der Plünderung und Ausrottung; was in Rußland vorgeht, erregt Entsetzen; ein ungeheures Verbrechen wird dort begangen; oder vielmehr, eine Action geht vor sich, denn die ausrottenden Bevölkerungen sind sich nicht, einmal des Verbrechens bewußt; das ist ihnen zu hoch; ihre Bekenntnisse haben sie in die Bestialität herabgedrückt; sie haben die furchtbare Unschuld der Tiger; die alten Jahrhunderte stürzen sich auf das neunzehnte und suchen es zu ersticken; die Entmannung des Mannes, die Schändung des Weibes, die Verbrennung des Kindes, das ist die Streichung der Zukunft; die Vergangenheit will nicht sterben; sie bält die Menschheit fest; der Lebensfaden liegt in diesen gespenstigen Fingern. Auf der ciucn Seite das Volk, auf der anderen die Menge. Auf der einen Seitedas Licht, auf der anderen die Finsterniß. Wähle!" Vict or Hugo.: Wereinsnachrichten. Gründungsbeiträge wurden bis jetzt eingesendet und voyr Cassier des Vereines, College» Fischer, in Verwahrung genommen von den College«: I. Goldstern, Wien; I. Singer, Wien; I. Baner> Wien; M. Blatt, Wien; A. Kulka, Wien; L. Stern/ Wien; S. S i n g e r, Wien; M. P a P o, Wien;-Weis, Ung.- Brod;Bau m, Lobositz; A. N o t t e r, Turnau; A. F r e i s i n g e r r Pilsen; Beinkeles, Franenberg; Löwinger, Priwitz; Unschuld, Werschetz; W. S tein, Postelberg; Meifel, Gansern-! dorf; Kluger, G.-St. Miklosz; A. Löwy, Wallisgrün; Schlesinger, Hernals; H. Goldstein, Fünfhans; Grün׳ Wald, Döbling; Hi r s ch, Wien;Fleck, Wien; Koch, Königs aal; B a ch r a ch, Olmütz;Haas, Lipto-St. Miklosz; M.K u l k a, Kolin; Herstein, Gorbö; Duldner, Szentes; Singer, Neubitfchof; Popper, Eger; Lederer, Eger; Nofenfeld, Ungereiden; Rosenberger, Komotau; D. Kohu, Nakonitz; Nofenfeld,. Pisek; Schlesinger, Essegg; I. Blau, Esfegg; L. Kraus,- Essegg; Lamm, Pohrlitz; Friedmann, Pivnica; Teltfch, Klosterneuburg; Blum, Schlau; Lemberger, Kuttenplan; Krämer, Freudenthal; Beutler, Anscha; L. Weis, Simontoruy; H. Gold ft ein. Reichenberg; I. Schönfeld, Tyrnau; L. Winterberg, Aussig: Reiser, Neuern; S. Löw, Jglau;' K r i e n e r,G algocz; N e u m a n «,Hollabrunn;Weis, Tobitschau; Goldstein, Fünfkirchcu; Grünberger, Preran; Herz^. Prerau; Nußbaum,. Hollefchau. (Forts ktzung folgt.) .. ׳ > Wegen Raummangel folgt die Fortsetzung der ״Andentungen zum Gesangsunterrichte" in nächster Nummer.