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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-05-15 · Heft 18 (15.5.1882) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 18 (15.5.1882)
Date
1882-05-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 gierung tadelte und sie auf alle die schrecklichen Folgen einer solchen Politik aufmerksam machte. Die Juden, die darauf gefaßt sein-mußten, was sie während der Osterfeiertage zu erwarten haben, entschlossen sich in den meisten Städten Südrußlands, ihre Zuflucht zu dem Mittel zu nehmen, das sie in Rußland seit jeher in ähnlichen Fällen immer anwenden müssen, nämlich zur Bestechung der unteren Verwaltungsbeamten. Fast in jeder Stadt wurden reichliche Spenden zu Gunsten der Polizeibeamten gesammelt und diese Letzteren verpflichteten sich, Krawallen gegen die Juden vorzubeugen und, falls es doch zu einem Ausbruche käme, die Juden zu vertheidigen. Dort aber, wo die Juden dies nicht aus eigenem Antriebe thaten, machte die Polizei selbst sie darauf aufmerksam, es ja nicht zu unterlassen. Hunderte und Tausende von Rubeln armer Juden wurden derart angewendet, um die Polizeibeamten günstig zu stimmen und die Ruhe wurde um den Preis schwerer materieller Opfer Seitens der jüdischen Bevölkerung erkauft. Die Juden der Stadt Balta glaubten aber, auf ihre Ueberzahl rechnend — unter den 20.000 Einwohnern von Balta sind 15.000 Juden — das Mittel der Bestechung verschmähen und sich selbst schützen zu können. Gerade in Folge dessen waren in Balta die Plünderungen und Gewaltthaten am ärgsten. Schon vor den Osterseiertagen hatten sich daselbst die Symptome des nahenden Sturmes bemerkbar gemacht. Ein Edelmann, der die Juden haßte, weil er in Folge seiner Verschwendung ihnen viel Geld schuldet, sagte zwei Wochen vor den Osterfeiertagen im Gespräche mit dem Ortsrabbiner, daß er während des bevorstehenden Krawalls am Fenster sitzen und, seine Cigarre rauchend, dem Raube zusehen werde. Ein Polizeibeamter ließ die angesehensten Juden zu sich kommen und gab ihnen zu verstehen, daß sie ihn für sich gewinnen sollen, denn sonst könne er nicht für ihre Sicherheit garantiren. Die Juden wollten aber, wie schon erwähnt, diese Anspielungen nicht verstehen und eben dies führte ihr Verderben herbei. Den 29. März (10. April, Ostermontag) um 4 Uhr Nachmittags sammelte sich aus dem Kathedralplatze ein Haufe von ungefähr 40 Menschen, welche auf die vorbcigehenden Juden, gegen die Fenster der Häuser, die den Juden gehörten, Steine. zu werfen, begannen. Es enstand bald eine Rauferei zwischen den Juden und dem Pöbel, worauf der Bezirksvorsicher, der Polizeimeister, der Militärcommandirende und der Hauptmann des Ortsmilitärs auf dem Platze erschienen. Dem Militär wurde der Befehl ertheilt, die Juden zurückzudrängen und die Soldaten begannen die Juden mit den Kolben zu schlagen, um sie zu vertreiben. Unterdessen fuhr aber die Menge ungehindert fort, die Nachbarhäuser zu demoliren. Man hätte leicht die ganze Menge arretiren und auf diese Weise dem Krawall ein Ende machen können. Die Polizei, nachdem sie 15 Mann arretirt und die übrige Menge vom Kathedralplatze vertrieben hatte, kümmerte sich jedoch um nichts weiter und begab sich nach Hause. Die Menge, immer mehr anwachsend, begab sich unter Lärmen und Schreien in jenes Viertel der Stadt, das man das türkische nennt und welches von der Mitte der Stadt durch ein Flüßchen getrennt ist, über das eine kleine Brücke führt. Fortwährend strömten Leute aus den anderen Stadttheilen herbei, wo sich die Nachricht verbreitet hatte, daß die Juden die Cathedrale demoliren wollten. Das Militär, welches dem Volke gefolgt war, bildete aus der Brücke einen Cordon, durch welchen die Christen frei hin und her passiren durften, während die Juden nicht durchgelassen wurden. So war den Juden aus anderen Stadttheilen vollständig die Möglichkeit benommen, ihren Glaubensgenossen im türkischen Stadttheile zu Hilfe zu kommen. Der Pöbel, der sich dadurch geschützt sah und nirgends auf Widerstand stieß, plünderte nun die jüdischen Häuser und vernichtete Alles, was nicht sortgeschleppt werden konnte. Auf das Angstgeschrei, das man aus dem türkischen Viertel deutlich hörte, ׳ bemühten sich die Juden aus dem Centrum der Stadt vergebens, den Unglücklichen zu Hilfe zu kommen, da das Militär sie nicht durchließ. Einer der angesehensten und einflußreichsten Juden in Balta, Namens Blank, lies, als er das Jammergeschrei hörte, auf die Straße und begegnete dem Polizeimeister und dem Hauptmanne, die Beide noch gestern seine Freunde waren; er bat sie, den bedrohten Juden beizustehen; sie stießen ihn aber roh zurück. Drohend wurde ihm zugerufen: ״Euch Juden geschieht recht, ihr verdient noch mehr". In der Nacht vom Montag auf Dienstag schickte die Polizei um die Bauern der Nachbardörfer. Es wurde aber, ob absichtlich oder'zufällig, den Bauern nicht mitgetheilt, weßwegen man sie rufe. Es wurde ihnen nur der Befehl ertheilt, bewaffnet zu erscheinen, um der Polizei beizustehen. Die Bauern, die Aufforderung so auffassend, daß man sie zum Beistand gegen die Juden rufe, erschienen am nächsten Morgen in der Stadt, 500 an der Zahl, mit Stöcken und Brecheisen bewaffnet. Auf die von mehreren Personen an sie gerichtete Frage, zu welchem Zwecke sie gekommen seien, gaben die Bauern zur Antwort: ״Um auf Befehl der Polizei die Juden zu schlagen!" Die Bauern vereinigten sich bald mit den Banden, welche Tags vorher das türkische Viertel überfallen und begannen nun, mit denselben vereinigt, das Werk der Plünderung. Zerstörung und blutigen Gewalt gegen alle Juden in Balta. Alle Jene, die man Tags vorher arretirt hatte, waren aus ״Ehrenwort" sreigelaffen worden. Die Menge theilte sich in mehrere Banden und zerstreute sich über die ganze Stadt. Das Militär, das auf den Straßen sich befand, sah gleichgiltig dem Wüthen des Pöbels zu und bat nur hin und wieder, etwas vorsichtiger zu sein. Ein höherer Officier fuhr in der Stadt umher und betrachtete lächelnd das Bild der Zerstörung. Er hielt vor einem Magazine an, neben welchem verschiedene aus demselben geworfene Waarcn lagen und vor den Augen der ganzen Menge nahm er aus einem Haufen einen rothen Gürtel und schenkte denselben seinem Kutscher. Dann ging er zur nächsten Colonialwaarenhandlung, die gerade von der Menge geplündert wurde, nahm aus einem Haufen vernichteter Waaren einige Nüsse, knackte dieselben auf und sah neugierig der Fortsetzung der Plünderung zu. Der Eigenthümer des Geschäftes, der auf ihn zuging und ihn um Schutz anflehte, wurde von ihm mit solgenden Worten abgewiesen: ״Schweig', Jude, oder ich lasse dich arretiren!" Die gleiche Antwort erhielt auch ein anderer Jude, Ljubarsky, der Eigenthümer eines Weinkellers, als er sich an diesen Officier mit derselben Bitte wendete. Ebenso wie ihr Chef verhielten sich sämmtliche Polizeibeamten. Das Haus des reichen Mar ein es wurde von 8 bis 10 Mann überfallen. Nachdem sie alle dort befindliche Habe — wie Möbel, Spiegel, Kleider, Geschirr u. s. w. — vernichtet hatten, wollten sie in Gegenwart von Polizeibeamten und Polizeiwachen (die vom Eigenthümer eine große Summe Geldes bekommen hatten, damit sie ihn schützen) die eiserne Casse.zerschlagen. Der Polizeimeister begnügte sich damit, daß er die Menge bat, wegzugehen und da die Plünderer ihm nicht gehorchten, sondern sortfuhren, auf die Casse loszuschlagen, machte er ihnen den Vorschlag, noch zehn Schläge zu machen, das heißt es darauf ankommen zu lassen, daß sie dadurch die Casse zertrümmern und dann berauben können. Die Bande machte noch sechszehn Schläge und erst als diese erfolglos blieben, entfernte sie sich. Der oberwähnte Edelmann löste auch getreu sein dem Rabbiner gegebenes Wort: er saß beim Fenster mit der Cigarette im Munde und schaute ruhig den vor seinen Augen verübten Gewaltthaten zu; er sah sich nicht einmal veranlaßt, zu interveniren, als eine Bande in sein eigenes Haus drang, um den dort befindlichen Laden eines Juden auszuplündern. Wie leicht es der Polizei rechtzeitig gelungen wäre, der ganzen Bewegung Herr zu werden, wenn sie nicht die Hände in den Schooß gelegt hätte, das mögen einzelne Fälle beweisen, in denen es Männern von Einfluß glückte, durch wenige Worte die Menge zur Vernunft zu bringen. Der Accisebeamte Lasinski bewog einen Pöbelhaufen, eine ganze Gaffe (die Postgaffe) zu räumen und dieselbe blieb auch unversehrt. Ein Hausherr, Namens Tomin, bewahrte durch seine Autorität alle in seinem Hause befindlichen Magazine, deren Inhaber Juden waren, vor Plünderung. Leider waren solche Fälle selten, weil die Polizei nicht nur die redlichen Bürger in ihrem Vorhaben nicht unterstützte, sondern ihnen hinderlich in den Weg trat. ' - Nach der statistischen Aufnahme des Präsidiums des in Balta nach der Katastrophe gebildeten Unterstützungscomits's beträgt der den Juden durch die Plünderung und Zerstörung zugefügte Schaden mindestens 1,200.000 Rubel. Es wurden

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