Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 25 (13.7.1882)
- Date
- 1882-07-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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׳während ein Zuhörer, der für musikalische Schönheit Sinn hat, geradezu beleidigt wird. Es ist besser, einem Gebildeten zu Dank singen, als vielen weniger Verständigen. Man hört auch nur zu häufig Sänger durch Erweiterung der Kehle, besonders in der oberen Mittellage, Töne producireu, welche allerdings stark erscheinen, jedoch nichts weniger als schön klingen und leider werden diese Töne nicht nur hie und Da, sondern in zu häufiger Reihenfolge angewendet. Dies ist auch die Ursache, warum leider nur zu Viele bereits mit dem vierzigsten Jahre und oft noch früher keine Stimme mehr haben, die Töne nicht mehr verbanden können und daher stoßweise wie blöckend singen. Es ist nicht gleichgiltig, wohin man den Ton richtet. Der Cantor hat nur selten Gelegenheit, gegen das Publicum in den Raum zu singen, muß daher um so mehr auf diesen Umstand bedacht sein. Man singt am besten gegen einen harten Gegenstand und mehr nach Oben. Wir haben dies oft genug bei guten Sängern, besonders bei Sulz er, beobachtet und waren selbst oft genöthigt, in den verschiedenen Localen das Plätzchen zu suchen, welches den Ton am besten reflectirt. Wir haben in unserem einleitenden Briefe über die menschliche Stimme und deren Anwendung versprochen über diesen Gegenstand die wichtigsten Andeutungen zu geben und glauben nun, unser Versprechen eingelöst zu haben, schließen daher mit diesem Cyclus. Für die vielen freundlichen Anerkennungen herzlich dankend, versprechen wir, noch manches musikalische Thema zu behandeln, auch . behalten wir uns vor, , über die menschliche Stimme und deren Anwendung in einem größeren Werke Aussührlichereszu bringen. Aeber Missen und Glauben. Der Vergangenheit Erinnerung stets unverkümmert wahren im wechselnden Kreislauf der Zeiten, das ist eine hehre, aber auch eine schwere Aufgabe. Es ist bekannt, daß im menschlichen Herzen zwei Gewalten mit einander um die Herrschaft ringen und streiten, ohne daß je eine den Sieg über die an dere davongetragen. Diese zwei Gewalten sind: die Liebe für Veränderung und die Anhänglichkeit am Alten und Gewohnten. Es gibt keine größere Macht, als die der Gewohnheit, aber auch keinen größeren Reiz, als den der Neuheit. Die Philosophen haben sich von jeher mit der Lösung dieses Widerspruches abgemüht und das Ende all' ihrer Anstrengungen war die Einsicht, daß eben dieser Widerspruch das Resultat, das Element des menschlichen Seelenlebens sei. Leben heißt ׳ das Neue begehren, am Alten hangen, die Veränderung lieben: an der Gewohnheit sesthalten. Ohne Wechsel der Eindrücke gleichen wir am Ende dem todten Stein, ohne Liebe zur gewohnten Empfindung würde der stete Wechsel uns aufreiben. Die zwei entgegengesetzten Stimmungen sind in der Seele Das, was in der Natur die Anziehungs- und Abstoßungskräfte sind, daß beide Gewalten einander das Gleichgewicht halten, ist zum Leben erforderlich. Der nie auszugleichende Kampf zwischen der Kraft der Erhaltung und der Macht der Neubildung ist die Bedeutung und die Würze des Lebens. Trotz der Liebe zur gewohnten Empfindung stirbt manches Alte in uns aus, wenn das Alte nämlich keine neuen Empfindungen in uns erregen und Hervorrufen kann. Trotz der Liebe zum Neuen hängen wir am Alten, wenn das Alte bildungs- und verjüngungsfähig ist und sich mit neuen Empfindungen und neuen Eindrücken verschmelzen kann. — Denn nur so lange ist das Wahren ein Erhalten, als wir uns bewußt bleiben der Ursachen und des Zweckes der.Erinnerung. Dagegen wird nutzlos, matt und tobt, eine Last und Bürde, das Gedenken, so die Form allein geblieben und der Geist entflohen ist. Ebenso verhält es sich in Beziehung des Glaubens und des Wissens. Soll das Wissen sich der Autorität des Glaubens, soll der Glauben sich der Autorität des Wissens unterwerfen? Das ist die Grundfrage, die immer wieder von Zeit zu Zeit die denkenden Geister und die frommen Gemüther im Innersten aufregt, zumal unsere Zeit, die Zeit des modernen Culturkampfes genannt wird. Zweimal schien das Rüthsel gelöst. Der mittelalterlichen Scholastik galt der Glaube als die Mutter des Wissens, mit dem unzerreißbaren Faden der Pietät und Gewohnheit blieb das Kind an die Mutter gefesselt. Der Gedanke, die Wissenschaft von der Kirche zu befreien, erschien als ein Frevel, ein Verbrechen, das Zorngericht des Himmels, wie das Strafgericht der Obrigkeit drohte Jedem, der mit den Ergebnissen seines Wissens, die von den Wächtern des Glaubens gezogenen Schranken zu durchbrechen kühn genug war. Jahrhunderte lang beugte sich der denkende Geist unter das Joch des überlieferten Glaubens, das Wissen gab dem Glauben die Form, der Glauben dem Wissen den Inhalt, aber die Einigung war ein künstliches Machwerk. So wie die Vernunft erkannte, daß sie einen eigenthümlichen Inhalt habe, so riß . sie sich von der Vormundschaft der Mutter los, so stellte sie sich auf ihre eigenen Füße und ging ihre eigenen Wege. (Fortsetzung folgt.) Hriginat-Korrespondenzen. G olt sch-Jenikau, 9. Juli 1882. Meine Collegcn im Vereine möchte ich mit meinem Kanarienvogel vergleichen. Er versucht und es gelingt ihm, das nur halb geschlossene Thürchen seines Käfigs zu öffnen und mit schmetternder Stimme verkündet er seine Freiheit, gibt seinen Uebermuth in ausgelassener Lustigkeit zu erkennen, möchte gerne alle schönen, hohen Stellen im geschlossenen Zimmer zugleich einnehmen und vergißt, daß dieses Zimmer nur ein großer Käfig ihm ist, daß. ich diese Freiheit nur dulde, insolange er im geschlossenen Zimmer umherflattert; so er sich aber der Thür oder dem Fenster nähert, beraube ich ihn der vermeintlichen Freiheit und zurück muß er in seinen Käfig, dessen Thürchen ich nun vorsichtiger schließe. Der Cantorenverein will den Cantorenstand zu heben, die Rechtsverhältnisse zu regeln suchen. Das ist recht — das wollen wir erreichen! Wird es uns gelingen? — Ja! — Vielleicht sogar sehr leicht! Aber wie? — Durch welche Mittel? — Nur und einzig nur Hand in Hand mit den Gemeinden! —Bedenken wir doch, was diese sind. — Privatunternehmungen, denen sich nichts aufzwingen läßt, von denen man aber, viel erreichen kann, wenn man sich ihnen innig anfchließt, sich ihnen nähert, wie man sich einem Vater nähert, von dem man etwas erbitten will Gewalt bezweckt hier nichts — nichts — gar nichts..