Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 22 (19.6.1882)
- Date
- 1882-06-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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ungarischen Monarchie eine gewisse Lauheit, Schlaffheit vorzuwerfen. Gewiß! Unsere Gesammtmonarchie weist eine bedeutend größere Anzahl von Cantoren, Chasanim und Vorbetern nach, als das gesammte Deutschland und darum müßten wir heute m i n d e st e n s f ü n f z e h n h u n d e r t M i t g l i e d e r zählen und die haben wir nicht. Und was das Sonderbare, ja Unerklärliche ist, — der weit größere Theil der Mitglieder befindet sich in derartig.gut situirten Stellungen, daß sie wohl vielleicht niemals irgend welche Ansprüche an den Verein stellen werden — während schlechte oder sogar wirklich schlecht situirte Collegen zögern und gerade ihretwegen wurde der Verein in's Leben gerufen und gerade sie zögern noch immen ihren Beitritt anzumelden. Darum rufen wir Allen, die bis heute dem Vereine noch ferne stehen, zu, sie mögen baldigst sich uns anschließen, — anschließen in ihrem eigenen Interesse. Blicken wir hinüber zu unseren Brüdern und Collegen in Deutschland. Sie 'ehren und anerkennen, was wir geleistet, sie wissen, daß jenes Werk, das wir zu Stande gebracht, nicht leicht zu errichten gewesen, daß es vieler Mühen, vieler Anstrengungen bedurste. — Und darum rufen wir nochmals: ״Blicken wir hinüber zu unseren Brüdern und Collegen in Deutschland! Vor drei Jahren hatten, beseelt von den schönsten Hoffnungen für das Gedeihen, sich wackere Collegen zusammengethan, einen Verein, ähnlich dem unserigen, in׳s Leben zu rufen. Und was sie angestrebt, — wofür sie sogar gerne ihr Herzblut hingegeben hätten, — ist alt und morsch geworden, ehe noch das Gebäude fertig wurde und der angestrebte stolze Neubau ist heute bereits eine ״zerbröckelte Ruine". Und warum? Hebung des Cantorenstandes, Verbesserung der finanziellen Verhältnisse jedes einzelnen Collegen u. dgl., das Alles wollen sie — aber sie wollen es fix und fertig. Früher mögen sie sich nicht betheiligen. Und was ist auch weiter daran gelegen? Trotz der schlechten Verhältnisse, in denen sie sich befinden, haben sie ja doch ein ziemliches Auskommen, da sie ja an's ״schnorren" gewöhnt find und besser, ehrenhafter ist es ja doch, ״zu schnorren", als dem Vereine anzugehören. Hüten wir uns, daß nicht auch wir in unserer Theilnahmslosigkeit untergehen, hüten wir uns, daß nicht auch wir in drei Jahren sagen müssen, unser Verein, an dessen Zustandekommen Männer mit warmfühlendem Herzen gearbeitet haben, gearbeitet für unsere armen, bedürftigen Collegen, um ihnen Hilfe zu schaffen, daß unser Verein durch von Unverstand, Theilnahmslosigkeit und das Bettelsystem corrumpirten Collegen elend zu Grunde gegangen, das möge Gott verhüten; — denn dieser erste Sonnenstrahl, der auf uns Cantoren niederfiel, uns eine schönere, bessere Zeit kündend, er würde, erlöschen um kein zweites Mal sich zu entzünden. A. v. Z. Der jüdische Cantor! Von Obercantor Josef G o l v st e i n. So wären Sie denn nach den Tagen freudigen Beisammenseins, nach Stunden emsigen Schaffens an der Festigung unserer Zukunft wieder in Ihren Wirkungskreis zurückgekehrt und wenn es gestattet ist, aus der Tiefe eigener Empfindungen folgerichtig zu schöpfen, so ist unser aller Bewußtsein ein gehobenes, hat es sich doch geläutert in den Gemüthswellen gemeinsamen, einmüthigen Berathens. Mit ungetrübter Freudigkeit und mit dem Gefühle innigen Dankes will ich es betonen, daß meine Brust mit gerechtem Stolze erfüllt sei, haben Sie doch mit seltener Einmüthigkeit den dankbarst Gefertigten an die Spitze edler Strebungen gestellt, Sie haben Alle jene Harmonie nicht verleugnet, die unserem Berufe das ureigenste Gepräge leiht. Ich bin mir meiner Sendung mit jener Begeisterung voll und ganz bewußt, die — dem eigenen Interesse entquellend — die Wohlfahrt einer großen Gemeinde heilsam umschlingt und trete ich mit der Hoffnung, nein, mit dem Glauben an die Spitze unseres Vereines, daß er die Erfolge an sein Mühen fesselt, auf die er vollsten Anspruch zu erheben berechtigt ist.׳ Ein flüchtiger Rückblick nur mußte uns vollkommen die Nothwendigkcit nahe rücken, daß im Hinblick auf die gelockerte Stellung unserer Berufsgenossen unbedingt ein Kitt erfunden werden mußte, der uns Alle mächtig eine und nur unbegrenztes Vertrauen auf die eigene Kraft, die sich nur innerhalb des Bereiches gefestigter Zusammengehörigkeit entfaltet, kann und wird unserer Wirksamkeit die Gegenwart, unserem Streben die Zukunft gedeihlich erschließen. Ein Rückblick auf die bisherige Stellung in den Gemeinden wird es aber auch mit der Leuchtfackel der Wahrheit grell beleuchten, wie oft unser Stand entwürdigt, wie oft unser Amt trotz seiner demselben innewohnenden Heiligkeit verunglimpft wurde, wie oft wir unter allen Ständen die Paria's waren, denen das Kainszeichen der Unstätigkeit auf die Stirne gebrannt war. Und wäre es nicht die Verehrung für die Heiligkeit unseres Berufes, die mir den etwas frivolen Vergleich verwehrt, so würde ich unseren Stand mit den Troubadours des Mittelalters vergleichen, denn dazu wurde er durch Verkennung und den Irrwahn vieler Gemeinden herabgedrückt, 8ie da mit ihrem Lied und ihrer Leier von Stätte zu Stätte zogen, der ״Chasan", der arme, jüdische Troubadour in jüdischen Diensten, der nur zu oft in jüdischer Knechtschaft ist, den man hörte und liebte, so lange sein Lied sich rein und volltönig der Kehle entringt, eine Jntrigue — von zarten Damenhänden gesponnen — und unser Amt, das einzige, wo auch die Damen Sitz und Stimme — nicht selten die entscheidende - haben und der arme jüdische Troubadour zieht von dannen, ״muß wandern, wandern, wandern ruhelos!!" Fremd der Ort, fremd die Menschen und fremd wird ihm sein Beruf, folgerichtig drängt sich ihm die Frage des Psalmensängers auf die Lippen: ״Eck noschir esz schir adcmaj al admass nechor?“ Da kann es unsere Absicht nicht sein, über so vielfältige Unbill, über so mannigfache Ungerechtigkeit hier Klage zu erheben, es ist verjüngen, verklungen, aber jetzt müssen wir fürderhin, zu einem Ganzen geworden, Einer für Alle und Alle für Einen einstehen, wenn irrige Anschauung unsere Sendung mißversteht, wenn arge Verkennung unseren Beruf nicht erkennen will oder zu erfassen vermag. Aus allen Stürmen, die über die Häupter unseres Volkes hinweggebraust, inmitten aller Trübungen und Prüfungen, die der jüdische Stamm durchkostete, konnte ihm eine Perle, ein Palladium nie und nimmer entrissen werden, sein Gottesdienst mit dem göttlichen Worte und sein heiliges Lied, das immer wieder die ausgebrannten Herzen heilte, die geknickten Wünsche hervorzauberte und alle versargten Hoffnungen zu neuem Leben weckte, am Meereswogen seiner Leiden zitterte