Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 24 (5.7.1882)
- Date
- 1882-07-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 wobei noch der Vortheil in Betracht zu ziehen ist, daß weder die Cultusgemeinden, noch Herr College Obercantor und Professor Friedmann über die Höhe der Einkünfte und über die mehr oder minder gut situirte Stellung des Cantors in Zweifel wäre. Heute drückt man noch gerne das Gehalt des Cantors auf ein Minimum hinunter — die Emolumente sind ja so bedeutend! Es gibt wohl keine Gemeinde, die dieselben zu gering taxiren würde. Jedoch nicht ein Einzelner kann und darf sich dem veralteten, eingewurzelten, althergebrachten, aber trotzdem nicht sehr ehrwürdigen Gebrauche entgegenstemmen. Es muß dies die Vertretung der Gesammtheit, als welche wir wohl Alle bald den neugegründeten Cantorenverein ansehen dürften, in der Einsicht thun, dadurch eine das Ansehen des Cantors schädigende Institution zu beseitigen, getreu der Devise: ״die Würde des Standes nach jeder'Richtung hin zu heben". Zum Schlüsse noch ein analoges Beispiel: In gerechter Würdigung der Thatsache, daß das Uebersenden von Geschenken eine Mißachtung involvirt oder wenigstens den Beschenkten in den Augen des Schenkenden in der gebührenden Achtung zurücksetzt, hat der Staat die früher üblichen Gehaltseinnahmen des Lehrers, welche den jetzigen der Cantoren sehr ähnlich sahen, regulirt und ihm die Annahme von entwürdigenden Geschenken moralisch unmöglich gemacht. Aber die Herren Rabbiner nehmen ja auch? Werther Freund!. Ist es denn irgendwo ausgesprochen, daß die Herren Rabbiner unfehlbar seien? Dieses Prädicat will man von mancher Seite sogar dem Papste streitig machen: warum soll nun nicht auch einmal ein Rabbiner fehlen dürfen! Uebrigens kann ich mit Genugthuung bemerken, daß ich rühmenswertste Ausnahmen kenne. Somit leben Sie wohl, geehrte Collegen! Allerorten und Allerwegen wollen wir durch Thun und Lassen, durch Wirken und Schaffen, durch Wort und That zeigen, daß wir der besseren Stellung, die wir anstreben, auch würdig sind. Ein andermal ein Anderes. B. S. Unsichere Stellungen. Es kommt sehr oft vor, daß Cantoren, ohne ihr Verschulden trotz des regsten Eifers, den sie im Amte entwickeln, nur aus Laune einzelner Allgewaltiger in der Gemeinde ihren Posten verlieren. Ein solcher Cantor — hauptsächlich in kleineren Provinzgemeinden — sieht fortwährend mit bangem Herzen seiner nächsten Zukunft entgegen, muß allerlei Chicanen über sich ergehen lassen, um nur nicht sich und seine Familie dem Elende preiszugeben. Dieses Nebel kann nur dann geheilt werden, wenn unsere ׳Stellung in der Gemeinde — gleich den Rabbinen — eine weniger abhängige und stabilere geworden und wir entsprechend unserem Wirkungskreise als die Träger des weihevollen Gottesdienstes anerkannt und gewürdigt werden; wenn wir in eine sorgenfreie Zukunft werden blicken können. Daß dieses Ziel erreicht werde, ist die Aufgabe des Cantoren- Vereines. Andere unserer Collegen werden von einem zweiten Uebel betroffen, ein Uebel, das wohl noch gefährlicher als das ersterwähnte ist, vor dem man sich aber leichter hüten kann. Es gibt nämlich Gemeinden, welche gewohnt sind, alljährlich mit dem Cantorposten Experimente zu machen. Der Cantor erhält dort, mag er noch so tüchtig und berufstreu sein, niemals eine Verlängerung des Contractes oder es kommt überhaupt gar nicht zu einem Definitivum. Diesem Unfuge müssen wir auf das Entschiedenste entgegentreten und wir sind jederzeit bereit, frei und ohne Rückhalt diesbezügliche Klagen in unser Blatt aufzunehmen, damit unsere Collegen vor solchen Gemeinden gewarnt werden. Wenn sich dann Niemand um einen derartigen Posten bewirbt, so wird die Gemeinde gezwungen werden, das ewige ״Wechseln" aufzugeben. In letzter Zeit wurden uns die Gemeinden Kladno in Böhmen und Znaim in Mähren als solche bezeichnet: ja in ersterer ging der Vorstand, rein aus Liebe zur Abwechslung, so weit, einen neuen Concurs auszuschreiben, trotzdem, wie wir aus sicherer Quelle erfahren, der Contract des dortigen Cantors noch nicht abgelaufen ist. Dies diene jenen Collegen zur Richtschnur, welche vielleicht auf diesen Concurs aufmerksam wurden. Wir erachten es als eine heilige Pflicht, solche Fälle zur allgemeinen Kenntniß zu bringen und erhoffen auch davon die Beseitigung dieses Uebels. Mnsikbriefe. Von Obercantor Hermann Goldstein. Neber die menschliche Stimme und deren Anwendung. (Fortsetzung.) Wenn man mit der Stimme nach einem tieferen einen höheren Ton zu bringen hat. so wird der Letztere stärker gesprochen oder gesungen, wenn dieser höhere Ton nicht auf eine kurze Silbe oder einen schwachen Tacttheil kommt. Es ist nicht gut, sich an Reden, die man thatsächlich halten oder an Gesangsstücken, die man vor einem Publicum produciren will, diesbezüglich oder überhaupt zu üben, weil bei der Production selbst die Schute sonst zu sehr anhaftet und der Vortrag dadurch etwas Gezwungenes erhält. In einer Rede vorkommende, schwer auszusprechende Worte werden nicht geübt, dafür aber ähnliche, beim Singen ähnliche Passagen, Vocalismen oder Phrasen. Auch ist es aus demselben Grunde nicht gut, die Uebungen der Consonanten unmittelbar vor dem Vortrage selbst vorzunehmen, sondern dies einen oder einige Tage früher zu thun. Wer Gelegenheit hat, im großen Raume zu sprechen, besonders wenn derselbe mit Menschen besetzt ist, wird, dia Uebungen der Consonanten und der Vocale vorausgesetzt, schnell zum Ziele kommen, er wird bei richtiger Oeconomie der Stimme mit der Zeit immer länger und länger, ohne zu ermüden, sprechen können und selbst für die entfernt Stehenden immer deutlicher werden. Der große oder der freie Raum erfordert ein Sprechen mit hoher Stimme, ohne daß man schreit und ist in diesem Falle die häufigere Uebung des Wortes Uüon höchst ersprießlich. Das Tempo,, in welchem gesprochen wird, ist in den verschiedenen Fällen ein verschiedenes. Im großen Raume und bei wichtigen Sätzen ist ein langsames Tempo nothwendig, auch muß diesbezüglich der Akustik eines- Raumes Rechnung getragen werden; in Räumen mit einem Widerhall sind scharf accentuirte Vocale nothwendig und muß das Tempo dem Locale angepaßt werden. (Fortsetzung folgt.)