Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 23 (27.7.1882)
- Date
- 1882-07-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Im Nachstehenden veröffentlichen wir eine von unserem Collegen Herrn Obercantor I. Singer in Wien uns zugekommene Erklärung: Wien den 21. Juni 1882. Freunde und Amtsbrüder! Die Thatsachen als bekannt voraussetzend, daß ich der allerersten Gedankenregung sür Creirung eines Cantorbundes in Oesterreich-Ungarn nahe stand und mein Scherflein redlich dazu beitrug, um dem Unternehmen eine gedeihliche Anfangsentwickelung zu verleihen, jedoch durch mannigfache unliebsame Umstände veranlaßt war, die mir seinerzeit übertragene Stelle des provisorischen Vereinsvorsitzenden nieder zu legen, sehe ich mich in der Lage, theils zur Begegnung aller eventuelleu Deutungen, theils als Aufklärung sür mein jetziges Vorgehen folgende Erklärung zu veröffentlichen: Meiner Sympathie für die Bestrebungen meiner Amtsbrüder wie meiner Anschauung bezüglich der Zweckmäßigkeit des Zustandekommens einer österr.-ungar. isr. Cantorengenossenschaft glaube ich, wenngleich nur negativ, durch die Thatsache Ausdruck gegeben zu haben, daß ich, von dem Momente meines Rücktrittes von den Vereinsgeschäften meine Beziehungen zu den maßgebenden Persönlichkeiten anderer ähnlicher Vereinsunternehmungen abbrach, um in keiner Weise der Fortentwickelung des hiesigen Vereines hemmend gegenüber zu treten. — Wenngleich ich nun in dieser stillen Beobachtungsperiode mit der Qualität mancher Handlungsweise bezüglich der Creirung unserer jugendlichen Vereine hüben und drüben keineswegs einverstanden war, so hatte ich anderseits wieder freudige Gelegenheit, mich von der Ersprießlichkeit und Zweckmäßigkeit so mancher Thätigkeit zu überzeugen und begrüßte ich namentlich das Zustandekommen eines Cantortages auf's Herzlichste. Dieser Cantortag Hierauf ging sie zur Ottomane; ich hörte auf zu spielen und sie verfiel in furchtbare Krämpfe, aus denen sie nach etwa einer halben Stunde zum vollen Bewußtsein erwachte. Dies waren Musikstundcn wahrlich ganz eigener Art, in denen Schuberts Lieder, die Emilie unter meiner Leitung einst kennen und lieben gelernt, die Hauptrolle spielten. Allein, so wie sie es gesagt, geschah es auch. Doctor M.... behandelte sie mit größter Besonnenheit und Kenntniß, mit menschenfreundlichster Aufopferung an Zeit und Geduld diese eigenthümliche Krankheitserscheinung. Während meines Spieles und Gesanges legte er mir seine Recepte vor, las und erklärte mir die Eigenthümlichkeit seiner Mittel und Emilie wählte, durch mich verständigt, jedesmal aus— bestimmte die Art und Weise des Gebrauches und so gelangte sie allmälig wieder in den Besitz ihrer vollen Gesundheit, deren sie sich bis heutigen Tages erfreut. — ״Jene Emilie aber, mein junger Freund," sagte Blagostoynoff lächelnd, ״ist — mein liebes, gutes Weibchen, mit der ich vor wenigen Monaten erst im Kreise unserer Kinder und Enkelchen die silberne Hochzeit feierte." ״Zweifeln Sie noch, daß es sympathetische Mittel gibt, welche Wunder zu bewirken im Stande sind?" Mit dieser Frage beschloß er diese Erzählung, zu der er durch eine Discussion veranlaßt worden war, die sich zwischen uns auf dem Verdecke des Schiffes entsponnen hatte. Er betheuerte mir die volle Wahrheit und Richtigkeit dieses phantastischen Vorganges, den ich hier erzählt habe. brachte mir nun die schmeichelhafte Gewißheit, daß meine Theilnahme an der Vereinsleitung in maßgebenden Cantorkreisen als die Sache fördernd angesehen werde, indem die Herren Collegen Prags im dortigen Tagblatte vom 25. Mai folgende Anzeige veröffentlichten: ״An die geehrten Herren Cantoren Böhmens! Wir empfehlen Ihnen als Präses und Präses-Stellvertreter des in Wien zu gründenden Cantorvereines die Herren Obercantor Josef Singer in Wien und Cantor Adolf Fischer in Wien um so sicherer zu wählen, als wir nur in diesem Falle dem Vereine als Mitglieder beitreten. Die. Cantoren in Prag" anderseits verschiedene Deputationen, auch der ungarischen Herren Collegen, mir eindringlichst erklärten, daß man es als eine entschiedene Errungenschaft für das Zustandekommen einer Cantorgenossenschaft betrachte, wenn wir (ich und College Fischer) an der Generalversammlung uns betheiligten. — Angesichts dieses ehrenden und vertrauensvollen Entgegenkommens, wie in Anbetracht der Wichtigkeit der Angelegenheit selbst, konnten und durften wir bei unserem Anfangsentschlusse, der Generalversammlung fern zu bleiben, nicht verharren, daher unser, wenn auch nur passives Betheiligen an der Generalversammlung. Die Wahl fiel nicht in der von den Herren Collegen Prags vorgeschlagenen Weise aus *) — deshalb waren wir — schon im Hinblicke auf die Seitens der Prager Collegen uns entgegengebrachte Freundlichkeit und in Berücksichtigung noch anderer Momente — nicht in der Lage, die auf uns gefallene Wahl anzunehmen und so zog mancher der am Cantortage hier gewesenen Collegen wieder heimwärts, ohne ein festes Programm für die Entwickelung des Unternehmens mit nach Hause zu bringen **). Herr College Josef Goldstein ward von der General- Versammlung mit der Mission betraut, im Vereine mit mir und Collegen Fischer einen Annäherungsmodus aufzufinden und ist es ihm und der warmen Betheiligung auch der anderen Herren Comitämitglieder wirklich auch gelungen, uns — bis zur hohen Ortes erfolgten Genehmigung der Vereinsstatuten — und zwar College Fischer als Cassier, mich als im Vorsitze alternirenden zweiten Präses für die Vereinszwecke zu gewinnen. Bezüglich der Aeußerung Nestor Sulzer's, den ״einzigen und würdigsten" Nachfolger betreffend, bin ich gezwungen, eine directe Aufklärung vorenthalten zu müssen; — dieselbe wird jedoch aus dem Schluffe der ersten Serie meiner Aufsätze: ״Ueber die Entwickelung des Synagogengesanges", welche Arbeit ich demnächst wieder fortzusetzen gedenke, zu entnehmen sein. Somit reichen wir allen Collegen unsere Freundeshand, nicht blos den Amtsbrüdern unseres engeren Vaterlandes,׳ sondern auch Denen, die außerhalb desselben leben oder die im Momente noch gegen unsere Vereinsarbeiten zu sein scheinen; lasset, geehrte Collegen All e, jeden Groll und jeden Hader!;— Die Faust, die krampfhaft geballt zum Schlage gegen den *)Dieselben sind jedoch schon am Cantorentage von ihrem ursprüngsichen Vorschläge abgewichen und waren übereinstimmend mit allen übrigen College» für jene Zusammensetzung des Vorstandes der Centrale, wie sie jetzt zu Stande gekommen ist. Anm. der Redaction. **)Das Programm für die fernere Thätigkeit des Vereines war wohl ein festes, wenn auch die Personenfrage nicht vollkommen erledigt war. Anm. der Redaction.