Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 25 (13.7.1882)
- Date
- 1882-07-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Musikbrieso. Bon Obercantor Hermann Goldstein. Neber die menschliche Stimme und deren Anwendung. (Schluß.) Jemand, der den Ton richtig anznschlagen versteht und beim Singen sehr verständlich sprechen kann, hat in der Gesangskunst schon eine bedeutende Stufe erklommen. ׳״Richtig gesprochen ist halb gesungen", lautet schon ein Sprichwort der ältesten und berühmtesten Sänger. Wir sind nicht geneigt, es zu befürworten, daß Sänger, welche sich mit dieser Kunst bereits ihr Brod verdienen, an ihrer Stimme zu viel herumexperimentiren, weil zu einer anstrengenden und umwälzenden Tonbildung erstens größere Ruhepausen oft nothwendig sind, weil ein Sänger, welcher eine ganz neue Art der Tonerzeugung gelernt hat, gewöhnlich diese noch nicht ganz gut, seine frühere Methode jedoch nicht mehr recht anwenden kann, daher weder einen fließenden Gesang, noch einen vollkommen sicheren Einsatz durch längere Zeit hervorzubringen vermag; später kommt allerdings Alles wieder in das rechte Geleise. Wer jedo ch als. ausübender Sänger genau Acht gibt, wie licht oder dunkel der Ton in dieser oder jener Lage genommen werden soll und wer unsere Andeutungen zur Aneignung einer guten Aussprache genau beobachtet, muß in kurzer Zeit ein wesentlich besserer Sänger werden. Die Ausbildung des Tones und der Sprache sind jedoch noch lange nicht genügend, wir kommen daher nun zu weiteren wichtigen Lehren, vor Allem zur Schule des Gehörs. Das Gehör muß erstens dahin ausgebildet werden, daß der Smiger nicht nur einen höheren von, ,einem lieferen Ton unterscheiden, sondern den Ton auch mit Rücksicht auf dessen Schwingungszahl richtig singen kann. Obwohl Mancher, trotz des guten Gehörs, oft zu hoch oder zu tief singt, wenn er-den Tun unrichtig anschlägt, so ist es bei einem solchen sowohl, wie bei einem, dessen Gehör weniger gebildet ist, nothwendig, rationelle Studien zu machen. Erstcrer wird, wenn er sein Gehör neuerdings jchärft, sich von selbst Mühe geben, einen besseren Ton zu produciren, Letzterer hat geradezu die Pflicht, eine Lücke seines Könnens auszufüllen. Das beste Mittel nun, das Gehör auszubilden, ist die Erlernung eines Instrumentes, bei welchem man die richtige Stimmung selbst machen muß, also nicht das Clavier rc. Das beste Instrument für diese Zwecke ist die leicht Handzuhabende, vielsaitige Zither; wer diese auch nur gut zu stimmen versteht, was man durch Carl Umlaufes Schule zum Selbstunterrichte unschwer lernen kann, wird sein Gehör baldigst derart bilden, daß er nicht nur sofort erkennt, ob er richtig intonirt oder nicht, er wird auch sofort erkennen, ob und wie ein Clavier z. B. verstimmt ist. Allein nicht nur die Genauigkeit eines Tones in Bezug aus seine Schwingungszahl muß der Sänger ermessen können, er muß auch die Verhältnisse der Töne zu einander, die Intervalle gut im Gedächtnisse haben; kommt noch die Fertigkeit hinzu, die Töne und die Pausen nach dem Zeitmaße richtig angeben zu können, so ist der Sänger ein Notenleser, ein Treffer. Notenlesen zu lernen erfordert Geduld und längere Uebung, man kommt jedoch schneller zum Ziele, wenn man sich die betreffenden Accorde zu merken bestrebt und wenn man immer weiß, in welcher Tonart man sich befindet. In einem späteren Briefe gedenken wir über den Chorgesang das Wichtigste zu besprechen und bei dieser Gelegenheit die schnell zum Treffen bringende schwedische Ziffernmethode zu beschreiben. Nothwendig ist auch die Schule des Gedächtnisses, denn ein Musikstück kann nur dann gut vorgetragen werden, wenn es auswendig gebracht wird. Zu diesem Behuse sind besonders die Uebergänge, welche die einzelnen Sätze vermitteln, gut in das Gedächtniß einzuprägen. Wir haben in früheren Briefen die Art und Weise angegeben, wie die einzelnen Ersatzreihen mit einander in Verbindung gebracht werden, dies hat sich jedoch mehr auf die Tonerzeugung bezogen; es ist jedoch'auch nothwendig, daß der Sänger seine Stimme für den Vortrag schult und können zu diesem Zwecke die Etüden des Rossini, des Bellini (für .Tenoristen), des Concone, des Friedrich S.chmitt, der Marchesi und Anderer empfohlen werden. Nur müssen die Etüden für den speciellen Fall sorg^ sältig gewählt werden. Von der größten Wichtigkeit beim Gesänge ist die Betonung sowohl in Beziehung auf den Tacttheil als aus die Stellung des Tones im Accord. In einem Tacte haben einzelne Theile ein größeres, andere ein geringeres Gewicht, einzelne werden mehr, andere weniger accentuirt hervorgehoben. Man nennt den accentzürten Theil die gute oder schwere Zeit (Thesis, Niederschlag), den unacc entuirten Theil dagegen die schlechte oder Leichte Zeit (Arsis, Aufschlag). Diese Art der Betonung beruht aus mathematischer Grundlage, das Gewicht wird nämlich unter die Tacttheile und Glieder nach geometrischen Verhältnissen bestimmt. Es wird jedes Mal der erste Tacttheil accentuirt und das Gewicht der übrigen Tacttheile nach diesen normirt. Erhält z. B. im Zweivierteltaete der erste Tacttheil das ganze Gewicht, so kommt auf den zweiten nur die Hälfte. Jedoch nicht nur in Beziehung auf den Tacttheil, sondern auch in Bezug der Stellung der Note im Accord wird dieselbe accentuirt; so werden in der Scala der Grundton, die Terz, die Quint, die Septime und die Octave mehr betont, als die dazwischenliegenden Töne. Beim Hinaussingen crescentirt, beim Herabsingen decrescentirt man. Der richtige Musiker hat durch die Uebung das Gefühl erlangt, die einzelnen Tacttheile sowohl wie die einzelnen Töne richtig zu bewerthen, ohne bei einem einzelnen Falle erst Nachdenken zu müssen. Es ist ebenso geboten, den musikalischen Sätzen die gehörige Aufmerksamkeit zu widmen, man wird daher die Hauptsätze anders bewerthen, als die Zwischensätze, man wird den Uebergängen besonders ein anderes Tempo geben, als einem allenfalls darauf folgenden Allegro. Ueberhaupt ist die richtige Oeconomie im Gesänge ein .oberster Grundsatz der Schönheit; man darf nicht fortwährend loslegen, nicht fortwährend säuseln; man darf nicht auf einen stark gesungenen Ton plötzlich piano, oder gar ein Mni88imo folgen lassen. Viele Sänger haben die Unart, auf eine sehr stark gesungene Phrase eine sehr schwache, säuselnde unmittelbar folgen zu lassen, um den Beifall eines naiven Publicums zn erringen.