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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-07-27 · Heft 23 (27.7.1882) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 23 (27.7.1882)
Date
1882-07-27
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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r Euch — denn Ihr seid alt — und da ist es doppelt schwer, aus dem Dienste gejagt zu werden — und das werdet Ihr bestimmt, denn daß ich es Euch nur sage — von meiner Bot- , schüft hängt — Leben und Tod ab — ja wohl — Leben und Tod — versteht Ihr mich wohl, Alter, oder seid Ihr etwa schwerhörig?" Hiedurch eingeschüchtert, östnete der Alte zögernd das Gitter. Hastig trat der Fremde durch dasselbe ein. ״Laßt den Schlüssel im Schlosse stecken," sagte er, ״damit ich Euch bei meinem Fortgehen nicht wieder zu wecken brauche" — und mit einer grüßenden Handbewegung begab er sich in das Innere der Judenstadt. Kann! 500 Schritte mochte er vorwärts gegangen sein, als er einen heiseren Schrei aussiieß,. gleich dem Gekrächze der Nachteule. — Aufmerksam lauschte er alsdann in die Nacht hinaus. Leise Schritte wurden jetzt vernehmbar, die rasch näher kamen. Der Fremde verbarg sich im Schattendes Vorsprunges eines kleinen, weißgetünchteu Hauses in der'Nähe der Synagoge. Denselben Weg, den er zurückgelegt, kam eine Truppe wild aussehender Gestalten in zerlumpten Kleidern, mit Schwertern, Aexten und Spießen bewaffnet. Der Fremde, der zuerst das Ghetto der Juden betreten hatte, kam jetzt rasch aus seinem Verstecke hervor und schritt auf die Truppe zu. ״Wie nennt Ihr Euch?" fragte er..' ״Wir find die Rächer Gottes *),״ antwortete ein Wild aussehender Mann. ״Seid Ihr ohne Anstand zum Gitter hereingekommen?" fragte abermals der Fremde. ״Der grämliche Alte, wollte uns um keinen Preis einlassen — was blieb übrig — ich habe mein Messer ihm zwischen die Rippen gesteckt, das hat ihn wahrscheinlich gekitzelt, denn er stieß einen Freudenschrei aus, machte eine tiefe Verbeugung, legte sich mir zu Füßen und ungehindert konnten wir das Gitter passiren. ״Doch genug jetzt des Plauderns — ehe die Glocke Mitternacht kündet, muß unser Werk beendet sein." Der Fremde flüsterte nun jedem Einzelnen leise Worte ^n's Ohr und deutete mit der Hand nach einigen Häusern, dann sagte er laut: ״Nicht früher dürft Ihr beginnen, ehe Ihr nicht das verabredete Signal hört." Mit Ausnahme des Fremden und zweier Männer zerstreuten sich die Uebrigen nach verschiedenen Richtungen. Der Femde befestigte eine Strickleiter auf dem Balcone des kleinen Hauses und während die beiden Männer das untere Ende derselben stramm spannten, kletterte er empor. Oben angelangt öffnete er geräuschlos und trat in das Gemach ein. — Eine Viertelstunde mochte etwa verstrichen sein — als die Thüre abermals geöffnet wurde und der Eindringling wieder in's Freie trat, mit beiden Armen eine weibliche Gestalt fest umschlungen und vorsichtig mit seiner Last die Leiter abwärts stieg.— 0׳ Zu jener Zeit trieben sich im ganzen Böhmerlande fanatische Horden unter verschiedenen Namen umher, welche sich mit dem Scheine religiöser Schwärmerei zu umgeben wußten, Nachts aber über die nichts ahnenden Schläfer herfielen, um zu rauben und zu morden.. Hatten sie ihr schreckliches Vorhaben ausgeführt, so verschwanden sie spurlos vom Schauplatze ihrer schrecklichen Thätigkeit um bald darauf an einem anderen Orte wieder aufzutauchen. Die unten Wartenden nahmen dann den weiblichen Körper, hüllten ihn in bereit gehaltene dichte Decken und trugen ihn zur Synagoge, auf deren Stufen sie ihn niederlegten. Bald darauf erschien der Fremde wieder, ein Pferd am Zügel führend. Schnell schwang er sich in den Sattel — die beiden Männer reichten ihm den Körper auf das Pferd hinauf — ein Schlag — und Pfeilschnell jagte es mit seiner doppelten Bürde dahin. Plötzlich durchtönte ein lauter Ruf die Stille der Nacht. Diejenigen, die sich Rächer Gottes genannt hatten, stürmten mit wildem Geschrei in mehrere Häuser, mit drohenden Geberden brennende Fackeln über ihren Köpfen schwingend. Die noch vor wenigen Augenblicken so ruhige, friedliche Jndenftadt widerhallte jetzt von dem wilden Gebrülle des blutgierigen, fanatischen Raubgesindels. — Wehrlose Frauen und Männer wurden aus dem Schlafe gescheucht — und erbarmungslos hingeschlachtet. Vor den Stufen der Synagoge hatte sich bereits ein kleines, todesmuthiges Häuflein Juden eingesunden mit dem Vorsatze, den Mördern bis zum letzten Athemzuge Widerstand zu leisten. Doch umsonst — durch das eiserne Gitter und über die Friedhofsmauer drangen immer wieder neue Banden und gar Mancher von den muthigen Streitern fiel unter den schweren Axtschlügen zu Boden, um nimmer wieder aufzustehen. Vor dem kleinen Häuschen in der Nähe der Synagoge wüthete der Kampf am schrecklichsten. Manch' blutiger Leichnam lag schon um Boden, aber nicht einen Schritt konnten die Angreifer Vordringen. — Schon wurde das Häuflein der Angreifer immer schwächer und der Muth der Vertheidiger steigerte sich immer mehr. Bis jetzt war der Schauplatz des Kampfes nur von wenigen Fackeln beleuchtet gewesen und gar Mancher der Raubbande wurde in der zum Theil herrschenden Finsterniß von seinen eigenen Kameraden erschlagen. Da — plötzlich schlugen prasselnde Flammen aus den Dächern der Nachbarhäuser empor. — Immer wilder tobte der Kampf — immer mehr und mehr verbreitete sich das Feuer und beleuchtete die Straßen tageshell. Mit einem Male durchtönte der dumpfe Mahnruf der Feuerglocke vom Rathhausthurme der Altstadt von Prag die Nacht und gar bald fielen auch die Glocken der anderen Thürme dröhnend ein. ״Rettet Euch!" — riefen die wilden Gesellen sich gegenseitig zu — ״das eiserne Gitter ist abgesperrt und nur der Weg über die Friedhofsmauer ist uns noch offen." Und gleich Soldaten sammelten sich die Mordgesellen und verließen eiligst die Stätte des Unglücks. Die Nacht ist vorüber. -- Hell strahlt die Sonne und erleuchtet den Schauplatz des Mordes und der Verwüstung. — Ueberall in den Güssen liegen Todte und Verwundte. Händeringend und weinend eilen Männer und Frauen dahin — ihre Angehörigen zu suchen. Gerson Levi, der Aelteste der Gemeinde, suchte vergebens seine jüngere Tochter Rachel, die wegen ihrer großen Schönheit die Rose von Zion genannt wurde. Sie war verschollen und lauter Jammer und Wehrnfe erfüllten das Haus, in welchem bisher Ruhe und Glück ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten. (Fortsetzung folgt.)

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