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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-05-15 · Heft 18 (15.5.1882) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 18 (15.5.1882)
Date
1882-05-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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nicht weniger als 1320 Häuser und Magazine demolirt. Gestorben sind in Folge der erlittenen Mißhandlung am 10. April Schneer Leckermacher, am 11. April Jacob Beer Schmer, am 20. April Friede! Spector und am 21. April Baruch Schlachowski. Schwer verwundet sind 38, unter diesen Elias Teiletbäum, der eine starke Gehirnerschütterung erlitt. Leichter verwundet wurden 175. In manchen Familien liegen alle Mitglieder verwundet danieder. In der Familie Flickstein wurde der Vater Baruch am Kopfe verwundet, die Mutter erlitt einen Armbruch und der Sohn einen Rippenbruch. In wie vielen Fällen Frauen und Mädchen Gewalt angethan wurde, ließ sich selbstverständlich nicht eruiren, da den meisten der Betroffenen die Scham den Mund schließt. Doch sind dreizehn Fälle constatirt. Eine der rohesten dieser Gewaltthaten war folgende: Ein Bedienter des Friedensrichters vom zweiten Bezirke überfiel ein Mädchen vor den Augen ihrer Mutter, als diese in ihrem Jammer sich an den anwesenden Polizeibeamten wendete und ihn flehentlich bat, ihre unglückliche Tochter zu schützen. Welchen Beistand leistete ihr der Polizeibeamte? Er folgte dem Beispiele des Bedienten und verübte an der Mutter, was dieser an der Tochter unbehindert verbrochen. Die Plünderungen dauerten ununterbrochen bis zum 30. März (11. April). Erst die Nachricht von der bevorstehenden Ankunft des Gouverneurs von Podolien setzte dem Treiben eine Schranke. Die Polizei, welche bis dahin dem Pöbel ganz freie Hand gelassen, begann jetzt die Leute zu warnen, indem sie am Abende des 30. März bekannt gab: ״Endiget rasch, der Gouverneur kommt!", worauf die Haupträdelsführer ihr Heil in der Flucht suchten. Als man daher nach der Ankunft des Gouverneurs am 31. März (12. April) Verhaftungen vornahm, wurden nur die minder Schuldigen, welche sich die zerstreut auf den Straßen umherliegenden Maaren aneigneten, ergriffen. Diejenigen, deren man auf diese Weise habhaft wurde, übergab man theils dem Friedensrichter, theils dem Staatsanwalte. Ersterer ließ die Mehrzahl wieder los und verurtheilte nur Wenige zu Arrest von einem bis zu drei Monaten. Das Resultat der in den Händen des Staatsanwaltes befindlichen Processe ist noch unbekannt. Der Gouverneur von Podolien, Miloradowitsch, kam, verweilte zwei Tage in Balta, sah sich das Werk des Pöbels und das Elend der Inden an, ließ sich von den Vorsichern der Juden, mit dem Rabbiner an der Spitze, der wie ein Kind Thränen vergoß, über ihr Unglück Bericht erstatten und — fuhr davon. Nach acht Tagen langen Harrens wurden endlich die Vertreter der Judenschast wieder vor den Bürgermeister gerufen, um die Trostworte, mit denen der Gouverneur sie von seiner Residenz aus bedachte, zu vernehmen. Ein Erlaß des Gouverneurs, der ihnen vom Bürgermeister vorgelesen wurde, erklärte ihnen, was sie in der Zukunft von der Obrigkeit zu erwarten haben. Es heißt darin, der Gouverneur sei überzeugt, daß die Juden, und nur die Juden allein, Schuld an ihrem Unglücke tragen, er könne daher ihnen nur den Rath ertheilen, sich in ihrem Betragen zu verbessern, wie auch in dieser Hinsicht auf ihre Stammesgenossen einzuwirken, da er widrigenfalls für die Zukunft nicht bürge. Ein Bericht ähnlichen Inhalts wurde von ihm auch nach Petersburg gesendet, um einen Beitrag zu leichteren Lösung der Judenfrage zu liefern. Auch der Bericht des hiesigen englischen Vice-Consuls, Mr. Gent, der sich vor einigen Tagen nach Balta begeben hat, konnte kein vollständiges und authentisches Bild des Zustandes, in den die dortigen Juden versetzt worden sind, bieten. Mr. Gent stieg in Balta bei einem Doctor ab und verweilte nur zwei Stunden daselbst, ohne das Haus zu verlassen. Er war also nur auf Das angewiesen, was er dort gehört hatte und in Folge dessen konnte es Vorkommen, daß auf Grund seines Berichtes Staatssecretär Dilke im englischen Parlamente erklärte, es seien in Balta nur ein Jude und eine Jüdin getödtet worden. Zu den Judenverfolgungen in Rußland. Sämmtliche Wiener Journale brachten einen Aufruf her- .vorragender christlicher Bürger zu Gunsten der russischen Juden. Baron Leitenberger und Graf Edmund Zichy stehen an der Spitze dieses durchwegs aus christlichen Notabilitäten zusammengesetzten Comito's. In dem Aufruf heißt es nach Schilderung der an den Juden in Rußland begangenen Greuel: ״Die Unterzeichneten rufen nicht allein die Barmherzigkeit, sondern auch alle anderen edlen Gefühle an, welche durch diese tief beklagenswerthen Vorfälle verletzt sind- Jede Spende, die ihnen zukommt, wird nicht blos ein Beweis des Edelmuthes ihrer Mitbürger sein, der sich noch bei keinem würdigen Anlaß verleugnet hat; sie sei auch die Probe ihrer Unbefangenheit und Vorurtheilslosigkeit, ein Tribut, welcher der Würde des ganzen menschlichen Geschlechtes dargebracht wird." — Der Aufruf trägt folgende Unterschriften: Dr. Arlt. Dr. Anton Banhans. Eduard Edler von Bauernfeld. Johann Ritter v. Chlumecky. -Otto Graf Chotek. Franz Graf Coronini-Crouberg. Heinrich Freiherr v. Doblhoff-Dier. Nikolaus Dumba. Doctor Cajetan Felder. Leopold Ritter v. Hafner. Anton Ritter v. Hye-Gluuek. Eugen Graf Kinsky. Friedrich Freiherr v. Leiten berge r. Ludwig Lob mehr. Vincenz Miller von und zu Aicholz. Johannes Nordmann. Dr. Carl Rechbauer. Oberbaurath Friedrich Schmidt. Alexander Fürst zu Schönburg-Hartenstein. Gduard Sueß. Bürgermeister Eduard Uhl. Hanns Graf Wilczek. Edmund Graf Zichy. Dieser Aufruf zu Gunsten der russischen Juden erregte allgemeines Aufsehen und besonders in jüdischen Kreisen hat die edle Sprache desselben Enthusiasmus hervorgerufen. Seine kaiserliche Hoheit Kronprinz Rudolf und Krön-- Prinzessin Stefanie haben je 500 fl. zur Unterstützung der aus Rußland vertriebenen Juden gespendet. Kol Binnali u-T‘fillah. Das so schnell populär gewordene Musikwerk ״Lol Linnab u-T’filläli“ von dem bestens bekannten Componisten Herrn Lewandowski, kgl. Musikdirector in Berlin, ist soeben/nachdem die erste Auflage vollständig vergriffen, in zweiter, vermehrter und verbesserter Auflage erschienen und lassen wir die Vorrede zu derselben in Nachstehendem folgen: ״Beim Erscheinen des Kol Binnah 11-׳Fif1llah habe ich kaum vermuthet, daß so schnell eine zweite Auflage folgen würde. Aber trotzdem in dem vergangenen Decennium viele Werke für den gleichen Zweck in die Öeffentlichkeit getreten sind, ist die Nachfrage nach dem Lol Binnali u-P'lillab und dem Todah W’simrah noch ebenso lebhaft wie' vorher. So sehr es für jeden Cantor Bedürfniß sein sollte, eine liturgisch-musikalische Bibliothek zu besitzen, die ihn in Zweifelhaften Fällen belehrt, nach der oft erdrückenden Tagesarbeit erfrischt und ihm neuen Stoff zu geistiger Anregung zuführt, ebenso gerecht scheint mir der Anspruch dieser Männer, nur Werke durch den Druck veröffentlicht zu sehen, die den Bedürfnissen des Cultus vollkommen entsprechen. Es wird leider hierin häufig gefehlt und es wäre vielleicht für die heilige Sache von höherem Gewinn, wenn die Kritik beim Besprechen neuer Werke mehr Vorsicht üben wollte. Heber die Art der Ausbeute, welche man an meinen Werken geübt, habe ich gerechte Klage zu führen und der Mangel an Rücksicht, mit der man meine Arbeiten nachdruckt, verdient ernst gerügt zu werden. Man hat es sogar für geeignet gehalten, den Titel meines Werkes zu beautzen. — — Der zweite Theil von Totlah W'simrah, die Musik für B086bba8ebauaL •Tom-Ivippur. Pessaeh, Sehabouss. Ssukkoss, Chanueka, Purim. Tisehoh-b'aw. sowie Gesänge für Casualien und feierliche Gelegenheiten enthaltend, wird voraussichtlich im Juni erscheinen. Der Umfang dieses Theiles (300 Folioseiten), sein reicher Inhalt an Chören und Recitativen, wird, so hoffe ich, auf eine freundliche Anerkennung des großen Cantorenkreises und der israelitischen Gemeinden einen Anspruch erheben dürfen. Die Methode, meine Compofitionen Jahre hindurch im Pulte ruhen zu lassen, sie periodisch immer und immer von

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