Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 24 (5.7.1882)
- Date
- 1882-07-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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MslniMchastliche Keviie. 3ut Situation. Das ab gelaufene erste Semester gab neuerdings Zeugniß von der fortschreitenden Consolidirung des Geldmarktes, indem selbst die Pariser Börsenkatastrophe trotz ihrer tief einschneidenden Wunden eine nur vorübergehende Deprimirung nach sich zog. Auch die egyptische Krise vermag es nicht, die sonst so sensive Natur der Börsen zu inflnciren. Da überhaupt auf dem öffentlichen Markte sich nur wenige große Transactionen abwickelten, war der Speculation eine nur beschränkte Chance zur Entwickelung gegeben; sie nährte sich mehr von den Impulsen des solide Fructificirung suchenden Antagecapitals. Aber gerade darin lag der wichtigste Factor für die Gesundung der wirthschaftlichen Verhältnisse. Obwohl nun die letzten Tage eine mehr oder minder empfindliche Abbröckelung der Curse zu verzeichnen haben, obgleich die saison morte ihre Rechte geltend nracht, kann doch mit vollster Beruhigung in die Zukunft geblickt werden. Die Ernte berechtigt allenthalben zu den besten Hoffnungen, die Industrie escomptirt bereits die zu ihrem Schutze geschasienen Zollerhöhungen, die, ungeachtet mancher Mißgriffe, im Großen und Ganzen von den segensreichsten Conseqnenzen begleitet sein werden. Auch das Verkehrswesen wird durch die endliche Aetivirung eines großen, einheitlich geleiteten Staatseisenbahnnetzes, das so manches Privatmonopol zur Nachgiebigkeit zwingen wird, dazu beitragen, Handel und Industrie zu beleben. Postsparkassen. Wenn vorstehend die Lebensbedingnisse des Großkapitals in gedrängter Weise skizzirt wurden, so sind diese Zeilen einer neuen Institution gewidmet die berufen ist, den Sparsinn der Massen anzuregen, zu erhalten, zu fördern und durch rationelle Ansammlung des Kleincapitals den allgemeinen Wohlstand zu heben. Wir lenken die Aufmerksamkeit unserer Leser nicht nur in ihrent eigenen Interesse hierauf, sondern auch deshalb, weil sie durch Propagandirung dieser segensreichen Institution — wozu wir sie hiermit aneifern — sich ein außerordentliches Verdienst um das Wohl ihrer Mitbürger erwerben. Die Postsparkassen haben in England, Belgien und Holland,, wo sie. zuerst in's Leben gerufen wurden, sich bestens bewährt, desgleichen in jenen Staaten, die dem gegebene!! Beispiele folgten. Hier wurde die Einführung und Organisation in die Hände eines Mannes gelegt, der, seinem bisherigen Wirken nach zu urtheilen, volle Garantie für die opportunste Durchführung und Organisation bietet. Der zum Director des Postsparcassenamtes ernannte Herr Dr. C o ch ist nicht nur eine theoretisch gebildete, wissenschaftliche Capacität auf nationalöconomischem Gebiete, er hat auch theils durch instrnctive Studienreisen, theils durch langjährigen Aufenthalt die wirthschaftlichen Verhältnisse Frankreichs, Deutschlands, Amerika's und des Orientes kennen gelernt. Seit den! Jahre 1869 widmet er seine hohen Kenntnisse, seine reichen Erfahrungen der Förderung unserer commerzielten und industriellen Zustände. Hiebei war er gleichzeitig bestrebt, den Uebelständen bis auf ihre Grundursachen nachzuforschen, wodurch er zunächst auf den Gedanken, im Interesse der arbeitenden Bevölkerung die Posparcaffen einzuführen, kam. Nunmehr unternahm er eine Reise nach jenen Ländern, in denen sich dieselben bereits bewahrten. Die Frucht dieses Studiums veröffentlichte er in einem Essay über Postsparcassen. Die Schrift lenkte die Aufmerksamkeit der maßgebenden Kreise auf ihn und als der gewiegteste Fachmann auf diesem Gebiete wurde er zur Activirung seiner Anregung berufen. Die Rothen Kreuzlose wurden von der Wiener Börsekammer zur Cotirung empfohlen, binnen Kurzem dürfte die Genehmigung hiezu Seitens des Finanzministeriums herabgelangen und werden wir gelegentlich deren Einführung denselben eine ausführliche Würdigung widmen. Die Pfandbriefe der Pester ungarischen Cournrerzialbank eignen sich bestens zur Capitalsanlage, da sie bei unbedingter Sicherheit ein mehr als fünfpercentiges Ertrügniß bieten. Im Umlaufe befinden sich Titres im Betrage von 7,915.000 fl., dem eine Deckung per 37,530.000 fl. gegenübersteht, worunter die Bndapester Hypotheken allein mit 31,670.000 fl. sich beziffern. Die seit drei Decennien bestehende Pester Commerzialbank hat sich jederzeit durch streng solide und geschäftlich umsichtige Leitung ausgezeichnet. Das renommirte Wechslergeschäft der Administration des ״Mercur", (Wien, I., Wollzeile 10) erläßt dieses empfehlenswerthe Papier spesenfrei zum jeweiligen Tagescurse und löst sowohl Coupons als gezogene Obligationen ohne irgend einen Abzug ein. Dasselbe versendet aus Verlangen ausführliche Prospecte gratis und franco. Die Riunione Aclriatica hielt an! 29. v. M. ihre diesjährige Generalversammlung ab. Für das abgelauseue Geschäftsjahr gelangt eine Dividende von 50 fl. per Aktie zur Vertheilung. Die ״Patria", ein Versicherungsinstitut, das sich bisher eines guten Rufes erfreute, ist durch die Einführung des Assecuranzregulativs in arge Bedrängnisse gerathen, indem die nunmehr bedingte Berechnung der Reserven gegen die früher übliche ein eingestandenes Deficit von 480.000 fl. erzeugte, das sogar gerüchtweise bei noch strengerer Correetur aus nahezu 700.000 fl. anwachsen soll. Unter dem deprimirenden Eindrücke dieser Verlautbarungen kam es in der Generalversammlung zu so tumnltarischen Scenen, daß der Vorsitzende sich gezwungen sah, um Ausschreitungen hintanzuhalten, die Versammlung auszulösen. Dieselbe wird am 15. d. um 10 Uhr Vormittags (im Bösendorfersaale, I., Herrengaffe 6) fortgesetzt. Jeder großjährige Versicherte männlichen Geschlechtes ist berechtigt, an der Generalversammlung theilzunehmen und mitzustimmen, zu welchem Zwecke jedoch am 12., 13. und 14. Juli von 9 bis 4 Uhr, am 15. Juli von 8 bis 9 Uhr im Bureau der Gesellschaft (1. Bezirk. Nibcluugengasse 7) gegen Vorweisung der letztbezahlten Prämienquittung d!e erforderlichen Legitimationskarten zu beheben sind. Bei dem Umstände, daß der Versicherungstock der ״Patria" nahezu 20 Millionen Gulden beträgt, das Wohl und Wehe tausender Existenzen damit verknüpft ist, muß eine rationelle Sanirung dringend gewünscht werden. Dies herbeizuführen, ist nicht nur der Verwaltungsrath bestrebt, es wurde ihm auch die Unterstützuug Seitens der Regierung zugesagt, Nachdem nun von autoritativer Seite Alles aufgeboten wird, eine Katastrophe zu vermeiden, ist den Versicherten dringend zu empfehlen, ein gütliches Arrangement zu fördern. Dies kann einerseits durch Nachzahlungen geschehen, wodurch den Betheiligten freilich große Opfer auferlegt werden. Es fragt sich nun, ob die Opfer mit den in Aussicht stehenden Resultaten im Einklänge sind. Anderseits liegt ein Project der ״Azienda" vor, behufs Fusionirung. Diese Gesellschaft, welche erst Heuer aus der Vereintgung der ״Vaterländischen Versicherungsbank" und } des Lebensversicherungsportefeuilles der ..Axivutla Assicurat rice“, der ältesten österreichischen Versicherungsgesellschaft, unter dem Patronate französischer Capitalisten entstanden ist, soll äußerst günstige Propositionen stellen, doch konnte bisher eine feste Basis für die Unterhandlungen nicht ge- Wonnen werden. Selbstredend fehlt es auch nicht — wie bei jeder solchen Gelegenheit — an einer Reihe mehr oder minder ernst zu nehmenden Projekten, deren embryonisches Gebilde heute noch kein Urtheil zuläßt. Die nächste Generalversammlung wird nun zeigen, ob es den Tumultanten ihrer Vorgängerin um das Wohl des Institutes zu thun war oder etwa nur darum, im Trüben zu fischen. Vor Allem ermahnen wir zur Ruhe: ״Prüfet Alles und behaltet das Beste!" WisceN'en. — Ka. Ein berühmter musikalischer Künstler, der sich auch eines vorzüglichen Rufes als Meister im Unterrichte erfreute, forderte für eine Lection, wenn der Schüler bei ihm ursprünglich anfing, 2 Gulden, wenn der Schüler aber schon anderwärts unterrichtet wurde, 4 Gulden, indem er, wie er vorgab, nun doppelte Mühe hätte, weil er auch zugleich die angenommenen üblen Gewohnheiten corrigiren müsse. — Der Mann hatte vollkommen recht. Es gibt in der That Eltern und Vormünder, die von der Meinung befangen sind, zu Anfang wäre jeder