Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 24 (5.7.1882)
- Date
- 1882-07-05
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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׳ Der Engel des Todes hatte sein unauslöschliches Zeichen tief in das Gesicht dieses Mannes gegraben. Hell blickt sein Auge — forschend nach der Thür gewendet, während unverständliche Laute über seine Lippen kommen. Der Sterbende ist Gerson Levi, der seinen Freund Rabbi Moses Hirsch erwartet, den er rufen ließ. Da plötzlich richtet er sich in seinem Bette halb empor — er will sprechen — vergeblich strengt er sich an — kraftlos sinkt er endlich wieder in seine Kissen zurück. Ein schrecklicher Schmerz mußte im Innern dieses Mannes wüthen. Die an seinem Bette aufgestellte Wache glaubt, daß jetzt der große Moment endlich gekommen, in welchem der Leidende von seinen Schmerzen befreit würde und sich die Seele losringt aus ihrer irdischen Hülle. Schnell eilt der Mann aus dem Gemache und weckt die Nachbarschaft auf zum Gebete. Bald hatte sich das Sterbeziminer tnit Leuten gefüllt. Auch der Rabbi Moses Hirsch war jetzt in's Zimmer getreten, dem Sterbenden seine Hand zum Gruße reichend. ״Zieh' hin in Frieden! Gott ja ruft Dich hin!" begannen nun die Versammelten zu beten. Das Gesicht des Sterbenden verklärte sich — noch einmal versucht er zu sprechen — und es gelingt. ״Rabbi!" sagte er mit schwer verständlicher Stimme — ״ich — will allein — Euch sprechen, ohne Zeugen." — Die Betenden begaben sich in ein anstoßendes Gemach, nur der Rabbi blieb allein im Gemache mit Gerson Levi zurück. ״Rabbi!" sagte abermals der Sterbende — ״ich kann nicht sterben — schwere Sorgen quälen mein Herz — mein Kind — meine Rachel — ist, wie Euch ohnehin bekannt, in jener Schreckensnacht mir geraubt worden. — O! Freund — erbarmt Euch — nehmt Euch ihrer an — o! suchet sie — Ihr — Ihr werdet sie finden — und dann, wenn Ihr sie gefunden, seid ihr ein väterlicher Schützer. — Doch, noch ein anderer Kummer beklemmt mir meine Brust — macht mir das Sterben schwer. — Ich bitte Euch, auch noch über mein anderes Kind, über Judith zu wachen. — Sie sollte eigentlich keines anderen Schutzes bedürfen, als den ihres Bräutigams — denn sie ist verlobt — doch glaube ich bemerkt zu haben - daß sich ihr Bräutigam — o! laßt mich schweigen — vielleicht sind es nur Jrrthümer — Phantasien eines kranken, sterbenden Mannes. Ihr — Ihr habt einen scharfen Blick — Ihr werdet gewiß das Rechte finden und deshalb, geliebter Freund, bitte ich Euch, nehmt meine beiden Kinder in Euere Obhut — versprecht es mir — nicht früher kann ich sterben — bis Ihr mir dies gelobt." ״Meine Hand, mein Wort, mein armer Freund, getreulich will ich ihnen, so weit es eben in meinen Kräften steht, den Vater ersetzen — mit Rath und That ihnen beistehen." ״Dank — Dank für Euere Worte — sie sind Balsam für mein armes, leidendes Herz — jetzt kann ich ruhig sterben." Ein friedliches Lächeln verklärte sein Antlitz. Der Rabbi winkte mit der Hand und die Betenden traten wieder in das Sterbezimmer ein. Da, nochmals hebt sich der kranke Leib — aus dem die Seele bereits entflohen schien — hoch richtet er sich im Bette empor, ״Schma -I!803.61" ruft er mit lauter, dröhnender Stimme, dann sinkt er in sein Kissen zurück. . Die Seele war aus dem Körper entflohen — Gerson Levi war todt. Da öffnete sich abermals die Thüre und in dem Rahmen derselben erschien Judith, die ältere Tochter des Verstorbenen. Ein einziger Blick genügte, um sie zu überzeugen, daß sie eine Waise, daß sie allein stehe in der großen, weiten Welt, allein mit ihrem Jammer, allein mit ihrem Schmerz. Noch einmal schaute ihr thränenumflortes Auge zu dem theuren Todten nieder, dann stieß sie einen lauten, herzzerreißenden Weheruf aus und stürzte zu den Füßen der Leiche — ohnmächtig zu Boden. 3. Ephraim Manasse. Wer kennt ihn nicht, den Aron Effik, den reichen Aron Eisik, den Geldwucherer!? Bekannt unter seinen Glaubensgenossen wegen seines unbezähmbaren, maßlosen Geizes, wird er von allen Jenen gefürchtet, welche sich in Folge momentaner Geldverlegenheit genöthigt sahen, die Hilfe Aron Eisik's anzusprechen. Wehe ihnen, wenn sie dann die Zahlungsfrist versäumten, mit unerbittlicher Strenge wurde gegen sie vorgegangen. Dafür war er auch reich und wegen seines Reichthums angesehen. Freilich, so wahre, innige Freundschaft hegte Keiner aus der Gemeinde für ihn. Scheu hatten sich Alle bereits seit Jahren von ihm zurückgezogen und begegnete man ihn, so wurde gegenseitig gegrüßt und Jeder zog ruhig seines Weges weiter. — Aron Eisik lebte allein in den ihm gehörigen Hause fast am Ende der Judenstadt, allein mit seiner Tochter und einer alten, tauben Christenmagd. -In letzterer Zeit verkehrte im Hause sehr häufig der Leder- Händler Ephraim Manasse, ein noch junger Mann, und bald hatte sich in der Judenstadt das Gerücht verbreitet, er werbe um die Hand von Aron Eisik's Tochter. Freilich meinten Viele, es wäre Ephraim mehr um das schöne Geld des Aron Eisik, als um dessen häßliche Tochter zu thun. Wie dem auch sei, Thatsache war es, daß Ephraim Manasse täglicher Gast im Hause Aron Eisik's war. Und nur kurze Zeit war verstrichen, so wurde Ephraim mit der Tochter des Aron Eisik öffentlich verlobt. Es war eine ausgezeichnete Partie, das einzige Kind des alten, reichen Aron Eisik. 30.000 Gulden bekam der Bräutigam sogleich als Mitgift und das Vierfache dieser. Summe nach dem Tode des alten Mannes. (Fortsetzung folgt.) A y i s o! Wir ersuchen um rechtzeitige Neberscndung der Abonnementsbeträge. Gleichzeitig bitten wir auch alle jene Herren, die für das II. Quartal noch im Rückstände sind, ihr Abonnement umgehend an uns einfenden zu wollen, da auch wir unseren Ver- Pflichtungen gerecht werden müssen. Die Administration. * * * Diejenigen Vereinsmitglieder, welche ihren Gründungsbeitrag noch nicht eingesendet, bitten wir, selben an den Dereinscaflier C o l l e g e n A. F i s ch e r, I., Seitenstettengasse 4, direkte senden zu wollen. Der Vorstand des ״Oesterr.-ungar. Gantorenvereines".