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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-07-13 · Heft 25 (13.7.1882) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 25 (13.7.1882)
Date
1882-07-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Und darum gehören nun auch jene Männer in den Gemeinden, die noch ein Herz für die Interessen des Judenthums besitzen, zumeist der armen und einflußlosen Classe der Gemeindemitglieder an. Und setzen diese Männer die Rücksichten der Klugheit hintan, die sie veranlassen könnten, mit ihren Ideen völlig Hinterem Berge zu halten, um nicht unnöthig den Ingrimm der mächtigen, jüdischen Gemeindegroßen, von deren Wohlwollen sie vielleicht abhängig sind, auf sich zu laden;—wagen sie es doch, kühn und offen den Anschauungen und Maßregeln des löblichen Vorstandes entgegenzutreten, so können sie im Vorhinein mit unzweifelhafter Sicherheit dessen gewärtig sein, daß sie schroff und mit dem Ausdrucke der tiefsten Verachtung von der hochgemuthen und sich für allweise dünkenden, jüdisch en Gemeindegrandezza werden zurückgewiesen werden. Aber auch Derjenige in der Gemeinde, der durch seinen Beruf und seine Stellung dazu verpflichtet wäre, im Gemeinderathe, nicht minder aber auch von der Kanzel herab, offen und rückhaltslos die Schäden der religiösen Zustände seiner Gemeinde den Mitgliedern derselben darzutegen und Borschlüge zur Verbesserung zu machen, besitzt leider in den meisten Fällen nicht den moralischen Muth oder häufig auch nicht die Macht hiezu. Und auch der jüdische Cantor steht in den meisten jüdischen Gemeinden — und ich berühre hiermit einen der wundesten Punkte in den jüdischen Gemeindeverhältnissen der Gegenwart — in einem geradezu knechtischen und unterwürfigen Abhängigkeitsverhältnisse zum allmächtigen Vorsteherund seinen jüdischen Rathsherren. Und sollte er cs wagen, freimüthig die unsehl-, baren Anschauungen und Maßregeln der hochgemuthen Gemeindegrandezza — von der jeder Einzelne, wenn er auch oft nicht einmal den Pentateuch richtig zu lesen vermag, ein großer jüdischer Schriftgelehrter zu sein sich einbitdet — im Lichte der berechtigten Kritik der Gemeinde vorzuführen, er könnte dann dessen mehr als gewiß sein, daß Jene zum Danke hiefür unzweifelhaft seine Stellung in der Gemeinde derart zu unterwühlen bestrebt sein werden, daß es ihm hinfort ganz unmöglich werden würde, seine gottesdienstlichen Functionen in der Gemeinde sortzusetzen. Und, wenn man die Sache nicht blos vom idealen, sondern auch vom praktischen Standpunkte aus betrachtet, so kann man es schließlich unter solchen Ulttständen dem jüdischen Cantor nicht einmal so sehr verargen, wenn er, dessen heilige Pflicht es doch auch ist, für das materielle Fortkommen seiner Familie zu sorgen, — wenn auch vielleicht mit Trauer und Ingrimm im Herzen — seinen Vorsteher immer und. immer Wieder beipflichtet, um sich nicht eines schönen Tages brodlos mit seiner Familie vor die Thüre gesetzt zu sehen. Es fehlt also jede Controle über die Gemeindeverwaltung in den meisten unserer Gemeinden; der alte Schlendrian vererbt sich vom früheren auf den neuen Ausschuß fort und so steuern, wie gesagt, unsere Gemeinden dem unzweifelhaften Ruine entgegen. Doch auch da weiß wiederum nur die jüdische Presse Rath und Hilfe. Sie wäre die umsichtigste Controlführerin über alle Verhältnisse und Zustände in den jüdischen Gemeinden. ׳Denn wird der jüdische Gemeindevo rsta nd wissen, daß auf dem Wege der Veröffentlichung alle seine Amtshandlungen nicht nur unter d er j Controle seiner Gemeinde, sondern auch der des ganzen Judenthums stehen, er würde sich dann sicherlich wohl hüten, in seiner strafwürdigen Nachlässigkeit und Hintansetzung seiner Pflichten gegen das Judenthum fortzufahren. : Durch die jüdische Presse würde auf diese Weise ein ungemein lebhafter und früher kaum geahnter Gedankenaustäusch über alle jüdischen Gemeindeverhältnisse stattfinden; um die einzelnen jüdischen Gemeinderepubliken, die bisher völlig isolirt von einander wirkten, würde ein festes Band der Einigung geschlungen werden; sie würden sich gegenseitig gar manche Anregung zu nützlichen Maßregeln geben können. Kurz, es würde durch die jüdische Presse der Discussion über Angelegenheiten des Judenthums ein freies Feld eröffnet werden» Die jüdische Presse könnte dann um nur einige namentliche Fälle zur.Beleuchtung der eventuellen Bedeutung der jüdischen Presse für das jüdische Gemeindeleben hervorzuheben — z. B. bei den jüdischen Gemeindcwahlen dieselbe Rolle spielen, wie etwa die allgemeine Presse es bei den allgemeinen Wahlen thut. Sie könnte Candidaten aufstellen, dieselben begünstigen oder bekämpfen, je nachdem diese dessen I würdig sind. Sie könnte, wenn die Gewählten ihrer Pflichten uneingedenk sind, sie zur Pflichtersüllung ermahnen und frommte auch. dieses nicht, durch unablässige Bekämpfung sie dazu zwingen, ihre Stellen niederzulegen. Und wenn die allgemeine Presse, wie sattsam bekannt ist, die Macht besitzt, Staatsminister zu stürzen, so wird doch wohl auch die jüdische Presse im Stande sein, einen jüdischen Gemeindevorsteher oder einen jüdischen Gemeinderäth zu stürzen. Das jüdische Vereinswesen in der Gemeinde würde, durch , die jüdische Presse begünstigt, in ein früher kaum geahntes Stadium der Blüthe treten; und wo ein solches, rein jüdischen * Zwecken gewidmetes Vereinswesen noch mangelt, da ist wohl doch die jüdische Presse in erster Linie geeignet, hiezu die Grundsteine zu legen und bei der Errichtung des Baues mächtig beizu stehen. Die jüdische Presse könnte endlich, um diese Reihe zu schließen, einer der bedeutendsten Stützen des Judenthums, dem in unseren Tagen zum schweren Schaden des Judeuthunls so arg darniederliegendeu jüdischen Unterrichte, durch die rückhaltslose Aufdeckung der Schäden, die diesem׳ anhaften, zu neuer. Blüthe verhelfen. Wenn ich nun im Vorhergehenden gezeigt habe, wie die jüdische Presse vorzüglich im Stande wäre, durch 'die. Erweckung des Bewußtseins des Judenthums, durch die Bemerkstelligung der Solidarität unter uns Juden und endlich durch die Wiederbelebung des jüdischen Gemeindelebens gleichsam den Äußeren Bau des Judenthums neu zu errichten und auf eine feste und unerschütterliche Grundlage zu stellen, so will ich im Folgenden zu erweisen versuchen, wie die jüdische Presse auch im Stande wäre, diesem Gebäude des Jüdenthums jenen Geist einzuflößen, der die einzelnen Theile desselben fest zusammenhält. Die drei großen Elemente nun, aus denen der Geist des Judenthums besteht, sind: Das begeisternde Mort für's Judenthum, die Lehre des Judenthums und die Wissenschaft des Judenthums.

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